Die Zukunft vorhersagen

Ein paar erstaunliche Dinge habe ich in diesem Jahr gelernt. Wussten Sie, dass Schimpansen zu einer vielfach größeren Kurzzeit – Gedächtnisleistung fähig sind, als wir Menschen? Einer der führenden Primatenforscher aus Japan hat das in langjährigen Forschungen anhand erstaunlicher Experimente bewiesen. Seine These ist übrigens, dass wir Menschen diese Fähigkeit mit dem Erwerb der Sprache und der Fähigkeit zum kognitiven Austausch verloren haben. (Ein interessantes Video dazu findet sich hier!)

Energie und Information, sind die Bausteine des Universums und Hans Peter Dürr formulierte so treffend: „Wirklichkeit ist im Grunde Potentialität, nicht Realität.“ Das bringt den nachdenklichen Interessenten irgendwann zu der Frage, was es mit unserem Bewusstsein und unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit denn auf sich hat. Die Hirnforschung bestätigt uns, dass jeder von uns seine eigene Vorstellung von der Wirklichkeit hat, obwohl wir durch unsere Sinnesorgane doch ein und dieselben Informationen erhalten. Wir können aus dem, was wir beobachten, auf das schließen, was als Nächstes oder in überschaubarer Zukunft passieren wird, wobei wir auch in diesem Fall zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen und Erwartungen kommen. Grundsätzlich war und ist diese Fähigkeit allerdings für unser Überleben von immenser Bedeutung.

In seinem Buch „Unser mathematisches Universum“ schreibt der Kosmologe und Wissenschaftsphilosoph Max Tegmark, dass einer der Hauptzwecke der Wissenschaft und in der Tat auch einer der Hauptzwecke, ein Gehirn zu haben, die Vorhersage unserer Zukunft sei.
Unsere Wirklichkeit, so weist er in diesem interessanten Buch nach, kann eine mathematische Struktur sein, die Raum, Zeit, Materie und sogar uns selbst enthalten kann. Er folgert daraus, dass wir, zumindest im Prinzip, imstande sein könnten, durch Analyse von Beobachtermomenten Vorhersagen über unsere Zukunft machen könnten.

Nun, im Prinzip tun wir das ja auch, nur wählt unser Gehirn nicht den Weg über komplizierte, mathematische Berechnungen. Wenn ein Basketballspieler den Ball in Richtung Korb wirft, dann weiß er, dass der Ball den Weg einer Parabel nehmen wird und intuitiv kann er bestimmen, wieviel Kraft er mit seinem Arm auf den Ball ausüben muss und welchen Bogen sein Arm beim Wurf beschreiben muss, damit der Ball in den Korb trifft. All das könnten wir auch berechnen, aber offensichtlich hat unser Gehirn einen Weg gefunden, in Echtzeit den Istzustand mit Erfahrungswerten abzugleichen um das gewünschte Ergebnis herbeizuführen.

Für die prinzipiell mögliche Vorhersage unserer Zukunft allgemein hat unser Gehirn keine so geniale Abkürzung gefunden und eine entsprechende mathematische Berechnung liegt vollkommen außerhalb unserer Möglichkeiten. Dabei wäre es doch gerade am Ende eines Jahres überaus wünschenswert, einen realistischen Blick in das tun zu können, was das Leben im nächsten Jahr für uns bereit hält. Ein paar Dinge können wir natürlich schon vorhersagen und planen. Der Schimpanse weiß z.B., dass nach jedem erfolgreichen Durchlauf eines Gedächtnisexperimentes – das wir Menschen übrigens nicht einmal ansatzweise bewältigen könnten – aus einer Klappe ein Nahrungshappen in eine Auswurföffnung fällt, wo er ihn entnehmen kann. Etwas mehr ist uns Menschen dann doch möglich. Urlaub, Geburten, Festtage, Beförderungen, Jobwechsel, sehr vieles lässt sich planen und voraussehen.
Allerdings können wir nur solche Fixpunkte und Highlights mit halbwegs akzeptabler Wahrscheinlichkeit voraussehen. Ob der Lieblingsbäcker am 2. Januar morgens um 10:00 Uhr noch Sesambrötchen haben wird, können wir genauso wenig mit Bestimmtheit sagen, wie wir voraussehen können, ob an der Einmündung zur größeren stark befahrenen Straße, jeder immer die Vorfahrt beachten wird, ob wir gesund bleiben, unseren Job definitiv behalten werden oder unsere Partnerschaft auch im kommenden Jahr Dick und Dünn aushalten wird.

Wenn, wie Tegmark es ausdrückt, der Hauptzweck unseres Gehirns darin liegt, die Zukunft vorhersagen zu können, dann jedenfalls auf eine sehr eingeschränkte Weise. Natürlich ist es überlebensnotwendig in jedem Moment voraussehen zu können, welche Ereignisse unsere Handlungen unmittelbar zur Folge haben werden, um nicht schon an der nächsten roten Ampel getötet zu werden. Aber das ist keine sehr große Zeitspanne und es wäre doch eine feine Sache, ein wenig weiter sehen zu können.
So bleibt uns nur die Möglichkeit zu nehmen, was kommt und wie es kommt. Wir sind gezwungen, auf alles gefasst zu sein und doch nichts definitiv erwarten zu können. Diese eingebaute grundlegende Unsicherheit des menschlichen Lebens, verstehen wir hervorragend zu verdrängen und zu übertünchen.
Im Grunde ist diese Unsicherheit allerdings auch nur dann von Bedeutung, wenn wir auf uns allein gestellt sind und unsere Existenz einer von unzähligen Zufällen im Laufe der Entstehung des Universums ist.
Ob die Zeit nun fließt oder nicht, ob sie eine Illusion ist oder einfach nur ein Hilfskonstrukt, dass uns ermöglicht zu leben und zu erleben, verliert seine Relevanz angesichts der Tatsache, dass es einen Ursprung, einen Schöpfer und Erhalter all dessen gibt, was ist. Für ihn sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überschaubar und wer sich ihm anvertraut, dem gibt er die Gewissheit, dass am Ende alles gut sein wird. Im Vertrauen darauf, lässt sich auch 2019 mit froher Erwartung angehen, wie all die Jahre zuvor.
Diese frohe Erwartung voller Gelassenheit und doch auch voller Hoffnung, wünsche ich allen meinen Lesern.

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Was wähle ich?

heiwa

In Kürze haben wir mal wieder die Wahl und stehen damit vor der Frage, was wir denn wählen wollen, können oder sollten. Zweiundvierzig Parteien stehen zur Wahl und man sollte meinen, dass sich doch unter soviel Angeboten eines finden ließe, das uns nicht den schlechten Nachgeschmack hinterlässt, uns zwischen Cholera oder Pest entschieden zu haben. Ein Angebot, das uns beruhigend suggeriert, im Zweifelsfall allenfalls für eine leichte Grippe verantwortlich zu sein. Es ist wahrhaftig nicht einfach, diese nur alle vier Jahre bestehende Möglichkeit zu wählen und damit die Richtung für die nächsten Jahre mitzubestimmen, verantwortungsvoll zu nutzen.

Ich wünschte mir sehr, ich könnte meine Stimme den wirklich wichtigen Dingen geben, aber die stehen nicht auf dem Wahlzettel.

  • Liebe
  • Frieden
  • Gerechtigkeit
  • Mitmenschlichkeit
  • Barmherzigkeit

Das wäre meine Wahl, aber diese Dinge stehen nunmal nicht zur Wahl. So wie die wirklich wichtigen Dinge im Leben meist nicht zur Wahl stehen, sondern von uns selbst verwirklicht werden wollen und müssen.

Nehmen wir als Beispiel einmal die Liebe. Ob wir sie als Gefühl, als Handlungsrichtschnur, als Konzept oder als „way of life“ sehen, sie zu wählen bedeutet gar nichts. Sie auszuleben und damit Wirklichkeit werden zu lassen, das ist der einzig gangbare und erfolgversprechende Weg.

Überhaupt verhält es sich eigentlich mit all den genannten Dingen, die ich gern wählen würde, ganz genau so. Wir alle wünschen uns Liebe, Frieden und Gerechtigkeit! Vor allem natürlich für uns und die Unsrigen. Da genau liegt das Problem. Entweder sie gelten für alle oder sie sind inhalts- und wertlos.

Nun könnte ich vielleicht die Programme aller zur Wahl stehenden Parteien durchforsten und versuchen herauszufinden, welche Partei wohl eher geneigt oder fähig sein könnte, die Dinge, die mir wichtig sind, zu verwirklichen. Aber das wäre natürlich Blödsinn!
Liebe, Frieden, Gerechtigkeit, Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit sind nicht an Parteien und nicht an Wahltermine gebunden. Sie stehen immer zur Wahl und wollen täglich beachtet und verwirklicht werden.
Genauso, wie sie ihren Inhalt und Wert verlieren, wenn sie nicht für alle gelten und nicht allen zugestanden werden, haben sie auch keinen Wert, wenn sie nur ab und zu mal in den Vordergrund gerückt werden.

Wir wählen Politiker und erwarten, dass sie sich vier Jahre lang täglich für unsere Belange und unser Wohlergehen einsetzen.

Die Liebe, die Gerechtigkeit oder die Mitmenschlichkeit, wählen uns für ihre Verwirklichung und sie begnügen sich nicht mit einer Wahlperiode von beliebiger Dauer, sondern verlangen jeden einzelnen Tag unseres Lebens für ihre Verwirklichung. Sie wollen den ganzen Menschen damit sie uneingeschränkt herrschen können. Ein sehr hoher Anspruch und ich bin sehr froh, dass die Barmherzigkeit mit im Boot ist.

 

Bild: Heiwa = Frieden / Sabine Adameit http://arts-of-emotions.de/

Mein Freund Piet und die Sache mit dem Wert

Pfahlhammer
Normalerweise treffen mein Freund Piet und ich uns ja am späten Nachmittag oder gegen Abend, um an seinem Küchentisch bei einem Glas guten trockenen Roten die Welt zu ordnen. Kürzlich machte ich mich allerdings schon früh am Morgen auf den Weg zu ihm. Durch die stürmischen Winde in den letzten Wochen war eine große Sichtblende in unserem Garten in Schieflage geraten und einer der Pfähle musste einbetoniert werden.

 

Ich beschloss, das bei wärmeren Temperaturen im Frühling zu tun und den Pfahl bis dahin abzustützen.Um eine Stütze in unseren Marschboden zu schlagen braucht man vor allem zwei Dinge: Ausdauer und einen schweren Hammer! Die Ausdauer ist meine Sache, aber den schweren Hammer, den würde ich sicher bei Piet finden. Sein Werkstattschuppen ist eine Fundgrube, in der alles, was man vielleicht irgendwann einmal brauchen kann, mit Sicherheit zu finden ist. Ein großer Hammer sowieso! Wie erwartet, werkelte Piet schon in seinem Werkstattschuppen. Er gehört zu den Menschen, die nie gelernt haben, einfach mal nichts zu tun – auch als Rentner nicht.

„Moin Piet!“ rief ich fröhlich. Bei dem Lärm der Maschine, mit der Piet gerade die Kette einer Säge schärfte, hätte er das wohl kaum gehört, wenn unser Hund Schoppie ihn nicht gleichzeitig freudig begrüßt hätte. Piet schaltete die Maschine aus, setzte die Schutzbrille ab und befreite sich aus Schoppies liebevoller „Umarmung“.

„Moin!“ sagte er lächelnd und fügte grinsend hinzu: „Was fehlt dir denn?“
„Ein schwerer Hammer.“ antwortete ich verlegen.
„Da musst du zum Arzt, der verschreibt Viagra. Sowas hab ich nicht!“
Lachend erklärte ich:“Eigentlich dachte ich dabei an einen Hammer, mit dem ich einen Holzpfosten in den Boden rammen kann.“
„Da bist du bei mir richtig.“ erwiderte Piet und holte aus einer Ecke einen großen Hammer der Sorte, wie ich sie aus meiner Kindheit vom „Hau den Lukas“ Stand auf der Kirmes kannte.
“Für nen guten trockenen Roten ist es ja wohl noch zu früh und meine Madam ist unterwegs, deshalb gibts auch keinen Kaffee.” Piet kratze sich verlegen am Kopf.
“Du, das ist kein Problem, ich muss ja zusehen, dass ich den Pfosten in den Boden kriege, bevor meine Madam das Signal zum Brunch gibt.”

Piet grinste. “Diese modernen Ausdrücke. Ich frage mich manchmal, wer sich sowas ausdenkt und ob das sein muss. Früher nannten wir das Faulenzerfrühstück, das ist eine Art vorgezogenes Mittagessen für Langschläfer. Aber was soll’s? Die Zeiten ändern sich, die Menschen auch und zurück bleibt der staunende Piet, dem das manchmal alles nicht ganz geheuer ist. Heute Morgen habe ich übrigens die Nachrichten im Radio gehört und war mal wieder vollkommen von den Socken.”

“Wieso? Ist was passiert, was mir entgangen ist?”

“Na ja, Opel ist doch jetzt verkauft worden, für immerhin über 2 Milliarden Euro. Also so mit allem Drum und Dran, Opel Finanzsparte und sowas alles…”

“Das hab ich in der Zeitung gelesen, Piet, aber was ist daran so bemerkenswert? Ich finde es gar nicht schlecht, dass Opel nun im Besitz von Peugeot, also in den Händen eines europäischen Partners sein wird.”

“Das mag ja angehen.” erwiderte Piet nachdenklich und hob seine Hand. Das tut er immer, wenn er etwas besonders Wichtiges sagen will. “Aber in den gleichen Nachrichten wurde berichtet, dass dieses Softwareunternehmen, Schnäppschätt oder wie die heißen, seine Aktien an die Börse gebracht hat und nun 30 Milliarden wert ist.” “Joh Piet, das hab ich auch gelesen, aber was hat Opel mit Snappchat zu tun?”

“Nix, mein Freund, rein gar nix. Mir fiel in dem Bericht nur auf, dass dieses Unternehmen noch nie Gewinne gemacht hat und dass es nicht sicher ist, ob es je Gewinne machen wird. Opel hat Gewinne gemacht, baut im Jahr eine Millionen Autos, beschäftigt europaweit 100.000 Menschen und kann durchaus auch künftig wieder Gewinne machen. Fällt dir da nix auf?”

“Genau genommen schon.”

Nachdenklich schwiegen wir für eine Weile. Mein Freund Piet mag nicht besonders bewandert sein, wenn es um wirtschaftliche Zusammenhänge geht, aber die Grundrechenarten beherrscht er gut genug, um den Unterschied zwischen 2 Milliarden und 30 Milliarden zu erkennen. Er mag nicht viel darüber wissen, wie Aktien bewertet werden und der Zusammenhang zwischen dem Unternehmenswert und der zukünftigen Gewinnerwartung mag ihm fremd sein, aber dass ein Unternehmen, dessen Börsenprospekt ausdrücklich darauf hinweist, dass es eventuell niemals die Gewinnzone erreichen wird, nun plötzlich 30 Milliarden wert ist, während ein anderes Unternehmen, das hunderttausend Menschen mit Lohn und Brot versorgt, tatsächlich sichtbare Werte schafft und in der Vergangenheit bewiesen hat, dass es Gewinne erwirtschaften kann, gerade mal mit 2 Milliarden bewertet wird, das war ihm sofort seltsam erschienen. Piet unterbrach unser Schweigen.

“Ich muss jetzt sehen, dass ich meine Kettensäge wieder ans Laufen bringe. Die mag, vom Kaufpreis her nicht sehr viel wert sein, aber sie hat mir schon geholfen, viele Kubikmeter Feuerholz zu machen, das scheint mir ein entscheidender Punkt zu sein, wenn es darum geht, welchen Wert etwas hat. Ich weiß nicht, was dieses Schnäppschätt für die Menschen bringt, aber das muss ich wohl auch nicht. Was ich allerdings gelernt habe, bei dem Vergleich mit Opel, dass die Frage, wieviel Geld man für etwas bezahlt, wohl heutzutage nicht mehr so sehr viel damit zu tun hat, welchen Wert es für die Menschen hat. Eine seltsame Welt ist das geworden, in der wir heute leben.”

“Jo, Piet! Ich muss mich dann auch mal mit meinem Pfosten beschäftigen.”

Wir gaben uns die Hand, ich schulterte den schweren Hammer und während Piet seine lärmende Schleifmaschine startete, machten unser Hund Schoppie und ich uns auf den Heimweg. Piet hatte mich mal wieder nachdenklich gemacht. Es gibt Werte, nach denen wir unser Leben ausrichten, Werte, die wir mit unseren Händen schaffen und Werte, die an Börsen ausgerufen werden. Allen gemeinsam ist wohl, dass sie nichts miteinander zu tun haben.

Mein Freund Piet und die Sache mit dem Advent

335266_original_r_k_b_by_knipseline_pixelio-deIn letzter Zeit haben wir uns eher selten getroffen, mein Freund Piet und ich. Die gemütlichen Stunden an seinem Küchentisch, mit einem guten trockenen Roten auf dem Tisch und unserem Hund Choppie unter der Eckbank haben mir gefehlt. Es wurde höchste Zeit, mal wieder miteinander zu plaudern und gemeinsam die Welt zu ordnen.

 

Piet hat manchmal einen recht bissigen Humor, der sich meist sehr spontan und trocken äußert. „Wer sind Sie?“ war seine Frage, als ich den gewohnten Weg über seinen Hof genommen hatte und durch die Hintertür in die Küche eingetreten war. Ich musste bei seinen Worten und seinem gespielten Entsetzen schallend lachen.
„Du kennst also deinen besten, weil einzigen Mitstreiter im Verein zur Förderung des Konsums trockenen Rotweins nicht mehr?“
„Jetzt kommt mir so langsam eine dunkle Erinnerung.“ entgegnete er grinsend. „Was für ein Zufall! Gerade habe ich eine Flasche Roten zur Verkostung geöffnet. Setz dich und sag deinem Hund, er soll sofort aufhören, an der Tür zur Speisekammer zu kratzen.“

Der Franzose, wie Piet unseren Hund Chopin immer zu nennen pflegt, hatte allerdings beschlossen, jegliche Anweisung seines deutschen Begleiters zu ignorieren. Ein kleines Leckerli, einladend unter der Eckbank platziert, hatte dann die überzeugende Wirkung. Alle waren nun an ihrem Platz und der Rote funkelte schon verlockend in den Gläsern.
„Hast du soviel mit Weihnachtsvorbereitungen zu tun,“ fragte Piet, während er sein Glas hob, „dass du deine Freunde vollkommen vergisst?“
„Du weißt doch selbst,“ antwortete ich schuldbewusst, „dass Ehefrauen die seltsame Angewohnheit haben, mit dem Beginn der Adventszeit lange Listen anzufertigen, mit dringenden Aufgaben, die ihr Göttergatte in Haus und Garten noch unbedingt vor Weihnachten erledigen sollte.“
„Joh,“ rief Piet zustimmend. „so als wäre an Weihnachten der Weltuntergang und vorher müsse nochmal Ordnung geschaffen werden.“

Nach dem ersten Glas des vorzüglichen Roten und einer lockeren Unterhaltung über Ereignisse und die Dorfneuigkeiten der letzten Wochen, hob dann Piet wieder einmal seine Hand. Das tut er immer, wenn er etwas loswerden will, was ihn gerade beschäftigt oder ihm wichtig erscheint.

„Sag mal, backt ihr auch schon Plätzchen und Weihnachtsgebäck? Ich frage absichtlich danach, ob ihr backt, weil es bei uns so ist, dass ich in der Adventszeit regelmäßig zum Backstubengehilfen ernannt werde.“

Bei der Vorstellung, wie Piet mit einer weißen Schürze und einer Bäckermütze durch die Küche wuselt, musste ich lachen.
„Nö, mein Lieber. Wenn mein holdes Weib in unserer Küche aktiv wird, dann fliegen Hund, Kater und ich raus. Wobei Hund und Kater allerdings mitunter auch bleiben dürfen, wenn sie das wollen. Ich nicht!“

„Sei froh!“ Piet nickte mir aufmunternd zu und hob sein frisch gefülltes Glas. „Ich würde diese Stunden, zum Beispiel, viel lieber in meiner Werkstatt verbringen oder mit dem Dackel durch unser Jagdrevier streifen. Aber nein, Madam besteht darauf, mich abwiegen und rühren zu lassen. Nun ja, an Weihnachten ist der Spuk ja vorbei.
Allerdings verknüpfe ich mit diesen Weihnachtsvorbereitungen auch einige schöne Kindheitserinnerungen, wie sicher jeder von uns. Jedenfalls jeder in unserem Alter. Heute ist das ja alles anders. Schon im Oktober sieht man gestresste Frauen durch die Regale der Supermärkte streifen, wahllos Spekulatius, Lebkuchenherzen und Dominosteine in den Einkaufswagen häufend.
Meine Großmutter fing jedes Jahr irgendwann in der Adventszeit an Pfefferkuchen zu backen. Auch meine Mutter hat das so gehalten und an diesen unvergleichlichen Duft, der dann das ganze Haus durchzog, erinnere ich mich sehr gern. Heutzutage findest du wahrscheinlich kaum noch eine jüngere Frau, die wüsste, wie Pfefferkuchen überhaupt gemacht werden, aber dafür haben sie alle Pfefferspray in der Handtasche.“

Piet verzog sein Gesicht, als wolle er jeden Moment anfangen zu weinen. Er hatte sicher Recht, Pfefferkuchen backen gehört wohl nicht mehr zu den Fertigkeiten, die eine moderne Frau sich unbedingt aneignen sollte, aber war das so tragisch?
So als könne er meine Gedanken lesen, fuhr Piet fort.

„Weißt du, es geht mir nicht einmal so sehr um diese Pfefferkuchen, sie sind nur ein Beispiel dafür, wie sehr sich unsere Welt und offenbar unser Verständnis von Sinn und Bedeutung der Adventszeit geändert haben. War Advent nicht einmal die Zeit der Erwartung, die Zeit der Vorfreude auf die Ankunft Christi? Was erwarten Menschen, die Pfefferkuchen zwar kaum noch kennen, aber dafür Pfefferspray zum ständigen Begleiter erkoren haben?“

Wieder einmal hatte Piet mich sehr nachdenklich gemacht. Wenn auch der Zusammenhang zwischen Pfefferkuchen und Pfefferspray lediglich im Wort und wohl kaum im Inhalt zu suchen war, trotzdem fand ich seine Frage danach, was Menschen heute eigentlich noch erwarten, recht bemerkenswert.

„Da hast du eine wichtige Frage gestellt.“ war nach einer nachdenklichen Pause meine Antwort. „Man muss sicher nicht einmal sonderlich fromm sein, um mit der Ankunft Christi, mit der Feier seiner Geburt, solche Begriffe wie „Frieden“ und „Liebe“ zu verbinden. Auch wenn Gottes Angebot von Frieden auf Erden und Liebe unter den Menschen natürlich immer nur funktionieren und real werden kann, wenn Menschen bereit sind es anzunehmen. Wenigstens in der Weihnachtszeit haben sich jedenfalls viele Menschen zu allen Zeiten darauf besonnen.“

„Das ist vorbei, mein Freund.“ sagte Piet heftig und hob beschwörend sein Hände. „Denk nur an die schrecklichen Nachrichten aus Syrien, an die vielen Tausenden von Menschen, Frauen, Kinder Männer, Alte und Junge, die rund um die Uhr Bombenangriffen, Gewehrfeuer und Artilleriebeschuss ausgesetzt sind. Glaubst du, irgendeiner dieser machtbesessenen verantwortlichen Politiker, Soldaten oder Terroristen denkt auch nur ansatzweise daran, innezuhalten, den Menschen eine Atempause zu verschaffen und die Versorgung der Kranken, Verletzten und Hungernden zuzulassen?“

„Es, sieht nicht danach aus, Piet! Menschen verbinden heute mit der Ankunftszeit, mit dem Advent und der Weihnacht wohl eher nichts mehr in dieser Hinsicht. Die Erwartungen beschränken sich auf Geschenke, freie Tage, gutes Essen und allenfalls noch darauf, dass die Feiertage nicht durch Terroranschläge in unserem weihnachtlich beseelten Europa gestört werden.“

Mittlerweile hatten wir eine weitere Flasche vom guten trockenen Roten geöffnet und genossen schweigend den guten Tropfen. Mit unserem Bemühen, am Küchentisch die Welt zu ordnen, kommen wie sehr oft an unsere Grenzen. So auch heute. Wenn der Friede, der doch nur aus den Herzen kommen kann, nicht mehr erwartet, erhofft und angestrebt wird, wenn Pfefferspray gefragter und bekannter ist als Pfefferkuchen, um mal bei Piets Beispiel zu bleiben, dann kann der Einzelne nichts mehr gerade rücken oder ordnen. Es bleibt nur mitzufühlen und wo immer es geht, Hilfe zu gewähren.

Foto: Pfefferkuchenmann – knipseline / pixelio.de

 

Darf man alles denken?

patroneDarf man alles denken und wenn ja, darf man es auch aussprechen? Vielleicht erscheint Ihnen diese Frage ein wenig seltsam, denn immerhin gehört es zum alten deutschen Kulturgut, aus voller Brust „Die Gedanken sind frei!“ zu singen. Aber so einfach ist es manchmal eben doch nicht.

 

 

Schon im Talmud sind diese weisen Worte zu finden

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.

und die menschliche Geschichte zeigt, wie zutreffend sie sind. Andererseits lassen sich Gedanken, einmal gedacht, nicht mehr einfach so zur Seite schieben. Schön wäre es ja, aber manche von ihnen sind hinterhältig, lauern tief im Unterbewussten verborgen, um bei passender Gelegenheit immer mal wieder an die Oberfläche zu blubbern.

Ich gehöre zur Generation der massenhaften Kriegsdienstverweigerungen und habe aus meiner Anhörung vor Jahrzehnten immer noch gut in Erinnerung, mit welchen spitzfindigen Fragen ein pazifistischer Frömmling, so wie ich es damals war, von den „Gewissensprüfern“ konfrontiert wurde. „Stellen Sie sich vor, Sie bedienen eine Flugabwehrkanone. Sie haben ein Flugzeug im Visier, von dem Sie genau wissen, dass seine Besatzung in wenigen Minuten eine todbringende Bombe auf eine große Stadt abwerfen wird. Schießen Sie das Flugzeug ab, um vielleicht Tausenden in dieser Stadt das Leben zu retten, obwohl Sie dabei den Tod der Flugzeugbesatzung in Kauf nehmen müssten?“

Solche Gedankenspiele wurden in den damaligen Prüfverfahren zuhauf konstruiert mit dem vorgeblichen Ziel, die Ernsthaftigkeit der Gewissensentscheidung des Prüflings auszuloten. Ferdinand von Schirach hat eine solche Fragestellung erst aktuell in seinem Theaterstück „Terror“ thematisiert. Eine Mehrheit der Zuschauer entschied sich übrigens dafür, die Rechnung Hundert gegen Zehntausend als legitim anzusehen und votierte für die Auslöschung der Terroristen. Man darf gespannt sein, wie in Kürze die deutschen Fernsehzuschauer darüber urteilen werden.

Im Laufe der Jahre habe ich mich immer mal wieder mit diesem Thema beschäftigt, nicht zuletzt durch mein Interesse am Leben und den Gedanken Dietrich Bonhoeffers. Als Christ hat Bonhoeffer sich die Entscheidung den Widerstand gegen Hitler aktiv zu unterstützen, nicht leicht gemacht. Obwohl er sich in absoluter Bindung an christliche Gebote und Werte sah, hat er folgenden Gedanken formuliert:

Der Mensch der Verantwortung, der zwischen Bindung und Freiheit steht, der als Gebundener in Freiheit zu handeln wagen muss, findet seine Rechtfertigung weder in seiner Bindung, noch in seiner Freiheit, sondern allein in dem, der ihn in diese – menschlich unmögliche – Situation gestellt hat und die Tat von ihm fordert. Der Verantwortliche liefert sich selbst und seine Tat Gott aus.

An anderer Stelle ergänzt er:

In konkreter Verantwortung handeln heißt, in Freiheit handeln, ohne Rückendeckung durch Menschen oder Prinzipien selbst entscheiden, handeln und für die Folgen des Handelns einstehen.

Und:

Freie Verantwortung beruht auf einem Gott, der das freie Glaubenswagnis verantwortlicher Tat fordert und dem, der darüber zum Sünder wird, Vergebung und Trost zuspricht.

Folge ich der Überzeugung Bonhoeffers, bedeutet das für mich als Christ, dass in Grenzsituationen Gedanken, auch wenn sie konträr zu christlicher Ethik stehen, nicht nur gedacht, sondern manchmal auch in die Tat umgesetzt werden dürfen. Vielleicht sogar sollen?

Wenn Sie mir bis hierhin gefolgt sind, werden Sie sich vielleicht fragen, wohin diese Überlegungen eigentlich gehen sollen. Eine gute Frage – ich gestehe, ich schweife ein wenig zu sehr ab.

Es geht mir, wie so vielen in unserem Land heute, um die Flüchtlingsproblematik. Nicht um das, was Sie nun vielleicht erwarten. Ich bin immer noch und weiterhin der Ansicht „Wir schaffen das!“, wenn wir nur wollen. Mit gutem Willen und einer Menge Geld, die sinnvolle Integrationsmaßnahmen nunmal kosten werden, lässt sich der Flüchtlingsansturm nicht nur bewältigen, sondern am Ende sogar in einen Vorteil für unsere Gesellschaft wandeln.

Ich kenne in meinem persönlichen Umfeld niemanden, den das Schicksal notleidender Menschen, die Angst derer, die sich mit Mühe vor dem Bombenhagel oder dem Hungertod und der Hoffnungslosigkeit in ihrer Heimat retten konnten, ungerührt lässt. Angesichts dieser menschlichen Schicksale, angesichts der Rücksichtslosigkeit mit dem aus Macht- und Einflussdenken heraus Millionen Menschen grausam in die Flucht getrieben werden, scheint es schon fast unanständig, sich über Kosten und Finanzierung des Lebensunterhaltes von Flüchtlingen Gedanken zu machen. Dennoch muss auch darüber nachgedacht werden. Wer nicht all zu sehr unter Vergesslichkeit leidet, wird sich bestimmt daran erinnern, dass im letzten Dezember dem Welternährungsprogramm der UN die Mittel knapp wurden. Die Lebensmittelgutscheine für syrische Flüchtlinge in den Nachbarländern mussten gekürzt werden. Empörung machte sich breit, deren Energie allerdings überwiegend in Sonntagsreden und besorgte Artikel floss. In der ZEIT wurde ganz treffend der nachfolgende Ablauf geschildert:

Dann kam die Erkenntnis: Wer will, dass die Not leidenden Menschen nicht nach Europa weiterziehen, sondern im Libanon und in Jordanien, in der Türkei, im Irak und in Ägypten bleiben, der muss ihnen dort ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.

Das kostet Geld. Nach Schätzungen der UN müssen Regierungen, staatliche und nicht staatliche Organisationen dafür allein in diesem Jahr 5,78 Milliarden Dollar aufbringen. 4,54 Milliarden haben 70 Staaten im Februar auf einer Geberkonferenz in London zugesagt, bislang ist allerdings nur knapp die Hälfte davon auf den Konten der Hilfsorganisationen eingegangen.“

Die Unterbringung und Versorgung der Millionen Flüchtlinge allein in den Nachbarländern Syriens wird also in einem Jahr 5,78 Milliarden Dollar kosten. Ein Betrag, der nicht einmal vollständig zugesagt, geschweige denn von der Gebergemeinschaft auch eingezahlt wurde. Der Schreiber des Artikels in der Zeit kommt am Schluss zu dem logischen Ergebnis:


Die Finanzierung hinkt weit hinterher.Fließt das versprochene Geld nicht bald, werden sich etliche Flüchtlinge in ihrer Not wieder auf den Weg nach Europa machen.

Fast 6 Milliarden Dollar, ein Betrag, den sich jemand wie ich kaum vorstellen kann. Ein Betrag, der lediglich die Kosten für ein Jahr abdecken wird. Natürlich – ich denke, das muss ich nicht extra betonen – können Menschenleben nicht gegen Geld aufgerechnet werden und nichts liegt mir ferner, als in das große Lamento einzufallen, das man allenthalben vor allem von denen hört, die zuvor an Waffenexporten Milliarden verdient haben. Angesichts dieser Mammutaufgabe und der notwendigen Ausgaben muss ich allerdings gestehen, dass man vielleicht mit einer lächerlich kleinen Investition diese Situation hätte vermeiden können oder sie vielleicht sogar immer noch in eine andere Richtung lenken könnte. Eine Richtung, die allen Flüchtlingen und allen, die wegen der Finanzierung des Unterhalts dieser Flüchtlinge nun eine krause Stirn bekommen, sehr entgegengekommen wäre, bzw. entgegenkommen würde.

Die Investition liegt ungefähr bei 4 Euro. Soviel kostet, meinen laienhaften Recherchen zufolge, eine Patrone für das M40A3 Präzisionsgewehr. Der Einsatz einer Drohne wäre zwar mit höheren Kosten verbunden und vielleicht sogar noch erfolgversprechender als der Scharfschützenschuss auf den syrischen Machthaber Assad. Wie auch immer, 4 Euro, oder besser noch 8 Euro, wenn man den russischen Kumpel Assads auch berücksichtigen will, stehen in keinem Verhältnis zu dem Schaden, den diese Wahnsinnigen anrichten und den Kosten, für die nun die Weltgemeinschaft aufkommen muss. Und zwar Jahr für Jahr und das auf sehr lange Sicht!

Darf man so denken? Ist es absolut verwerflich, über eine solche Lösung nachzudenken? Wie kann ich als Christ, oder wenn wir es tiefer hängen, als Bürger der Bundesrepublik Deutschland, deren Grundgesetz diese Erwägungen ausschließt, solche Gedanken rechtfertigen? Habe ich mich vielleicht sogar in meinem Denken der Haltung derer angepasst, gegen die ich aufbegehre und deren Verhalten ich als eines der größten Verbrechen unserer Zeit ansehe?
Oder besteht nicht, angesichts des millionenfachen Leids und der Folgen daraus, sogar die Pflicht darüber nachzudenken, ob solche Verbrecher nicht kurzerhand und für immer gestoppt werden müssten?

Ich weiß es nicht, wie ich denken und mich verhalten würde, wenn ich die Möglichkeit und Gelegenheit für einen solchen Schritt hätte. Ich weiß nur, dass ich mir immer öfter wünschte, dass jemand schon viel früher diesen Gedanken gehegt und in die Tat umgesetzt hätte. Das Gefühl der Hilflosigkeit und des Zorns sind der Ursprung dieser Gedanken.

Können Sie das verstehen, selbst wenn Sie es verurteilen?

Mein Freund Piet und die Sache mit der Frömmigkeit

fluchtlingscamp-sudanWer schon einmal einen meiner kleinen Berichte über Piet und unsere Versuche am Küchentisch die Welt zu ordnen gelesen hat, der weiß, dass auch immer ein guter, trockener Roter dabei ist. Unser Hund Schoppie liegt meist unter der Eckbank, während Piet und ich allerlei wichtige Fragen zu unserer Gesellschaft und der Weltgeschichte allgemein klären.

 

Diesmal war es jedoch anders. Früh am Morgen, ich hatte gerade meinen ersten Kaffee hinter mir und begann langsam wach zu werden, klingelte es an der Haustür. Solche frühen Besuche schätze ich eigentlich nicht sonderlich. Weil ich meist lange vor dem Wachwerden aufstehe, benötigen mein Kopf und der Körper ganz allgemein, eine gewisse Zeit, um den Tag gesittet zu beginnen. Wenn allerdings Piet klingelt, dann mache ich schon mal gern eine Ausnahme, öffne die Tür und versuche zu lächeln.

Heute Morgen war es mal wieder so weit. Piet klingelt, ich verschluckte mich am heißen Kaffee, der Hund spielte verrückt und wollte die Tür einrennen, der Kater rannte verschreckt unter den Küchentisch – Piet war da!

Auf Piet ist Verlass und selbst so nebenbei erwähnte Dinge, wie zum Beispiel die Überlegung, in unseren Gartenzaun direkt neben der Haustür eine Pforte einzusetzen, geraten bei ihm nicht in Vergessenheit. „Ich kann ja mal meinen Sohn fragen, ob er euch eine günstige Lösung vorschlagen kann.“ hatte er bei unserem letzten Zusammensein am Küchentisch erwähnt. Und nun kam Piet, um Vollzug zu melden. „Ich hab mit meinem Sohn gesprochen,“ verkündete er zufrieden, „er wird heute Abend mal vorbeikommen, um sich das genau anzusehen und vielleicht morgen schon mit der Arbeit anfangen.“

Ich brauchte einen Moment, um den Zusammenhang zu begreifen, aber dann grinste ich. „Darauf einen Kaffee, Piet? Für einen trockenen Roten ist es ja noch zu früh, oder?“
„Nee, lass man,“ lachte Piet, „weder Rotwein, noch Kaffee, ich muss ja gleich weiter.“ Nun bedeutet „gleich weiter“ bei Piet nicht unbedingt, dass er auf dem Absatz kehrt macht und geht. Es bedeutet vor allem, dass er nicht ins Haus kommen will. Für ein Schwätzchen an der der Haustür bleibt aber immer noch Zeit.

So auch diesmal. „Du,“ meinte Piet, „gestern Abend hab ich unseren Pfarrer getroffen. Ich sehe ihn ja nicht so oft, eigentlich nur, wenn wir mal eingeladen sind in der Kirche unsere Blasmusik zu machen. Deshalb dachte ich mir, es sei vielleicht ganz angebracht, mit ihm mal wieder ein wenig zu schnacken.“
„Und,“ fragte ich ginsend, „ hast du dir eine Rüge eingefangen, wegen mangelnder Kirchentreue?“
„Nee, das nich direkt, meine Frau arbeitet ja ehrenamtlich im kirchlichen Besuchsdienst, die sammelt Bonuspunkte für uns beide. Aber jetzt mal Spaß beiseite. Ich hatte gestern, kurz bevor ich aus dem Haus ging, einen Bericht gesehen über den Einsatz von Giftgas im Sudan. Grausam, wie das Regime dort mit Militär und Waffengewalt der schlimmsten Art gegen die eigene Bevölkerung vorgeht. Genauso verbrecherisch, wie dieser Assad in Syrien das macht. Rücksichtslos werden Frauen und Kinder niedergemetzelt, von Giftgas verletzt, Krankenhäuser, Wohnhäuser, Schulen, alles wird zerbomt, verbrannt und pulverisiert.“

„Und darüber hast du mit dem Pfarrer reden wollen? Ausgerechnet mit dem Pfarrer?“

Piet sah mich ein wenig entrüstet an. „Natürlich, wer wäre denn sonst wohl zuständig für das Leid und den Kummer der Menschen, wenn nicht diese himmlischen Botschafter in Schwarz? Aber nun lass mich weiter erzählen. Wir begrüßten uns also und es dauerte einen Moment, bis er mich richtig zuordnen konnte – der gute Mann war wohl sehr in Gedanken. Nach der Begrüßung sah er mich mit etwas besorgter Miene an und seufzte. ‚Ja, ja mein Bester, die Welt gerät immer mehr aus den Fugen. Aber ihnen geht’s gut soweit?‘ Das waren seine Worte und mir war klar, der muss wohl auch eben gerade die Nachrichten gesehen haben.
Ich seufzte also und antwortete, ‚Grauenhaft, Herr Pfarrer, wirklich grauenhaft!‘. Er nickte betrübt und rief dann laut, ‚Ja, es ist wirklich ein Gräuel vor dem Herrn, mein Bester!‘ Da konnte ich ihm nur zustimmen.“

Ich konnte nicht umhin, meinen Freund Piet noch einmal zu unterbrechen und fragte lachend: „Wurde dir da denn nicht ganz mulmig zumute? Ich meine, so absolut einer Meinung mit dem Pfarrer, das ist ja sonst nicht so dein Ding.“

Piet stimmte in mein Lachen ein: „Tja, es geschehen eben immer noch Zeichen und Wunder. Aber warte mal, du wirst gleich sehen, dass es mit der Übereinstimmung nicht so weit her war. Bevor ich nämlich noch irgendetwas sagen konnte, hob der gute Pfarrer die Arme klagend zum Himmel und rief ‚Gott oh Gott, wo soll das alles noch hinführen? Nun hat auch unsere Landeskirche beschlossen, dass schwule oder lesbische Paare in der Kirche gesegnet werden sollen. Das ist Sodom, mein Bester, Sodom und Gomorra! Ein Gräuel vor dem Herrn!‘ Da war ich nun erstmal baff, kannst‘e dir ja denken!“

Ich nickte nur betreten, damit hatte ich auch nicht gerechnet. Die Welt gerät immer mehr aus den Fugen, aber Gottes Bodenpersonal hat nichts Dringenderes zu tun, als sich darüber zu ereifern, dass Homosexuelle den Segen Gottes für ihre Partnerschaft erbitten? „Das kann ich verstehen, Piet! Da hätten mir wohl auch erstmal die Worte gefehlt.“

Piet nickte heftig. „Ich kann dir sagen, mein Freund, mir war danach, mir verwundert die Augen zu reiben. War ich doch vor gar nicht langer Zeit mit meiner Posaunengruppe bei einem Gottesdienst anwesend, eine Gebetsveranstaltung, die wir mit unserer Blasmusik verschönert haben. Da wurde für alles Mögliche gebetet. Für den Frieden in der Welt, für die Armen und Unterdrückten und auch für unser Land. Weisheit von Gott wurde für unsere Politiker erbeten und der Allmächtige gebeten unser Land und seine Menschen zu segnen. Als ob es unter unseren Politikern und in unserem Land keine Schwulen und Lesben gäbe, die in einer liebevollen Partnerschaft leben! Sogar Mörder, Diebe und Verbrecher jeglicher Art gehören zu den Menschen, für die so ganz allgemein und abstrakt ja ruhig mal der Segen erbeten werden kann.
Diese Art von Frömmigkeit kann ich nicht nachvollziehen. So im Großen, ganz allgemein, soll Gott unser Land zwar segnen, aber das wohl in der Hoffnung, dass er die Schwulen, oder andere, die sich nicht nach den Moralvorstellungen unserer Frommen richten, aus seinem Segen ausspart? Oder stecken dahinter einfach Vorurteile und Abneigungen, die es diesen frommen Dienern unmöglich machen, einem homosexuellen Paar persönlich gegenüberzutreten, ihnen in die Augen zu schauen und den Segen Gottes für sie zu erbitten?“

Darüber musste ich nun einen Moment nachdenken. Ja, woran lag das eigentlich, dass in weiten Kreisen der gläubigen Christen die alttestamentarischen Anweisungen Gottes, Feinde auszurotten, ihre Frauen und Kinder zu töten oder als Sklaven zu verkaufen, zwar im historischen Zusammenhang gesehen wurden, die deshalb keine Anweisung an heutige Christen sein dürften, aber ein paar biblische Verse über die Homosexualität als ewig gültiges Gesetz angesehen werden?
Piet hatte sich sein Urteil jedenfalls schon gebildet. „Eine Frömmigkeit,“ sagte er abschließend und schon fast im Gehen begriffen, „eine Frömmigkeit, die Angesichts des Leides und der Not von Millionen Menschen im Krieg und auf der Flucht, nichts Wichtigeres zu tun hat, als homosexuellen Menschen Steine in den Weg zu legen, auf die pfeife ich!“

Nach einem kurzen Händedruck machte Piet sich dann eilends auf den Weg, um seinen Geschäften nachzugehen. Ich blieb ein wenig nachdenklich zurück und setzte mich erst einmal wieder an den Küchentisch. Ein frischer Kaffee musste her. Es war ja kein Zufall, dass Piet mir frühmorgens dieses Erlebnis berichtet hatte. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass für mich der Glaube an die Existenz Gottes und auch die persönlichen Handlungskonsequenzen daraus, ein zentraler Bestandteil meines Lebens sind.

Welche Antworten hatte ich denn, auf solche Anfragen an das Denken und Selbstverständnis der Christen? Schließlich sagte ich mir, dass Christen ja auch nur Menschen sind, Menschen mit dem Recht auf Fehlbarkeit und Irrtum. Schön wäre es allerdings wenn wir Christen dann nicht immer mit dem Anspruch auf moralische Überlegenheit daher kämen. In der Bibel steht zwar, dass Gott die Sonne aufgehen lässt über Gerechten und Ungerechten, aber offensichtlich hegt so mancher Christ insgeheim den Wunsch, diese Sonne für manche Menschen wieder auszuschalten. Oder sie doch zumindest abzudunkeln. Piet hatte mal wieder den Finger auf eine schmerzende Wunde gelegt. Darüber würden wir wohl noch öfter mal reden müssen.

 

Bild: Zerstörtes Flüchtlingscamp im Sudan  © ENOUGH Project [CC BY-NC-ND 2.0] – flickr

Gottesbegegnung

402002_original_r_by_knipseline_pixelio-deIm Laufe der Jahre bin ich schon oft gefragt worden, worin sich mein Glaube an Gott begründet, wo er seinen Anfang genommen hat und welche Beweise ich für sein Richtigkeit vorlegen kann. Anders als mancher bibeltreue Mitchrist, sehe ich keinen Sinn darin zu versuchen, Gott durch Bibelverse, erfüllte Prophezeiungen, Bezüge auf die theologischen Erkenntnisse anderer Menschen oder durch die Verkündung kirchlicher Dogmen zu erklären oder gar zu beweisen. Was also hat mich dazu gebracht, Gott in mein Leben als erfahrbare Realität einzubeziehen?

War es die gefühlsbetonte Erkenntnis in Kinderjahren, als mir klar wurde, dass es mehr gibt als das, was ich sehen und anfassen kann?
War es die jugendliche Suche zwischen Marx und Jesus, nach Frieden und Gerechtigkeit, bei der ich die besseren Antworten in der Bibel fand?
War es vielleicht die Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie bei der mir klar wurde, dass ich dafür mindestens ebenso viel Glauben wie für den Glauben an einen Schöpfergott, durch den alles entstanden ist, haben müsste? War es die Erkenntnis, dass der Zufall gepaart mit ein paar Milliarden Jahren sehr zweifelhafte Zutaten für vollkommene Schönheit sind?
Vielleicht war es das simple Beispiel des kleinen Goldregenpfeifers, der nicht in der Lage ist, genügend Körperreserven zu speichern, um den langen Weg aus seinem angestammten Lebensraum, der im Winter tödlich für ihn ist, in südliche, wärmere Gefilde zu bewältigen; der aber durch einen genialen, energiesparenden Formationsflug trotzdem diese Strecke überwinden kann? Hätte sich diese Fähigkeit erst entwickeln müssen, wären alle Goldregenpfeifer in der Kälte umgekommen oder bei dem Versuch, in den Süden zu fliegen, abgestürzt. Tausende Beispiele, die auf eine intelligente genetische Ausstattung schließen lassen und für die Evolutionisten immer nur die Lösung sehen, der Entwicklung noch ein paar Millionen Jahre hinzuzufügen; waren die es, die mich Gott näher brachten?

Waren es meine Erfahrungen, die mich in etlichen Fällen erleben ließen, dass ich entgegen jeder Erwartung und Logik nicht starb, sondern überlebte? Vielleicht durch das Eingreifen Gottes?
Waren es die Augenblicke in meinem Leben, in denen mein überkommenes Gottesbild mir nicht mehr tragfähig schien und mein Glaube den Zweifeln und der Verzweiflung nichts mehr entgegensetzen konnte und durch die hindurch ich zu einem offenen, weiteren, freieren Gottesverständnis gelangte? Eines das mir wieder soliden Boden unter die Füße gab?
Waren es vielleicht auch all meine gescheiterten Pläne und Lebenswege, an deren Ende ich feststellen musste, dass alles sich zur richtigen Zeit um soviel besser entwickelt und gewendet hatte, als ich mir je zu träumen gewagt hätte?

War es die Erkenntnis, dass zu sterben nichts ist, was mir Angst machen müsste, weil der Tod von Anfang an zum Leben gehört und das Leben ganz unabhängig von einem „danach“ ein Geschenk ist, das ich dankbar auskosten darf? Vielleicht war es die Erkenntnis, dass keine Selbstverdammnis mich besser machen könnte, weil mein Schöpfer schon wusste, welche Fehler ich begehen und mit welchen Schwächen ich behaftet sein würde und mir deshalb durch das Leben Jesu Christi gezeigt hat, dass Weisheit, Erkenntnis, Liebe, Geduld und Friedfertigkeit zu leben möglich ist und durch die Verbindung zu ihm erlangt werden können?

So viele Dinge sind in meinem Leben geschehen. Dinge an denen ich, wie andere Menschen auch, fast verzweifelt bin. Dinge die Fragen aufgeworfen haben und mich gezwungen haben, mit diesen Fragen zu leben, ohne Antworten finden zu können.
All das sind Begegnungen mit Gott und sind es gleichzeitig doch nicht nur. Selbst die Summe aller Indizien, aller Erlebnisse, Erfahrungen und Empfindungen sind nur Hinweise darauf gewesen, dass es einen Gott geben könnte. So oder anders zu deuten, zu verstehen, zu glauben oder eben auch nicht zu glauben.

Nein, es gab und gibt mehr und eben dieses „mehr“ entzieht sich jeder Möglichkeit es zu beschreiben, zu erklären oder zu beweisen. Könnte ich jemandem erklären, beschreiben oder gar beweisen, dass und wie sehr ich meine Frau liebe? Er kann es akzeptieren, weil es glaubwürdig klingt, kann mir zustimmen, weil wir uns darauf geeinigt haben, ein bestimmtes Ereignis Liebe zu nennen, in dem Bewusstsein, dass wir niemals genau wissen werden, wie der andere es empfindet, welche Empfindungen, Gedanken, Sehnsüchte und tiefen Gefühle sich bei ihm zu diesem Begriff „Liebe“ formen.

Ich denke, so verhält es sich auch in Bezug auf die innerste Begegnung mit Gott, wenn das, was in uns Leben hervorgerufen hat zusammentrifft mit seinem Urheber, dem Spender und Schöpfer allen Lebens. Wir nennen es Gottesbegegnung, nennen es Glaube, Gewissheit, Überzeugung oder überwältigende Erfahrung und wissen doch, dass es für jeden Menschen eine einzigartige, individuelle Begegnung ist, die ein Schöpfer auf unvergleichliche Weise und unzählbaren Wegen jedem seiner Geschöpfe schenken will.

Soviel verschiedene Sichtweisen es auch geben mag, – der Eine sieht Gottes Bild in den Armen, Hilflosen, den Schwachen und denen, die Beistand brauchen, der Andere in der Schönheit der Natur, wieder ein Anderer in der bestechenden Klarheit und Logik von Mathematik, Physik und Erkenntnis – so gehen all diese Sichtweisen und Erfahrungen der Realität Gottes doch weit über das hinaus, was dem Glauben nachgesagt wird. Nämlich der Irrtum, der Glaube sei nur ein Lückenfüller für alles, was wir noch nicht wissen, erkannt und verstanden haben. Aber auch dafür habe ich keinen Beweis. So bleibt letztlich jede Aussage, also auch meine, über Erfahrungen und Begegnungen mit Gott, ein Bericht über eine ganz persönliche, sehr individuelle Erfahrung, die niemanden überzeugen soll und kann. Der Anfang jedes Glaubens und der einzige Weg Gott zu begegnen, seine Existenz zu erfahren, liegt in dem Willen und der Offenheit für eine solche Erfahrung begründet.

 

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