Jenseits-Projekt

Wenn die Menschen die Wahl haben zwischen den Theorien fehlbarer Menschen und den unfehlbaren Offenbarungen eines allwissenden Gottes, sind sie geneigt, dem begrenzten menschlichen Verstand den Vorzug zu geben.
(Papst Franziskus – Das Jenseits Projekt)

Der Physiker Hans-Peter Dürr, langjähriger Mitarbeiter Werner Heisenbergs, schrieb in seinem Buch „Geist, Kosmos und Physik“ auch über unsere Unfähigkeit, die Welt als Ganzes zu sehen und zu verstehen. Unter der Überschrift „Erkennen verändert die Welt“, schrieb er:

„Wenn wir von der Welt sprechen, in die Welt hineinsehen, dann vergleichen wir unsere Bilder miteinander und sind oft verschiedener Meinung. Wir machen den Fehler zu glauben, dass das, was jeder von uns in dieser Welt sieht, dasselbe ist, das auch der andere sieht. Aber es ist durch unsere spezielle Wahrnehmung gefiltert und deformiert. Denn dort, wo wir empfindlich sind, nehmen wir mehr wahr, und dort, wo wir unempfindlich sind, nehmen wir überhaupt nichts wahr. Das heißt, die wahrgenommene Welt ist eine ganz andere als die Welt da draußen.“

Unser menschlicher Drang zu erkennen, unsere große Sehnsucht danach, zu wissen und zu verstehen, haben uns an einen Punkt geführt, der unser Begriffsvermögen bei weitem übersteigt. So kommt der berühmte Physiker Dürr denn auch zu dem Fazit:

Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen. Die Wissenschaft hat ihre Vorrangstellung eingebüßt. Wir haben immer gemeint, wir Wissenschaftler können sagen, was ist und was nicht ist. Jetzt müssen wir aber einsehen, dass auch wir streng genommen in Gleichnissen reden müssen.“

Das kann den menschlichen Geist auf Dauer nicht befriedigen. Wenn Dürr schreibt, „wir wollten die Welt in den Griff bekommen“, dann beschreibt das den menschlichen Wunsch, der schon in der biblischen Überlieferung mit den Worten „sein wie Gott“ beschrieben wird.

Der Mensch, am Ende seiner Erkenntnismöglichkeiten angelangt steht vor dem Dilemma, dass nichts so ist, wie es zu sein scheint. Wie Dürr als Fazit seiner Forschungen es ausdrückt – es gibt keine Teile, die es zu erforschen gilt, sondern nur die Welt als das Eine und Ganze. Keine Materie, sondern nur Energie, Wellen, die innere Formen oder Gestalten bildet. Er nennt diese Erkenntnis den Abschied vom endgültigen Verstehen.

Was vielleicht bleibt, ist der Versuch, sich dieser Energie, der wir den Namen „Gott“ geben könnten, zu nähern und so unseren begrenzten Erkenntnishorizont zu überwinden.

Mehr zum Buch „Das Jenseits Projekt“ 

isso.blog

Gedanken haben den großen Vorteil, dass sie frei in Zeit und Raum springen können. Das will ich ausnutzen und mit Dir einen kurzen Sprung zurück in die 70er Jahre zu machen.

Es sind wilde und spießige Zeiten zugleich. Die Tradition wird von Hippies, der Mode und obskuren Ansichten von freier Liebe und duftenden Hanfwolken geschockt.

Mit drei Fernsehprogrammen und Charts aus dem Radio sind wir kommunikativ im Vergleich zu heute recht eingeschränkt.

Es gibt keine Internetportale über die wie uns selbstdarstellen können. Es gibt noch nicht mal PCs oder gar Smartphones.

Aber hast Du schon gehört?

Der Thomas, der mit dieser älteren Brünetten aus dem Supermarkt zusammen ist, mit dem stimmt etwas nicht!

Wenn man im Gespräch auf seine alte Heimat und Familie zu sprechen kommt weicht er völlig aus und windet sich wie ein Aal, bis er es schafft, sich der Situation zu entziehen.

Ralf hat erzählt, er sei…

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Ja! Warum auch nicht? Mein neuer Thriller „Das Jenseits Projekt“, hat eine eigene Seite verdient. Ich freue mich über jeden meiner Lesefreunde, der mal dort vorbeischaut!

Screenshot Website

 

Was wäre, wenn wir Gottes Existenz wissenschaftlich beweisen könnten? Was wäre, wenn wir die technischen Möglichkeiten erlangen könnten, jederzeit mit ihm zu kommunizieren? Wenn wir herausfinden würden, dass unsere bekannte Realität nicht alles, sondern nur eingebettet ist in eine höhere Dimension? Eine Dimension in der Gut und Böse, Licht und Finsternis einander bekämpfen?
Mit sorgfältig recherchierten Fakten aus Teilchenphysik, Kirchenpolitik, dem Geheimdienstmilieu und den Zentren der Macht, sowie mit Fiktion und Phantasie, schildert der Autor eine spannende Auseinandersetzung, die vielleicht genau so stattfinden könnte.

Sec's Club

Anz1Ein bissl Unbehagen hatte ich schon bei dem Gedanken, dass ein Wissenschaftler mal auf mein Buch stoßen könnte und meinen Versuch, Phantasie, Glaube und Physik zu verbinden, prüfen würde. Dass nun gleich die erste Rezension bei Amazon von einem Physiker, Hochschullehrer und IT Spezialisten geschrieben wurde, hat dieser „Zitterpartie“ ein Ende gesetzt. Mit viel Vergnügen habe ich diese erste Bewertung gelesen und möchte sie hier teilen:

Top-Kundenrezensionen

5.0 von 5 Sternen
Spannung, Religion und Naturphilosophie
Von Walter Jaisli am 30. April 2017
Format: Taschenbuch Verifizierter Kauf

„Spannung ist das erste was man von einem Buch erwartet, das seine Gattung Thriller auf dem Deckel trägt; und spannend ist das Buch von Gerd Adameit von der ersten bis zur letzten Seite. Es beginnt in einem kleinen Kloster in Jerusalem und es endet überraschend für Protagonisten und Leser gleichermaßen in… Nein das wird nicht verraten.
Dazwischen ein munteres Treiben um Intrige und Verrat…

Ursprünglichen Post anzeigen 477 weitere Wörter

Sec's Club

Anz1

Was für eine schöne Überraschung! Ich habe zwar selbst noch kein Exemplar meines Romans „Das Jenseits Projekt“ in den Händen, aber Amazon hat es schon auf Lager und bietet mir an, es bis morgen zu liefern. Das eBook gibt es leider erst in ca. 3 Wochen, aber vielleicht hat Amazon es ja auch schon vor mir 🙂

https://www.amazon.de/dp/3743913151/ref=olp_product_details?_encoding=UTF8&me=

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dann ist es soweit!

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Pfahlhammer
Normalerweise treffen mein Freund Piet und ich uns ja am späten Nachmittag oder gegen Abend, um an seinem Küchentisch bei einem Glas guten trockenen Roten die Welt zu ordnen. Kürzlich machte ich mich allerdings schon früh am Morgen auf den Weg zu ihm. Durch die stürmischen Winde in den letzten Wochen war eine große Sichtblende in unserem Garten in Schieflage geraten und einer der Pfähle musste einbetoniert werden.

 

Ich beschloss, das bei wärmeren Temperaturen im Frühling zu tun und den Pfahl bis dahin abzustützen.Um eine Stütze in unseren Marschboden zu schlagen braucht man vor allem zwei Dinge: Ausdauer und einen schweren Hammer! Die Ausdauer ist meine Sache, aber den schweren Hammer, den würde ich sicher bei Piet finden. Sein Werkstattschuppen ist eine Fundgrube, in der alles, was man vielleicht irgendwann einmal brauchen kann, mit Sicherheit zu finden ist. Ein großer Hammer sowieso! Wie erwartet, werkelte Piet schon in seinem Werkstattschuppen. Er gehört zu den Menschen, die nie gelernt haben, einfach mal nichts zu tun – auch als Rentner nicht.

„Moin Piet!“ rief ich fröhlich. Bei dem Lärm der Maschine, mit der Piet gerade die Kette einer Säge schärfte, hätte er das wohl kaum gehört, wenn unser Hund Schoppie ihn nicht gleichzeitig freudig begrüßt hätte. Piet schaltete die Maschine aus, setzte die Schutzbrille ab und befreite sich aus Schoppies liebevoller „Umarmung“.

„Moin!“ sagte er lächelnd und fügte grinsend hinzu: „Was fehlt dir denn?“
„Ein schwerer Hammer.“ antwortete ich verlegen.
„Da musst du zum Arzt, der verschreibt Viagra. Sowas hab ich nicht!“
Lachend erklärte ich:“Eigentlich dachte ich dabei an einen Hammer, mit dem ich einen Holzpfosten in den Boden rammen kann.“
„Da bist du bei mir richtig.“ erwiderte Piet und holte aus einer Ecke einen großen Hammer der Sorte, wie ich sie aus meiner Kindheit vom „Hau den Lukas“ Stand auf der Kirmes kannte.
“Für nen guten trockenen Roten ist es ja wohl noch zu früh und meine Madam ist unterwegs, deshalb gibts auch keinen Kaffee.” Piet kratze sich verlegen am Kopf.
“Du, das ist kein Problem, ich muss ja zusehen, dass ich den Pfosten in den Boden kriege, bevor meine Madam das Signal zum Brunch gibt.”

Piet grinste. “Diese modernen Ausdrücke. Ich frage mich manchmal, wer sich sowas ausdenkt und ob das sein muss. Früher nannten wir das Faulenzerfrühstück, das ist eine Art vorgezogenes Mittagessen für Langschläfer. Aber was soll’s? Die Zeiten ändern sich, die Menschen auch und zurück bleibt der staunende Piet, dem das manchmal alles nicht ganz geheuer ist. Heute Morgen habe ich übrigens die Nachrichten im Radio gehört und war mal wieder vollkommen von den Socken.”

“Wieso? Ist was passiert, was mir entgangen ist?”

“Na ja, Opel ist doch jetzt verkauft worden, für immerhin über 2 Milliarden Euro. Also so mit allem Drum und Dran, Opel Finanzsparte und sowas alles…”

“Das hab ich in der Zeitung gelesen, Piet, aber was ist daran so bemerkenswert? Ich finde es gar nicht schlecht, dass Opel nun im Besitz von Peugeot, also in den Händen eines europäischen Partners sein wird.”

“Das mag ja angehen.” erwiderte Piet nachdenklich und hob seine Hand. Das tut er immer, wenn er etwas besonders Wichtiges sagen will. “Aber in den gleichen Nachrichten wurde berichtet, dass dieses Softwareunternehmen, Schnäppschätt oder wie die heißen, seine Aktien an die Börse gebracht hat und nun 30 Milliarden wert ist.” “Joh Piet, das hab ich auch gelesen, aber was hat Opel mit Snappchat zu tun?”

“Nix, mein Freund, rein gar nix. Mir fiel in dem Bericht nur auf, dass dieses Unternehmen noch nie Gewinne gemacht hat und dass es nicht sicher ist, ob es je Gewinne machen wird. Opel hat Gewinne gemacht, baut im Jahr eine Millionen Autos, beschäftigt europaweit 100.000 Menschen und kann durchaus auch künftig wieder Gewinne machen. Fällt dir da nix auf?”

“Genau genommen schon.”

Nachdenklich schwiegen wir für eine Weile. Mein Freund Piet mag nicht besonders bewandert sein, wenn es um wirtschaftliche Zusammenhänge geht, aber die Grundrechenarten beherrscht er gut genug, um den Unterschied zwischen 2 Milliarden und 30 Milliarden zu erkennen. Er mag nicht viel darüber wissen, wie Aktien bewertet werden und der Zusammenhang zwischen dem Unternehmenswert und der zukünftigen Gewinnerwartung mag ihm fremd sein, aber dass ein Unternehmen, dessen Börsenprospekt ausdrücklich darauf hinweist, dass es eventuell niemals die Gewinnzone erreichen wird, nun plötzlich 30 Milliarden wert ist, während ein anderes Unternehmen, das hunderttausend Menschen mit Lohn und Brot versorgt, tatsächlich sichtbare Werte schafft und in der Vergangenheit bewiesen hat, dass es Gewinne erwirtschaften kann, gerade mal mit 2 Milliarden bewertet wird, das war ihm sofort seltsam erschienen. Piet unterbrach unser Schweigen.

“Ich muss jetzt sehen, dass ich meine Kettensäge wieder ans Laufen bringe. Die mag, vom Kaufpreis her nicht sehr viel wert sein, aber sie hat mir schon geholfen, viele Kubikmeter Feuerholz zu machen, das scheint mir ein entscheidender Punkt zu sein, wenn es darum geht, welchen Wert etwas hat. Ich weiß nicht, was dieses Schnäppschätt für die Menschen bringt, aber das muss ich wohl auch nicht. Was ich allerdings gelernt habe, bei dem Vergleich mit Opel, dass die Frage, wieviel Geld man für etwas bezahlt, wohl heutzutage nicht mehr so sehr viel damit zu tun hat, welchen Wert es für die Menschen hat. Eine seltsame Welt ist das geworden, in der wir heute leben.”

“Jo, Piet! Ich muss mich dann auch mal mit meinem Pfosten beschäftigen.”

Wir gaben uns die Hand, ich schulterte den schweren Hammer und während Piet seine lärmende Schleifmaschine startete, machten unser Hund Schoppie und ich uns auf den Heimweg. Piet hatte mich mal wieder nachdenklich gemacht. Es gibt Werte, nach denen wir unser Leben ausrichten, Werte, die wir mit unseren Händen schaffen und Werte, die an Börsen ausgerufen werden. Allen gemeinsam ist wohl, dass sie nichts miteinander zu tun haben.

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Kürzlich hatten mein Freund Piet und ich endlich mal wieder Zeit, miteinander an seinem Küchentisch zu sitzen und bei einem Glas gutem trockenen Roten die Welt zu ordnen. Wir tun das gelegentlich ganz gern, wir drei. Piet und ich auf der Eckbank am Küchentisch und unser Hund Choppie darunter.

 

Manchmal leisten uns auch Piets Frau Adelgunde oder mein holdes Eheweib dabei Gesellschaft, meist ist es aber eine reine Männersache, zu der nicht einmal Piets Dackel Lilly zugelassen ist.
Nachdem Piet uns eingeschenkt hatte, hob er sein Glas und rief:

Auf den Papst, möge er lange leben und weiterhin Klartext reden!“

Das verschlug mir die Sprache. Ich kannte Piet bisher nicht als sonderlich religiösen Menschen und erst recht nicht als glühenden Verehrer des katholischen Papstes. Ich hob also zunächst einfach wortlos mein Glas, prostete Piet zu und nahm einen kräftigen Schluck Roten.
Nachdem ich meine erste Überraschung verdaut hatte, fragte ich so beiläufig und ohne besondere Betonung:

Bist du jetzt katholisch geworden?“

Piet lachte schallend:
„Nee, mein Freund, du weißt doch, dass ich ein nicht sonderlich frommer Evangele bin und das bleibt auch so. Ich werd‘ doch in meinem Alter nicht mehr mit Wallfahrten und Aschekreuzen beginnen.“

Dann musst du mir deinen Trinkspruch aber näher erläutern.“ entgegnete ich, „Schließlich ist der Papst nicht nur katholisch sondern auch ziemlich fromm.“

Piet grinste. Wie immer, wenn er etwas Wichtiges sagen wollte, hob er die Hand, so als wolle er ein imaginäres Publikum zum Schweigen bringen.

Ich hab‘ da kürzlich einen Bericht gelesen, über eine Ansprache, die der Papst Ende Januar bei einer Zusammenkunft von katholischen und evangelischen Pilgern gehalten hat. Bemerkenswert klare Worte, die der fromme Mann da ausgesprochen hat.
Ich geb‘ es mal in meinen Worten wieder: Wer von sich sagt, er sei Christ, den Ärmsten der Armen, den Flüchtlingen, Heimatlosen, Hungernden, Verletzten und Kranken aber die Barmherzigkeit verweigert, der ist ein Heuchler. Du kannst nicht behaupten, du seist Christ, aber einen zentralen Punkt der christlichen Leere und Auftrag Christi an seine Nachfolger verneinen.
Es ist ein heuchlerischer Widerspruch, zu behaupten, das Christentum im Westen zu verteidigen und gleichzeitig gegen Flüchtlinge und andere Religionen zu kämpfen.
Klarer geht es doch nicht, oder?“

Nachdenklich nickte ich. Natürlich hatte der Papst recht! Zu behaupten, man wolle die Liebe mit den Waffen des Hasses verteidigen oder erzwingen, ist ebenso dumm, wie verlogen. Piet musste meine Gedanken gelesen haben, denn nach ein paar Momenten des Schweigens fuhr er fort:

Würde ein Feuerwehrmann behaupten, er wolle mit ein paar Kanistern Benzin ein Feuer löschen, dann würde ihn doch jeder für verrückt halten. Was ich nicht verstehe ist, dass diese glühenden Verteidiger des christlichen Abendlandes glauben, man könne ihnen ihre vorgeschobenen Motive abnehmen.
Ich bin nicht sehr bewandert in christlicher Lehre und Dogmatik, schließlich ist mein Konfirmandenunterricht schon viele Jahrzehnte her,“ ergänzte er lächelnd, „aber soviel weiß ich, wer keine Barmherzigkeit mit Leidenden und Bedürftigen kennt, der ist kein Christ. Mag er sich selbst auch so nennen, sein Handeln beweist, dass er ein Heuchler ist.“

Es tut manchmal wirklich gut, an Piets Küchentisch die kompliziert scheinenden Vorgänge in der Welt ein wenig zu vereinfachen und auf den tatsächlichen Kern zu reduzieren.

 

Foto: Helene Souza  / pixelio.de

335266_original_r_k_b_by_knipseline_pixelio-deIn letzter Zeit haben wir uns eher selten getroffen, mein Freund Piet und ich. Die gemütlichen Stunden an seinem Küchentisch, mit einem guten trockenen Roten auf dem Tisch und unserem Hund Choppie unter der Eckbank haben mir gefehlt. Es wurde höchste Zeit, mal wieder miteinander zu plaudern und gemeinsam die Welt zu ordnen.

 

Piet hat manchmal einen recht bissigen Humor, der sich meist sehr spontan und trocken äußert. „Wer sind Sie?“ war seine Frage, als ich den gewohnten Weg über seinen Hof genommen hatte und durch die Hintertür in die Küche eingetreten war. Ich musste bei seinen Worten und seinem gespielten Entsetzen schallend lachen.
„Du kennst also deinen besten, weil einzigen Mitstreiter im Verein zur Förderung des Konsums trockenen Rotweins nicht mehr?“
„Jetzt kommt mir so langsam eine dunkle Erinnerung.“ entgegnete er grinsend. „Was für ein Zufall! Gerade habe ich eine Flasche Roten zur Verkostung geöffnet. Setz dich und sag deinem Hund, er soll sofort aufhören, an der Tür zur Speisekammer zu kratzen.“

Der Franzose, wie Piet unseren Hund Chopin immer zu nennen pflegt, hatte allerdings beschlossen, jegliche Anweisung seines deutschen Begleiters zu ignorieren. Ein kleines Leckerli, einladend unter der Eckbank platziert, hatte dann die überzeugende Wirkung. Alle waren nun an ihrem Platz und der Rote funkelte schon verlockend in den Gläsern.
„Hast du soviel mit Weihnachtsvorbereitungen zu tun,“ fragte Piet, während er sein Glas hob, „dass du deine Freunde vollkommen vergisst?“
„Du weißt doch selbst,“ antwortete ich schuldbewusst, „dass Ehefrauen die seltsame Angewohnheit haben, mit dem Beginn der Adventszeit lange Listen anzufertigen, mit dringenden Aufgaben, die ihr Göttergatte in Haus und Garten noch unbedingt vor Weihnachten erledigen sollte.“
„Joh,“ rief Piet zustimmend. „so als wäre an Weihnachten der Weltuntergang und vorher müsse nochmal Ordnung geschaffen werden.“

Nach dem ersten Glas des vorzüglichen Roten und einer lockeren Unterhaltung über Ereignisse und die Dorfneuigkeiten der letzten Wochen, hob dann Piet wieder einmal seine Hand. Das tut er immer, wenn er etwas loswerden will, was ihn gerade beschäftigt oder ihm wichtig erscheint.

„Sag mal, backt ihr auch schon Plätzchen und Weihnachtsgebäck? Ich frage absichtlich danach, ob ihr backt, weil es bei uns so ist, dass ich in der Adventszeit regelmäßig zum Backstubengehilfen ernannt werde.“

Bei der Vorstellung, wie Piet mit einer weißen Schürze und einer Bäckermütze durch die Küche wuselt, musste ich lachen.
„Nö, mein Lieber. Wenn mein holdes Weib in unserer Küche aktiv wird, dann fliegen Hund, Kater und ich raus. Wobei Hund und Kater allerdings mitunter auch bleiben dürfen, wenn sie das wollen. Ich nicht!“

„Sei froh!“ Piet nickte mir aufmunternd zu und hob sein frisch gefülltes Glas. „Ich würde diese Stunden, zum Beispiel, viel lieber in meiner Werkstatt verbringen oder mit dem Dackel durch unser Jagdrevier streifen. Aber nein, Madam besteht darauf, mich abwiegen und rühren zu lassen. Nun ja, an Weihnachten ist der Spuk ja vorbei.
Allerdings verknüpfe ich mit diesen Weihnachtsvorbereitungen auch einige schöne Kindheitserinnerungen, wie sicher jeder von uns. Jedenfalls jeder in unserem Alter. Heute ist das ja alles anders. Schon im Oktober sieht man gestresste Frauen durch die Regale der Supermärkte streifen, wahllos Spekulatius, Lebkuchenherzen und Dominosteine in den Einkaufswagen häufend.
Meine Großmutter fing jedes Jahr irgendwann in der Adventszeit an Pfefferkuchen zu backen. Auch meine Mutter hat das so gehalten und an diesen unvergleichlichen Duft, der dann das ganze Haus durchzog, erinnere ich mich sehr gern. Heutzutage findest du wahrscheinlich kaum noch eine jüngere Frau, die wüsste, wie Pfefferkuchen überhaupt gemacht werden, aber dafür haben sie alle Pfefferspray in der Handtasche.“

Piet verzog sein Gesicht, als wolle er jeden Moment anfangen zu weinen. Er hatte sicher Recht, Pfefferkuchen backen gehört wohl nicht mehr zu den Fertigkeiten, die eine moderne Frau sich unbedingt aneignen sollte, aber war das so tragisch?
So als könne er meine Gedanken lesen, fuhr Piet fort.

„Weißt du, es geht mir nicht einmal so sehr um diese Pfefferkuchen, sie sind nur ein Beispiel dafür, wie sehr sich unsere Welt und offenbar unser Verständnis von Sinn und Bedeutung der Adventszeit geändert haben. War Advent nicht einmal die Zeit der Erwartung, die Zeit der Vorfreude auf die Ankunft Christi? Was erwarten Menschen, die Pfefferkuchen zwar kaum noch kennen, aber dafür Pfefferspray zum ständigen Begleiter erkoren haben?“

Wieder einmal hatte Piet mich sehr nachdenklich gemacht. Wenn auch der Zusammenhang zwischen Pfefferkuchen und Pfefferspray lediglich im Wort und wohl kaum im Inhalt zu suchen war, trotzdem fand ich seine Frage danach, was Menschen heute eigentlich noch erwarten, recht bemerkenswert.

„Da hast du eine wichtige Frage gestellt.“ war nach einer nachdenklichen Pause meine Antwort. „Man muss sicher nicht einmal sonderlich fromm sein, um mit der Ankunft Christi, mit der Feier seiner Geburt, solche Begriffe wie „Frieden“ und „Liebe“ zu verbinden. Auch wenn Gottes Angebot von Frieden auf Erden und Liebe unter den Menschen natürlich immer nur funktionieren und real werden kann, wenn Menschen bereit sind es anzunehmen. Wenigstens in der Weihnachtszeit haben sich jedenfalls viele Menschen zu allen Zeiten darauf besonnen.“

„Das ist vorbei, mein Freund.“ sagte Piet heftig und hob beschwörend sein Hände. „Denk nur an die schrecklichen Nachrichten aus Syrien, an die vielen Tausenden von Menschen, Frauen, Kinder Männer, Alte und Junge, die rund um die Uhr Bombenangriffen, Gewehrfeuer und Artilleriebeschuss ausgesetzt sind. Glaubst du, irgendeiner dieser machtbesessenen verantwortlichen Politiker, Soldaten oder Terroristen denkt auch nur ansatzweise daran, innezuhalten, den Menschen eine Atempause zu verschaffen und die Versorgung der Kranken, Verletzten und Hungernden zuzulassen?“

„Es, sieht nicht danach aus, Piet! Menschen verbinden heute mit der Ankunftszeit, mit dem Advent und der Weihnacht wohl eher nichts mehr in dieser Hinsicht. Die Erwartungen beschränken sich auf Geschenke, freie Tage, gutes Essen und allenfalls noch darauf, dass die Feiertage nicht durch Terroranschläge in unserem weihnachtlich beseelten Europa gestört werden.“

Mittlerweile hatten wir eine weitere Flasche vom guten trockenen Roten geöffnet und genossen schweigend den guten Tropfen. Mit unserem Bemühen, am Küchentisch die Welt zu ordnen, kommen wie sehr oft an unsere Grenzen. So auch heute. Wenn der Friede, der doch nur aus den Herzen kommen kann, nicht mehr erwartet, erhofft und angestrebt wird, wenn Pfefferspray gefragter und bekannter ist als Pfefferkuchen, um mal bei Piets Beispiel zu bleiben, dann kann der Einzelne nichts mehr gerade rücken oder ordnen. Es bleibt nur mitzufühlen und wo immer es geht, Hilfe zu gewähren.

Foto: Pfefferkuchenmann – knipseline / pixelio.de

 

Autor und Reporter für verschiedene Publikationen. Lieblingszitat: Wir müssen lernen, die Menschen weniger auf das, was sie tun und unterlassen, als auf das, was sie erleiden, anzusehen. (Dietrich Bonhoeffer)

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