waldweg „Das ist wirklich schön!“ Haben Sie solch einen Satz auch schon gelegentlich ausgesprochen oder gehört? Vielleicht ja auch „Das ist jetzt aber wirklich bescheuert!“ und ähnliche Meinungsäußerungen dieser Art? Gibt es sie eigentlich, diese Wirklichkeit? Vielleicht gibt es sie ja eher nicht, diese eine wirkliche Wirklichkeit, aber dafür eine Menge kleiner Wirklichkeiten – für jeden eine, die seine, ganz individuelle. Aber bevor es nun anfängt unübersichtlich zu werden, vielleicht erst einmal ein wenig Recherche zu diesem Begriff „Wirklichkeit“.

Was bei näherem Hinsehen als Erstes auffällt, das ist wohl die Begriffsvermischung bei den Worten „Wirklichkeit“ und „Realität“. Als Realität (lat. Realitas, von res „Ding“) wird gemeinhin, so sagt uns Wiki, die Gesamtheit des Realen bezeichnet, also alles, was keine Illusion ist. Da könnte man natürlich schon einhaken und entgegenhalten, dass es diese Realität eigentlich gar nicht gibt.
Alles was wir kennen, sind elektrische Signale in unserem Gehirn und daraus formt unser Bewusstsein – übrigens unter kräftiger Beteiligung des Unterbewusstseins und unserer Gefühle – das, was wir dann für die Realität halten. Nehmen wir zum Beispiel unsere Fähigkeit zu sehen. Was genau passiert eigentlich, wenn wir etwas sehen? Lichtstrahlen gelangen durch ein Objektiv, also unsere Pupillen, in unser Auge und treffen dort auf die Netzhaut.
In der Netzhaut wird dieses Licht in Nervenimpulse, also elektrische Signale umgewandelt, die in unser Sehzentrum im Gehirn weitergeleitet werden. Dort entstehen für uns dann die Bilder, die wir meinen zu „sehen“. Eigenartig, in unser Sehzentrum gelangt niemals auch nur der kleinste Lichtstrahl und trotzdem macht dieses Sehzentrum uns glauben, dass die Sonne oder die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Fahrzeuges uns gerade blenden.
Genau so verhält es sich mit dem Hören, Fühlen (also unserem Tastsinn), dem Schmecken oder Riechen.
Nichts von außen gelangt jemals direkt in unser Gehirn. Einzig und allein elektrische Signale werden in unserem Gehirn zu dem verarbeitet, was wir glauben wahrzunehmen und was wir dann, einigermaßen vermessen, „die Realität“ nennen. Ungeachtet aller wissenschaftlichen Methoden und Wegen, das, was ist, also die Realität zu vermessen, zu beobachten und zu beschreiben, werden wir nie einen Beweis dafür führen können, dass alles sich auch tatsächlich so verhält. Als ein kleiner, allerdings schwacher Beweis mag gelten, dass alle Menschen bestimmte Dinge ähnlich wahrnehmen und aus diesem Konsens ließe sich ableiten, dass alles wahrscheinlich auch so ist. Aber das ist, wie erwähnt, eine ziemlich schwache Beweisführung und sie erinnert mich immer ein wenig an diesen alten, lustigen Spruch: „Kot schmeckt gut, denn Milliarden Fliegen können nicht irren!“

Nach diesem kleinen Schlenker zur Realität nun aber doch zurück zur Wirklichkeit. Aristoteles hat diesen Begriff in einem Zusammenspiel von Werk und Wirken gesehen, wobei er die Betonung mehr auf das „Werk“ gelegt, während der Philosoph Eckhart von Hochheim (Meister Eckhart) in erster Linie wohl die Handlung, also das Wirken im Blick hatte. Wie auch immer, heute einigen wir uns mal auf den Schwerpunkt des Wirkens und zwar darauf, wie etwas auf oder in uns wirkt. Da sind wir dann bei den vielen verschiedenen „Wirklichkeiten“, die ich zu Anfang erwähnt habe. Ich versuche mal ein kleines, leicht nachvollziehbares Beispiel:

Sie und ich spazieren an einem Herbsttag gemeinsam einen schönen Waldweg entlang. Wir freuen uns an den bunten Farben der Blätter, Gräser und Büsche und ich achte nun gerade nicht so sehr auf die Beschaffenheit des Weges. Ich stolpere deshalb über einen Feldstein auf dem Weg, falle und lande der Länge nach in einer ziemlich großen und ziemlich matschigen Pfütze. Sicher können Sie sich vorstellen, dass ich darüber nicht sehr erfreut wäre und anfinge, recht lautstark zu schimpfen. Das würde Sie, als den Begleiter an meiner Seite, der immer noch gedankenverloren die Schönheit des herbstlichen Waldes bewundert, sicher zunächst irritieren.
Was ist geschehen? Die Realität ist, auf dem Weg liegt ein großer Stein. In meiner „Wirklichkeit“ ist das eine ziemlich ärgerliche Sache, denn aufgrund dieses Steines mitten auf dem Weg, bin ich gestolpert. In Ihrer Wirklichkeit hat der Stein zunächst aber gar keine Bedeutung, er war für sie gar nicht vorhanden. In Ihrer Wirklichkeit existierte dieser Stein nicht, weil er auf Sie keine „Wirkung“ ausgeübt hat.

Ein anderes kleines Beispiel, was nicht ganz so gegenständlich ist, aber eben auf dem gleichen Prinzip beruht, wäre folgendes:
Jemand wurde in seinem Leben öfter mal als „faul“ bezeichnet und zwar in sehr verletzender Weise. Sei es nun durch die Eltern, Lehrer, Vorgesetzten, Kollegen oder wen auch immer, diese häufige Abqualifizierung oder als beleidigend empfundene Titulierung, hat Wirkung hinterlassen und eine gewisse Empfindlichkeit ist über die Jahre an dieser Stelle gewachsen. Nun stellen Sie sich vor, jemand, für den diese Bezeichnung „faul“ nicht solch eine Bedeutung erlangt hat, weil sie in seiner „Wirklichkeit“ nie eine Rolle gespielt hat, nennt den anderen jetzt spaßeshalber eine „faule Socke“. Dann wird das voraussichtlich zwei Folgen haben. Der eine, derart angesprochene Mensch wird ziemlich heftig reagieren, sich beleidigt fühlen und vielleicht auch gleich zu einem verbalen Gegenangriff bereit sein. Der Andere wird wahrscheinlich aus allen Wolken fallen und sich wundern, wieso die Reaktion so heftig ausfällt, weil in seiner Wirklichkeit der Ausdruck „faul“ nie eine solche Bedeutung erlangt hat. Für ihn war das nur ein kleiner, lustiger Scherz.

Mein Fazit aus diesem kleinen Spaziergang durch „die Wirklichkeit“ ist, dass immer dort, wo Menschen aufeinander treffen und Umgang miteinander haben, auch immer viele „kleine Wirklichkeiten“ zusammenprallen, die Aktionen, Reaktionen, Empfindlichkeiten und Gedankenlosigkeiten erzeugen. Und das in den seltensten Fällen aus böser Absicht heraus, jedenfalls nicht wirklich.

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