OLYMPUS DIGITAL CAMERA         Du sahst so verloren aus, in deinem grauen Mantel, den Kragen hochgeschlagen und die Arme fest um deine Umhängetasche geschlungen. An der Bushaltestelle war niemand sonst an diesem nebligen Herbstmorgen, nur ein Rabe am Rand des gegenüberliegenden Feldes hob manchmal den Kopf und dann sah es aus, als beäugte er dich neugierig.

 

Als ich das nächste Mal einen Blick aus dem Fenster warf, fuhr der Bus gerade wieder ab, aber du warst nicht eingestiegen. Der sich langsam entfernende Bus verstärkte diesen Eindruck von Verlorenheit.

Warum bist du stehengeblieben? Hast du auf jemanden gewartet? Hattest du kein Ziel, wusstest nicht wohin an diesem Morgen? Mir war danach hinüberzulaufen, dich einzuladen in die warme Wohnung zu einer Tasse Kaffee. Aber das wäre dir sicher aufdringlich erschienen und hätte dir vielleicht sogar Angst eingeflößt. Also blieb ich einfach nur am Fenster stehen und schaute zu dir hinüber.
Vielleicht hast du mich gesehen? Manchmal bewegtest du deinen Kopf, so als wolltest du den Nebel aus deinen Haaren schütteln. Dein schmales Gesicht blieb seltsam unbewegt, nur in deinen Augenwinkeln glaubte ich dann und wann ein Glitzern zu sehen, wie Tränen. Gedankenverloren wandte ich mich vom Fenster ab, um wieder zu arbeiten.
Eine halbe Stunde später hielt es mich nicht mehr an meinem Schreibtisch. Ich wollte wissen, ob du noch dort stehst, an dieser Bushaltestelle, allein, mit hochgeschlagenem Mantelkragen der Kälte eines immer noch nebligen Herbsttages trotzend. Du warst fort. Hatte dich jemand gefunden, dich aus der Verlorenheit gerissen?
Wenn ich heute an nebligen Herbsttagen aus dem Fenster schaue, suchen meine Augen dich. Du bist nicht wiedergekommen, hast nie mehr an dieser Bushaltestelle gestanden, in deinem grauen Mantel, so verloren. In den Randnotizen des Lebens standest du für einen kurzen Augenblick in der Rubrik verloren/gefunden. Ich hätte dich abholen sollen. Ich glaube, wir hätten uns lieben können.

 

Foto:Kristin Scharnowski/Pixelio.de

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