Darauf haben alle Twitteranten gewartet: Die Listen! Ist es nicht so? Endlich haben wir nicht nur privat und ganz für uns verschiedene Schubladen, in die wir unsere Follower einsortieren können. Ginge es nur darum, die Übersichtschubladen über unsere verschiedenen Kontakte zu behalten, dann wären diese Listen ja sicher nicht notwendig. Mit einer Reihe von Apps war das auch bisher schon möglich.
Jetzt findet die Einsortiererei jedoch öffentlich statt, und erschließt vollkommen neue Möglichkeiten der unterschwelligen Kommunikation mit kleinen, unausgesprochenen Botschaften, die – weil für jeden sichtbar- umso lauter tönen.  Nun stehe ich armer Tropf vor der gewaltigen Aufgabe, meine geistigen Schubladen sichtbar zu manifestieren. Das will wohldurchdacht sein…

Im Grunde genommen glaube ich, dass es den meisten meiner Follower vollkommen gleichgültig ist, ob, wo und warum sie bei mir gelistet sind. Aber was, wenn nicht? Fühlt sich Herr B vielleicht benachteiligt, wenn ich Frau A und Herrn C in eine bestimmte Schublade stecke, Herrn B aber nicht? Wird Frau Y vielleicht sogar sauer, wenn sie sich bei mir in einer Schublade zusammen mit Herrn X und dem Marketingneutrum Z wiederfindet? Gewichtige Fragen, die mir den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Was tun?
Ich verschaffe mir also zunächst einen Überblick und lasse meinen Blick über die Listen der anderen wandern.

Bei @_raimund gibt es die Schublade “/freunde” und in der finde ich mich wieder, was mich natürlich freut! Sollte ich ebenfalls eine Liste “Freunde” anlegen? Aber wen, um alles in der Welt, könnte ich da hineinstecken, ohne gleich einem Dutzend netter Menschen zu zeigen: “ich mag dich zwar, aber zu meinen Freunden gehörst du deshalb noch lange nicht” ?
Die rätselhafte Schublade @casitadelsol/aufklaerung fällt mir als nächstes ins Auge. Dass @casitadelsol mich in eine ihrer Listen aufnimmt, freut mich natürlich sehr. Wen würde es nicht freuen, von einer bezaubernden Dame wohlwollend erwähnt zu werden? Dennoch ein Rätsel. “Aufklärung”? Gehöre ich zu denen, die noch aufgeklärt werden müssen? Werde ich zu denen gezählt, die, weil klaren Geistes, Aufklärung verbreiten? Oder bedeutet der Aufenthalt in dieser Schublade einfach nur, dass zunächst noch darüber Aufklärungsbedarf besteht, welcher Schublade ich wert bin, bzw. ob überhaupt irgendeiner Schublade?
Fragen über Fragen…

Okay, mancher selbsternannte Webimperator macht es sich recht einfach. @saschalobo zum Beispiel, hat einfach eine Schublade mit “/stark-entfollow-bedrohte” gelabelt und fertig! Zur Zeit ist diese Liste noch leer, aber sie steht – als sichtbare Drohung – weithin leuchtend im öffentlichen Webraum und signalisiert jedem klar und deutlich: “Vorsichtig Freundchen, ich bin der Herrscher über deinen Listenstatus und du legst dich besser nicht mit mir an!”
Hmpfff… nicht unbedingt mein Stil, aber klar und deutlich. Wahrscheinlich nennt er das Humor. Ein Art Humor, die sich mir allerdings nicht so ganz erschließt.
Einige der Listen entlocken mir ein albernes Kichern, erinnern sie mich doch an meine Schulzeit vor vielen Jahrzehnten, als wir noch, verlegen grinsend, dem oder der “Angebeteten” auf dem Pausenhof kleine Zettelchen zusteckten. Da hat z.B. “Herr F” eine Schublade eigens für “Frau B” kreiert und sendet damit eine Botschaft aus, die ihn für mich sehr direkt in die Nähe einer bestimmten “Verdachtsliste” bringt..

Listen über Listen, Schubladen soweit das Auge reicht. Von “/interessanteLeute” über “/fun” bis zu “/toll-und-so” reichen die Etiketten der Listen und zeigen, ganz nebenbei, das Maß der Kreativität ihrer Schöpfer. Mein persönlicher Ironie- und Zynismusfavorit @OliverKukulka beschränkt sich, in seiner Eigenschaft als professioneller Redundanzeliminator, auf die Schublade “@OliverKukulka/die-liste” und aus die Maus!
Je tiefer ich in das Schubladenuniversum vordringe, um so größer wird die Gewissheit, dass Kreativität und Sprachwitz allein nicht ausreichen, um einen Twitterschubladenschrank mit den richtigen Etiketten zu versehen. Vielmehr sind Strategie, Planung, taktisches Geschick und eine Menge an Hobbypsychologenerkenntnissen gefragt. Mit Spannung erwarte ich nun die ersten Werbetweets der, wie Pilze aus dem feuchten Herbstboden schiessenden, Twitterspezialisten mit dem allfälligen Titel: “So planen Sie ihre Twitterlisten erfolgreich: http://www.*****” oder “Zehn Strategien zum erfolgreichen Twitterlistenmarketing…”, während die berufsmäßigen Bedenkenträger sich ausgiebig über “Frisch gebloggt: Political Correctness beim Listendesign.. “ auslassen werden. Natürlich werden sich auch die “Personaler” zu Wort melden mit tiefschürfenden Beiträgen wie z.B., “Listen die ihrer Karriere förderlich sind..” oder “In diesen Listen sollte sie ihr Chef nicht erwischen! Die 20 NoGo-Listen von Bild.de:…”

Mein vorläufiges Fazit: Mit diesen Listen hat Twitter ein schlagkräftiges Instrument der kollektiven Zeitverschwendung in die Welt gesetzt. Und ich nutze es… Den ohnehin zahlreichen offenen Fragen des Lebens wird außerdem nun noch eine wichtige hinzugefügt: In welchen Schubladen bin ich nicht und warum nicht, bzw., wie komme ich da rein?

 

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