Mein Freund Piet und die Sache mit dem Advent

335266_original_r_k_b_by_knipseline_pixelio-deIn letzter Zeit haben wir uns eher selten getroffen, mein Freund Piet und ich. Die gemütlichen Stunden an seinem Küchentisch, mit einem guten trockenen Roten auf dem Tisch und unserem Hund Choppie unter der Eckbank haben mir gefehlt. Es wurde höchste Zeit, mal wieder miteinander zu plaudern und gemeinsam die Welt zu ordnen.

 

Piet hat manchmal einen recht bissigen Humor, der sich meist sehr spontan und trocken äußert. „Wer sind Sie?“ war seine Frage, als ich den gewohnten Weg über seinen Hof genommen hatte und durch die Hintertür in die Küche eingetreten war. Ich musste bei seinen Worten und seinem gespielten Entsetzen schallend lachen.
„Du kennst also deinen besten, weil einzigen Mitstreiter im Verein zur Förderung des Konsums trockenen Rotweins nicht mehr?“
„Jetzt kommt mir so langsam eine dunkle Erinnerung.“ entgegnete er grinsend. „Was für ein Zufall! Gerade habe ich eine Flasche Roten zur Verkostung geöffnet. Setz dich und sag deinem Hund, er soll sofort aufhören, an der Tür zur Speisekammer zu kratzen.“

Der Franzose, wie Piet unseren Hund Chopin immer zu nennen pflegt, hatte allerdings beschlossen, jegliche Anweisung seines deutschen Begleiters zu ignorieren. Ein kleines Leckerli, einladend unter der Eckbank platziert, hatte dann die überzeugende Wirkung. Alle waren nun an ihrem Platz und der Rote funkelte schon verlockend in den Gläsern.
„Hast du soviel mit Weihnachtsvorbereitungen zu tun,“ fragte Piet, während er sein Glas hob, „dass du deine Freunde vollkommen vergisst?“
„Du weißt doch selbst,“ antwortete ich schuldbewusst, „dass Ehefrauen die seltsame Angewohnheit haben, mit dem Beginn der Adventszeit lange Listen anzufertigen, mit dringenden Aufgaben, die ihr Göttergatte in Haus und Garten noch unbedingt vor Weihnachten erledigen sollte.“
„Joh,“ rief Piet zustimmend. „so als wäre an Weihnachten der Weltuntergang und vorher müsse nochmal Ordnung geschaffen werden.“

Nach dem ersten Glas des vorzüglichen Roten und einer lockeren Unterhaltung über Ereignisse und die Dorfneuigkeiten der letzten Wochen, hob dann Piet wieder einmal seine Hand. Das tut er immer, wenn er etwas loswerden will, was ihn gerade beschäftigt oder ihm wichtig erscheint.

„Sag mal, backt ihr auch schon Plätzchen und Weihnachtsgebäck? Ich frage absichtlich danach, ob ihr backt, weil es bei uns so ist, dass ich in der Adventszeit regelmäßig zum Backstubengehilfen ernannt werde.“

Bei der Vorstellung, wie Piet mit einer weißen Schürze und einer Bäckermütze durch die Küche wuselt, musste ich lachen.
„Nö, mein Lieber. Wenn mein holdes Weib in unserer Küche aktiv wird, dann fliegen Hund, Kater und ich raus. Wobei Hund und Kater allerdings mitunter auch bleiben dürfen, wenn sie das wollen. Ich nicht!“

„Sei froh!“ Piet nickte mir aufmunternd zu und hob sein frisch gefülltes Glas. „Ich würde diese Stunden, zum Beispiel, viel lieber in meiner Werkstatt verbringen oder mit dem Dackel durch unser Jagdrevier streifen. Aber nein, Madam besteht darauf, mich abwiegen und rühren zu lassen. Nun ja, an Weihnachten ist der Spuk ja vorbei.
Allerdings verknüpfe ich mit diesen Weihnachtsvorbereitungen auch einige schöne Kindheitserinnerungen, wie sicher jeder von uns. Jedenfalls jeder in unserem Alter. Heute ist das ja alles anders. Schon im Oktober sieht man gestresste Frauen durch die Regale der Supermärkte streifen, wahllos Spekulatius, Lebkuchenherzen und Dominosteine in den Einkaufswagen häufend.
Meine Großmutter fing jedes Jahr irgendwann in der Adventszeit an Pfefferkuchen zu backen. Auch meine Mutter hat das so gehalten und an diesen unvergleichlichen Duft, der dann das ganze Haus durchzog, erinnere ich mich sehr gern. Heutzutage findest du wahrscheinlich kaum noch eine jüngere Frau, die wüsste, wie Pfefferkuchen überhaupt gemacht werden, aber dafür haben sie alle Pfefferspray in der Handtasche.“

Piet verzog sein Gesicht, als wolle er jeden Moment anfangen zu weinen. Er hatte sicher Recht, Pfefferkuchen backen gehört wohl nicht mehr zu den Fertigkeiten, die eine moderne Frau sich unbedingt aneignen sollte, aber war das so tragisch?
So als könne er meine Gedanken lesen, fuhr Piet fort.

„Weißt du, es geht mir nicht einmal so sehr um diese Pfefferkuchen, sie sind nur ein Beispiel dafür, wie sehr sich unsere Welt und offenbar unser Verständnis von Sinn und Bedeutung der Adventszeit geändert haben. War Advent nicht einmal die Zeit der Erwartung, die Zeit der Vorfreude auf die Ankunft Christi? Was erwarten Menschen, die Pfefferkuchen zwar kaum noch kennen, aber dafür Pfefferspray zum ständigen Begleiter erkoren haben?“

Wieder einmal hatte Piet mich sehr nachdenklich gemacht. Wenn auch der Zusammenhang zwischen Pfefferkuchen und Pfefferspray lediglich im Wort und wohl kaum im Inhalt zu suchen war, trotzdem fand ich seine Frage danach, was Menschen heute eigentlich noch erwarten, recht bemerkenswert.

„Da hast du eine wichtige Frage gestellt.“ war nach einer nachdenklichen Pause meine Antwort. „Man muss sicher nicht einmal sonderlich fromm sein, um mit der Ankunft Christi, mit der Feier seiner Geburt, solche Begriffe wie „Frieden“ und „Liebe“ zu verbinden. Auch wenn Gottes Angebot von Frieden auf Erden und Liebe unter den Menschen natürlich immer nur funktionieren und real werden kann, wenn Menschen bereit sind es anzunehmen. Wenigstens in der Weihnachtszeit haben sich jedenfalls viele Menschen zu allen Zeiten darauf besonnen.“

„Das ist vorbei, mein Freund.“ sagte Piet heftig und hob beschwörend sein Hände. „Denk nur an die schrecklichen Nachrichten aus Syrien, an die vielen Tausenden von Menschen, Frauen, Kinder Männer, Alte und Junge, die rund um die Uhr Bombenangriffen, Gewehrfeuer und Artilleriebeschuss ausgesetzt sind. Glaubst du, irgendeiner dieser machtbesessenen verantwortlichen Politiker, Soldaten oder Terroristen denkt auch nur ansatzweise daran, innezuhalten, den Menschen eine Atempause zu verschaffen und die Versorgung der Kranken, Verletzten und Hungernden zuzulassen?“

„Es, sieht nicht danach aus, Piet! Menschen verbinden heute mit der Ankunftszeit, mit dem Advent und der Weihnacht wohl eher nichts mehr in dieser Hinsicht. Die Erwartungen beschränken sich auf Geschenke, freie Tage, gutes Essen und allenfalls noch darauf, dass die Feiertage nicht durch Terroranschläge in unserem weihnachtlich beseelten Europa gestört werden.“

Mittlerweile hatten wir eine weitere Flasche vom guten trockenen Roten geöffnet und genossen schweigend den guten Tropfen. Mit unserem Bemühen, am Küchentisch die Welt zu ordnen, kommen wie sehr oft an unsere Grenzen. So auch heute. Wenn der Friede, der doch nur aus den Herzen kommen kann, nicht mehr erwartet, erhofft und angestrebt wird, wenn Pfefferspray gefragter und bekannter ist als Pfefferkuchen, um mal bei Piets Beispiel zu bleiben, dann kann der Einzelne nichts mehr gerade rücken oder ordnen. Es bleibt nur mitzufühlen und wo immer es geht, Hilfe zu gewähren.

Foto: Pfefferkuchenmann – knipseline / pixelio.de

 

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Darf man alles denken?

patroneDarf man alles denken und wenn ja, darf man es auch aussprechen? Vielleicht erscheint Ihnen diese Frage ein wenig seltsam, denn immerhin gehört es zum alten deutschen Kulturgut, aus voller Brust „Die Gedanken sind frei!“ zu singen. Aber so einfach ist es manchmal eben doch nicht.

 

 

Schon im Talmud sind diese weisen Worte zu finden

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.

und die menschliche Geschichte zeigt, wie zutreffend sie sind. Andererseits lassen sich Gedanken, einmal gedacht, nicht mehr einfach so zur Seite schieben. Schön wäre es ja, aber manche von ihnen sind hinterhältig, lauern tief im Unterbewussten verborgen, um bei passender Gelegenheit immer mal wieder an die Oberfläche zu blubbern.

Ich gehöre zur Generation der massenhaften Kriegsdienstverweigerungen und habe aus meiner Anhörung vor Jahrzehnten immer noch gut in Erinnerung, mit welchen spitzfindigen Fragen ein pazifistischer Frömmling, so wie ich es damals war, von den „Gewissensprüfern“ konfrontiert wurde. „Stellen Sie sich vor, Sie bedienen eine Flugabwehrkanone. Sie haben ein Flugzeug im Visier, von dem Sie genau wissen, dass seine Besatzung in wenigen Minuten eine todbringende Bombe auf eine große Stadt abwerfen wird. Schießen Sie das Flugzeug ab, um vielleicht Tausenden in dieser Stadt das Leben zu retten, obwohl Sie dabei den Tod der Flugzeugbesatzung in Kauf nehmen müssten?“

Solche Gedankenspiele wurden in den damaligen Prüfverfahren zuhauf konstruiert mit dem vorgeblichen Ziel, die Ernsthaftigkeit der Gewissensentscheidung des Prüflings auszuloten. Ferdinand von Schirach hat eine solche Fragestellung erst aktuell in seinem Theaterstück „Terror“ thematisiert. Eine Mehrheit der Zuschauer entschied sich übrigens dafür, die Rechnung Hundert gegen Zehntausend als legitim anzusehen und votierte für die Auslöschung der Terroristen. Man darf gespannt sein, wie in Kürze die deutschen Fernsehzuschauer darüber urteilen werden.

Im Laufe der Jahre habe ich mich immer mal wieder mit diesem Thema beschäftigt, nicht zuletzt durch mein Interesse am Leben und den Gedanken Dietrich Bonhoeffers. Als Christ hat Bonhoeffer sich die Entscheidung den Widerstand gegen Hitler aktiv zu unterstützen, nicht leicht gemacht. Obwohl er sich in absoluter Bindung an christliche Gebote und Werte sah, hat er folgenden Gedanken formuliert:

Der Mensch der Verantwortung, der zwischen Bindung und Freiheit steht, der als Gebundener in Freiheit zu handeln wagen muss, findet seine Rechtfertigung weder in seiner Bindung, noch in seiner Freiheit, sondern allein in dem, der ihn in diese – menschlich unmögliche – Situation gestellt hat und die Tat von ihm fordert. Der Verantwortliche liefert sich selbst und seine Tat Gott aus.

An anderer Stelle ergänzt er:

In konkreter Verantwortung handeln heißt, in Freiheit handeln, ohne Rückendeckung durch Menschen oder Prinzipien selbst entscheiden, handeln und für die Folgen des Handelns einstehen.

Und:

Freie Verantwortung beruht auf einem Gott, der das freie Glaubenswagnis verantwortlicher Tat fordert und dem, der darüber zum Sünder wird, Vergebung und Trost zuspricht.

Folge ich der Überzeugung Bonhoeffers, bedeutet das für mich als Christ, dass in Grenzsituationen Gedanken, auch wenn sie konträr zu christlicher Ethik stehen, nicht nur gedacht, sondern manchmal auch in die Tat umgesetzt werden dürfen. Vielleicht sogar sollen?

Wenn Sie mir bis hierhin gefolgt sind, werden Sie sich vielleicht fragen, wohin diese Überlegungen eigentlich gehen sollen. Eine gute Frage – ich gestehe, ich schweife ein wenig zu sehr ab.

Es geht mir, wie so vielen in unserem Land heute, um die Flüchtlingsproblematik. Nicht um das, was Sie nun vielleicht erwarten. Ich bin immer noch und weiterhin der Ansicht „Wir schaffen das!“, wenn wir nur wollen. Mit gutem Willen und einer Menge Geld, die sinnvolle Integrationsmaßnahmen nunmal kosten werden, lässt sich der Flüchtlingsansturm nicht nur bewältigen, sondern am Ende sogar in einen Vorteil für unsere Gesellschaft wandeln.

Ich kenne in meinem persönlichen Umfeld niemanden, den das Schicksal notleidender Menschen, die Angst derer, die sich mit Mühe vor dem Bombenhagel oder dem Hungertod und der Hoffnungslosigkeit in ihrer Heimat retten konnten, ungerührt lässt. Angesichts dieser menschlichen Schicksale, angesichts der Rücksichtslosigkeit mit dem aus Macht- und Einflussdenken heraus Millionen Menschen grausam in die Flucht getrieben werden, scheint es schon fast unanständig, sich über Kosten und Finanzierung des Lebensunterhaltes von Flüchtlingen Gedanken zu machen. Dennoch muss auch darüber nachgedacht werden. Wer nicht all zu sehr unter Vergesslichkeit leidet, wird sich bestimmt daran erinnern, dass im letzten Dezember dem Welternährungsprogramm der UN die Mittel knapp wurden. Die Lebensmittelgutscheine für syrische Flüchtlinge in den Nachbarländern mussten gekürzt werden. Empörung machte sich breit, deren Energie allerdings überwiegend in Sonntagsreden und besorgte Artikel floss. In der ZEIT wurde ganz treffend der nachfolgende Ablauf geschildert:

Dann kam die Erkenntnis: Wer will, dass die Not leidenden Menschen nicht nach Europa weiterziehen, sondern im Libanon und in Jordanien, in der Türkei, im Irak und in Ägypten bleiben, der muss ihnen dort ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.

Das kostet Geld. Nach Schätzungen der UN müssen Regierungen, staatliche und nicht staatliche Organisationen dafür allein in diesem Jahr 5,78 Milliarden Dollar aufbringen. 4,54 Milliarden haben 70 Staaten im Februar auf einer Geberkonferenz in London zugesagt, bislang ist allerdings nur knapp die Hälfte davon auf den Konten der Hilfsorganisationen eingegangen.“

Die Unterbringung und Versorgung der Millionen Flüchtlinge allein in den Nachbarländern Syriens wird also in einem Jahr 5,78 Milliarden Dollar kosten. Ein Betrag, der nicht einmal vollständig zugesagt, geschweige denn von der Gebergemeinschaft auch eingezahlt wurde. Der Schreiber des Artikels in der Zeit kommt am Schluss zu dem logischen Ergebnis:


Die Finanzierung hinkt weit hinterher.Fließt das versprochene Geld nicht bald, werden sich etliche Flüchtlinge in ihrer Not wieder auf den Weg nach Europa machen.

Fast 6 Milliarden Dollar, ein Betrag, den sich jemand wie ich kaum vorstellen kann. Ein Betrag, der lediglich die Kosten für ein Jahr abdecken wird. Natürlich – ich denke, das muss ich nicht extra betonen – können Menschenleben nicht gegen Geld aufgerechnet werden und nichts liegt mir ferner, als in das große Lamento einzufallen, das man allenthalben vor allem von denen hört, die zuvor an Waffenexporten Milliarden verdient haben. Angesichts dieser Mammutaufgabe und der notwendigen Ausgaben muss ich allerdings gestehen, dass man vielleicht mit einer lächerlich kleinen Investition diese Situation hätte vermeiden können oder sie vielleicht sogar immer noch in eine andere Richtung lenken könnte. Eine Richtung, die allen Flüchtlingen und allen, die wegen der Finanzierung des Unterhalts dieser Flüchtlinge nun eine krause Stirn bekommen, sehr entgegengekommen wäre, bzw. entgegenkommen würde.

Die Investition liegt ungefähr bei 4 Euro. Soviel kostet, meinen laienhaften Recherchen zufolge, eine Patrone für das M40A3 Präzisionsgewehr. Der Einsatz einer Drohne wäre zwar mit höheren Kosten verbunden und vielleicht sogar noch erfolgversprechender als der Scharfschützenschuss auf den syrischen Machthaber Assad. Wie auch immer, 4 Euro, oder besser noch 8 Euro, wenn man den russischen Kumpel Assads auch berücksichtigen will, stehen in keinem Verhältnis zu dem Schaden, den diese Wahnsinnigen anrichten und den Kosten, für die nun die Weltgemeinschaft aufkommen muss. Und zwar Jahr für Jahr und das auf sehr lange Sicht!

Darf man so denken? Ist es absolut verwerflich, über eine solche Lösung nachzudenken? Wie kann ich als Christ, oder wenn wir es tiefer hängen, als Bürger der Bundesrepublik Deutschland, deren Grundgesetz diese Erwägungen ausschließt, solche Gedanken rechtfertigen? Habe ich mich vielleicht sogar in meinem Denken der Haltung derer angepasst, gegen die ich aufbegehre und deren Verhalten ich als eines der größten Verbrechen unserer Zeit ansehe?
Oder besteht nicht, angesichts des millionenfachen Leids und der Folgen daraus, sogar die Pflicht darüber nachzudenken, ob solche Verbrecher nicht kurzerhand und für immer gestoppt werden müssten?

Ich weiß es nicht, wie ich denken und mich verhalten würde, wenn ich die Möglichkeit und Gelegenheit für einen solchen Schritt hätte. Ich weiß nur, dass ich mir immer öfter wünschte, dass jemand schon viel früher diesen Gedanken gehegt und in die Tat umgesetzt hätte. Das Gefühl der Hilflosigkeit und des Zorns sind der Ursprung dieser Gedanken.

Können Sie das verstehen, selbst wenn Sie es verurteilen?

Die willkommenen Opfer?


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Auf den ersten Blick erregt diese Frage Abscheu. Das kann doch nicht sein, das darf gar nicht sein, dass irgendjemandem „Opfer“ willkommen sind. Selbst der hartgesottenste Verfechter ultranationalen Gedankengutes kann doch nicht froh darüber sein, dass Menschen einem Terroranschlag zum Opfer gefallen sind. Oder etwa doch?

Nun, wenn man genauer hinschaut, gewinnt man tatsächlich den Eindruck, dass es Menschen hier bei uns und anderswo gibt, die nur auf solche Terroranschläge gewartet haben. „Ich habe es doch gleich gewusst!“ sagen sie nun und „Siehst du, das haben wir nun davon!“, wobei das noch die milderen Aussagen dieser Art sind. Triumphierend erklären sie, dass man eben nicht ungestraft Tausende von Flüchtlingen ins Land lassen darf, denn das sei schließlich eine Einladung an alle Terroristen der IS und anderer Organisationen, nun hier in Europa und auch in unserem Land Angst, Schrecken, Grauen und Tod zu verbreiten.

Da spielt es dann auch keine Rolle mehr, dass der Anführer einer Terrorgruppe, der das Massaker in Paris anzulasten ist, einen deutschen Pass hatte, also schon sehr lange hier in Deutschland gelebt haben muss. Fakten spielen eigentlich überhaupt keine Rolle mehr, wenn nur die eigenen Ängste und Vorurteile bestätigt zu sein scheinen.

Die falsche Identifikation mit den Opfern

Wer sich für die Aufnahme und den menschlichen Umgang mit Flüchtlingen einsetzt ist betroffen und versucht das mit eher hilflosen Gesten, wie dem Zurschaustellen der drapeau tricolore und anderen Solidaritätsbekundungen zu zeigen, aber auch diejenigen, die mit Ablehnung auf Flüchtlingen und Fremde reagieren, zeigen sich betroffen. Allerdings eher auf eine anderer Art.Der evangelische Theologe Peter Aschoff schreibt auf seiner Seite „Peregrinato“ in dem Blogbeitrag „Die falsche Identifikation mit den Opfern“ folgende bemerkenswerte Sätze dazu:

Die Terroranschläge der letzten Woche von Beirut und Paris haben eine Welle der Solidarisierung ausgelöst. Wobei Paris es deutlich öfter in den Facebook-Status schafft als Beirut, was auch schon viel aussagt. Richtig verstanden heißt so eine Geste trotzdem erst einmal: Ich fühle mich mit den Opfern dieser Gewaltakte verbunden und teile ihren Schmerz.

Es gibt offenbar aber auch eine andere Seite: Über die Identifikation mit den Opfern stilisiere ich mich selbst zum Opfer und beginne dann im Namen der Opfer auf Vergeltung zu sinnen. Das ist doppelt raffiniert: als freiwillige Geste wahrt es den Anschein der Selbstlosigkeit, der Opferstatus immunisiert gegen Kritik daran, dass man die Gelegenheit ausnutzt, um alte Rechnungen zu begleichen.
So wie all jene, die bei jeder erstbesten Gelegenheit ihre
Vorurteile gegen Muslime und Flüchtlinge als notwendigen Realismus ausgeben und jedem, der anders denkt, Unverantwortlichkeit oder „Gutmenschenkitsch“ unterstellen. Das Tolle am geborgten Opferdasein ist nämlich, dass man relativ ungestraft um sich schlagen und treten darf, obwohl man doch eigentlich unversehrt ist. Je mehr einer austeilen will, desto mehr muss er erst einmal beschwören, wie übel ihm ständig mitgespielt wird.“

 

Diese Analyse scheint mir zutreffend zu sein und genau deshalb wage ich es die Frage „Die willkommenen Opfer?“ zu stellen. Wie unmenschlich und kalt sind wir eigentlich mittlerweile geworden, wenn selbst unschuldige Todesopfer grausamer Anschläge instrumentalisiert werden, um die eigenen Vorurteile zu bestätigen, Angst zu schüren und sein eigenes Süppchen der Ablehnung und des Hasses zu kochen?

Bild: Sabine Adameit / https://wordpress.com/read/post/feed/33349028/866988991

Wenn es kein Morgen mehr gäbe

661637_original_R_K_B_by_uschi dreiucker_pixelio.de.morgen Was für eine verrückte Vorstellung. Kein Morgen. Alles zu Ende. Ich meine jetzt nicht irgendeine globale Katastrophe, kein Armageddon, keinen Weltuntergang oder vernichtenden Angriff überlegener Aliens, die alles Leben auf dieser Erde mit einem Schlag auslöschen. Solche Szenarien gab und gibt es ja zuhauf in Büchern und Filmen. Nein, ich meine ihren eigenen, ganz persönlichen Tod. Darüber redet man nicht? Das sollten wir aber. Viele von uns sind sich doch irgendwie ganz dunkel bewusst, dass wir uns sozusagen „auf der Zielgeraden“ befinden. *


Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie das in jungen Jahren war. Sterben? Ja, irgendwann viel später. Ich weiß nicht, wie es ihnen in ihrer Jugend, als junger Erwachsener und später, in den besten Jahren gegangen ist – ich jedenfalls hatte immer irgendwie das unbestimmte Gefühl, unsterblich zu sein. Natürlich nicht im wörtlichen aber doch im übertragenen Sinn. Tod? Das war so weit weg, das passierte anderen, durchaus bedauernswerten Menschen. Meist weit weg, irgendwo da draußen, manchmal auch in der Nachbarschaft oder gar in der eigenen Familie. Aber immer doch ein wenig unwirklich als eine Ungeheuerlichkeit, mit der man – bei aller Trauer – nichts zu tun haben wollte.
Heute, so habe ich festgestellt, haben viele von uns ja eher so eine „schnodderige“ Art mit der Tatsache, dass jedes Leben mit dem Tod endet, umzugehen. Ich erinnere mich da an eine Begebenheit vor ein paar Monaten, als mir ein ehemaliger Schulfreund, mit dem ich nach vierzig Jahren nun via Internet wieder in Kontakt bin, zu meinem Geburtstag gratulierte und mir gleichzeitig in seiner Mail auch mitteilte, dass ein anderer ehemaliger Klassenkamerad in der gleichen Woche an Lungenkrebs gestorben war. Er schrieb: „ Ja, lieber Freund, wir werden älter und die Einschläge kommen immer näher.“
Überkommt sie da manchmal die Angst vor dem Ungewissen? Sind sie auch versucht, das letzte verbleibende Stückchen Leben mit aller Gewalt festzuhalten, es auszukosten und, wenn es möglich wäre, unendlich auszudehnen? Oder können sie dem Ende mit ruhigem Auge entgegensehen, weil es ein reiches, buntes und schönes Leben war, das ihnen die Gewissheit gibt, nichts versäumt zu haben? Im guten Buch heißt es über den Patriarchen Abraham, ‚er starb alt und lebenssatt‘. Für mich eine schöne Vorstellung, lebenssatt zu sein, das Leben in all seinen Facetten mit allen Höhen, Tiefen, Schmerzen und Freuden vollkommen ausgekostet zu haben, aber das ist wohl nicht allen von uns gegeben.
In der letzten Zeit beschäftige ich mich häufiger mit diesen Gedanken und ende oft bei der Frage: „Was ist jetzt eigentlich noch wichtig? Was würdest oder solltest du jetzt unbedingt noch tun?“ Haben sie sich auch schon einmal diese Fragen gestellt? Ich war ein wenig erstaunt über mich selbst und meine Prioritäten, die mir dabei so in den Sinn kamen. Natürlich, die Kinder und Enkel, die sind wichtig, an die denkt man zuerst. Die möchte man auf einem guten Weg sehen, aufwachsen und reifen sehen und erleben, wie sie ihren Platz im Leben und ihr „Stück vom Glück“ einnehmen. Gleich danach kamen mir aber Erinnerungen an die vielen Gelegenheiten in meinem Leben, in denen ich versagt habe. In denen ich Menschen Unrecht getan, verletzt, beleidigt und gekränkt habe. Da taucht dann vielleicht auch die leise Frage auf: „Habe ich noch etwas gut zu machen? Sollte ich hier oder dort um Verzeihung bitten? Kann ich etwas noch gerade rücken, was im Laufe der Jahren so vollkommen schief und in falschen Bahnen gelaufen ist?“
Aber gleichauf mit diesen Fragen bewegte mich der Gedanke: „Was ist es, was von mir bleibt? Was hinterlasse ich auf dieser Welt?“ Damit meine ich jetzt nicht materielle Dinge. Dass wir für unsere Bestattung Vorsorge zu tragen haben, dass Vermögensverteilung, Erbschaftsangelegenheiten und andere finanziellen Angelegenheiten beizeiten geregelt sein sollten, das ist uns sicher allen bewusst. Nein, ich meine damit die Dinge, die wirklich zählen und die eben keine „Dinge“ sind. Werte, Traditionen; Lebensentwürfe, nach denen wir uns ausgerichtet haben und die wir versucht haben, unseren Kindern zu hinterlassen und in unserem Umfeld als prägenden Einfluss auszuleben. All das bewegt mich in Gedanken und ich bin sicher, viele von ihnen haben auch schon in stillen Stunden über solche Fragen nachgedacht.
Ich kann für mich das Fazit ziehen, dass mein Leben keineswegs perfekt war. Es ist beileibe nicht alles rund gelaufen und es gibt auch durchaus Dinge in meinem Leben, auf die ich im Nachhinein nicht sonderlich stolz bin. Aber es war ein erfülltes Leben. Ein Leben, das mich irgendwann an den Punkt geführt hat, es als Geschenk anzusehen. Als Geschenk dessen, der größer ist als ich und der mich gewollt und geliebt hat. Gerade dieser Gedanke lässt mich ganz ruhig in die Zukunft sehen. Wenn es einmal kein Morgen mehr gibt, dann werde ich sehen, was ich geglaubt habe. Im guten Buch steht das Versprechen, dass in Gottes Haus viele Wohnungen bereit stehen und eine davon für mich sein wird. Wie stehts mit ihnen? Haben sie auch so einen Halt für den Tag, an dem es kein Morgen mehr gibt? Oder sagen Sie: „Eine solche „Krücke“ brauche ich nicht, ich habe gelebt wie ich es für richtig hielt und das unvermeidliche Ende schreckt mich nicht, weil es von Beginn an dazu gehört – zum Leben?
Wie auch immer, ich denke, es kann nicht schaden darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn es kein Morgen mehr gäbe.

*Anmerkung: Diesen Beitrag habe ich vor ein paar Tagen zuerst bei Seniorbook.de veröffentlicht. Meine Freunde dort und ich, wir befinden uns überwiegend schon im “Zielgeraden-Alter”.