Was wähle ich?

heiwa

In Kürze haben wir mal wieder die Wahl und stehen damit vor der Frage, was wir denn wählen wollen, können oder sollten. Zweiundvierzig Parteien stehen zur Wahl und man sollte meinen, dass sich doch unter soviel Angeboten eines finden ließe, das uns nicht den schlechten Nachgeschmack hinterlässt, uns zwischen Cholera oder Pest entschieden zu haben. Ein Angebot, das uns beruhigend suggeriert, im Zweifelsfall allenfalls für eine leichte Grippe verantwortlich zu sein. Es ist wahrhaftig nicht einfach, diese nur alle vier Jahre bestehende Möglichkeit zu wählen und damit die Richtung für die nächsten Jahre mitzubestimmen, verantwortungsvoll zu nutzen.

Ich wünschte mir sehr, ich könnte meine Stimme den wirklich wichtigen Dingen geben, aber die stehen nicht auf dem Wahlzettel.

  • Liebe
  • Frieden
  • Gerechtigkeit
  • Mitmenschlichkeit
  • Barmherzigkeit

Das wäre meine Wahl, aber diese Dinge stehen nunmal nicht zur Wahl. So wie die wirklich wichtigen Dinge im Leben meist nicht zur Wahl stehen, sondern von uns selbst verwirklicht werden wollen und müssen.

Nehmen wir als Beispiel einmal die Liebe. Ob wir sie als Gefühl, als Handlungsrichtschnur, als Konzept oder als „way of life“ sehen, sie zu wählen bedeutet gar nichts. Sie auszuleben und damit Wirklichkeit werden zu lassen, das ist der einzig gangbare und erfolgversprechende Weg.

Überhaupt verhält es sich eigentlich mit all den genannten Dingen, die ich gern wählen würde, ganz genau so. Wir alle wünschen uns Liebe, Frieden und Gerechtigkeit! Vor allem natürlich für uns und die Unsrigen. Da genau liegt das Problem. Entweder sie gelten für alle oder sie sind inhalts- und wertlos.

Nun könnte ich vielleicht die Programme aller zur Wahl stehenden Parteien durchforsten und versuchen herauszufinden, welche Partei wohl eher geneigt oder fähig sein könnte, die Dinge, die mir wichtig sind, zu verwirklichen. Aber das wäre natürlich Blödsinn!
Liebe, Frieden, Gerechtigkeit, Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit sind nicht an Parteien und nicht an Wahltermine gebunden. Sie stehen immer zur Wahl und wollen täglich beachtet und verwirklicht werden.
Genauso, wie sie ihren Inhalt und Wert verlieren, wenn sie nicht für alle gelten und nicht allen zugestanden werden, haben sie auch keinen Wert, wenn sie nur ab und zu mal in den Vordergrund gerückt werden.

Wir wählen Politiker und erwarten, dass sie sich vier Jahre lang täglich für unsere Belange und unser Wohlergehen einsetzen.

Die Liebe, die Gerechtigkeit oder die Mitmenschlichkeit, wählen uns für ihre Verwirklichung und sie begnügen sich nicht mit einer Wahlperiode von beliebiger Dauer, sondern verlangen jeden einzelnen Tag unseres Lebens für ihre Verwirklichung. Sie wollen den ganzen Menschen damit sie uneingeschränkt herrschen können. Ein sehr hoher Anspruch und ich bin sehr froh, dass die Barmherzigkeit mit im Boot ist.

 

Bild: Heiwa = Frieden / Sabine Adameit http://arts-of-emotions.de/

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Er wird es immer wieder tun

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Er wird es immer wieder tun! Ein Satz, den man häufig im Zusammenhang mit Zukunftsprognosen für straffällige Menschen und insbesondere für Triebtäter hört. Die Motive der Täter mögen noch so unterschiedlich sein, sehr häufig gehört dazu jedenfalls die Machtausübung. Mag ein Straftäter auch noch so viele, im materiellen Bereich angesiedelte Beweggründe haben, die Verlockung für den – nach eigenem Empfinden – Zukurzgekommenen, vom Leben benachteiligten, gewaltsam zu nehmen, was er begehrt, ist immer auch ein Beweggrund. Hier findet er die Möglichkeit, Macht auszuüben und vom Ohnmacht empfindenden Abgehängten zu den Mächtigen aufzusteigen, die ganz nach Gusto, haben können, was ihnen gefällt.

Für den neuen amerikanischen Präsidenten scheiden solche Beweggründe sicher aus. Ein reichliches Erbe hat ihn einen finanziellen Status erreichen lassen, der ihm ermöglicht, nahezu alles zu kaufen, wonach ihm der Sinn steht. Diese finanzielle „Potenz“ ermöglicht gleichzeitig die fast unbegrenzte Möglichkeit zur Ausübung von Macht.

Auf Dauer wird Macht jedoch nur dann als wirkliche Macht empfunden, wenn sie dem Mächtigen ermöglicht, andere dazu zu zwingen, etwas zu tun oder zu erdulden, was diese sonst nicht getan oder hingenommen hätten. Macht hat also der, der den eigenen Willen gegen den eines anderen durchsetzen kann. (Heckhausens Beschreibung der Macht 1989, S. 361f)

Im Falle der Unternehmensführung treffen sich Motivbasis des Mächtigen und die des Beherrschten zunächst auf einer ausgeglichenen Ebene. Der Mächtige benötigt den anderen für den Aufbau seines Unternehmens, für die Mehrung seines Einkommens, zur Vergrößerung seines Einflussbereiches. Der Andere sieht hier die Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu erarbeiten und ein ausreichendes Einkommen zu sichern. Diese Situation bringt für den Mächtigen auf Dauer keinen weiteren Machtzuwachs. Solange die Ziele beider im Einklang sind, kommt es zu keiner Machthandlung. Obwohl der Mächtige in diesem Beispiel viel Macht hat, fehlt im das Machtmotiv um seine Macht zur Geltung zu bringen.

In diesem Stadium beginnt sich bei Trump die Eigenschaft des Triebtäters herauszukristallisieren. Einem Triebtäter geht es immer darum, seine Macht zur Geltung zu bringen. Nicht die Macht zu haben, ist der Punkt an dem der Triebtäter seine Bedürfnisse befriedigt sieht, sondern die Ausübung der Macht.

Der unkontrollierte Drang seine Macht auszuleben ist es, der ihn zu seinen Handlungen treibt.

Allein die öffentlich gewordenen Fälle des Machtmissbrauchs, in denen Trump als Herrscher seines Firmenimperiums zeigt, dass es nur noch darum geht, anderen seinen Willen gegen ihren eigenen Willen aufzuzwingen, zeigen diese alarmierende Entwicklung deutlich auf.

Wie jeder Süchtige unterliegt auch Trump dem Zwang zur Dosissteigerung. Mehr, deutlicher, krasser und für andere demütigender müssen seine Machthandlungen werden, um Befriedigung, jedenfalls temporär, zu bringen.

Schließlich führt der Weg hin zum offenen Tabubruch. Wer glaubt, bei Trumps sexuellen Übergriffen handele es sich auch nur ansatzweise um die Befriedigung seines Sexulatriebs, der verkennt die Möglichkeiten, die Reichtum gerade für die Befriedigung solcher Bedürfnisse bieten.

Der Griff in den Schritt fremder Frauen und zwar gegen ihren Willen, bietet ihm die Möglichkeit, durch einen Tabubruch der Sucht zur Machtausübung eine weitere Dimension zu öffnen. Nicht die Berührung der Geschlechtsteile fremder Frauen bringt den Kitzel, sondern die Machtausübung in einem ganz intimen, persönlichen Bereich, der allgemein mit einem unausgesprochenen, aber selbstverständlichen Tabu belegt, ist.

Wie lässt sich das noch steigern? Wenn man den Berichten Glauben schenkt, ist auch der nächste Schritt zur Unterwerfung anderer Menschen durch den gewaltsamen Einbruch in ihre Intimsphäre längst geschehen; Vergewaltigungen in und außerhalb seiner ehelichen Beziehung längst schon hinter seiner Sucht nach Steigerung zurückgeblieben.
Nun liegt auch das nächste Ziel, die nächste Möglichkeit eine höhere Ebene der Machtausübung zu erreichen, hinter ihm. Eine ganze Nation und indirekt die ganze Welt sind seinem Zugriff zur Ausübung unkontrollierter Machthandlungen ausgeliefert. Einige dieser Machthandlungen wurden schon während des Wahlkampfs angekündigt und schon die ersten Schritte nach der gewonnenen Wahl zeigen, dass er gewillt ist, sie auch durchzuführen.

Trump greift der Erde in den Schritt

Damit kann er einen Tabubruch begehen, der beispiellos in seinem Ausmaß dazu geeignet ist, der gesamten Welt seinen Willen aufzuzwingen. Seine Ankündigung, das Pariser Klimaabkommen nicht zu beachten, setzt er nun zielstrebig in die Tat um. Für Trump ist sind Klimabedrohung und Klimawandel schlichtweg eine Erfindung. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Obama, der hier eine der größten Bedrohungen für die Menschheit sieht. Schon die Ankündigung, solche Vereinbarungen schlicht zu ignorieren, erzeugt bei Schwellenländern und Ländern wie China das gefühlte Recht, sich nicht weiter um Klimaschutzbelange kümmern zu müssen, wenn schon die Weltmacht USA sich salopp darüber hinwegsetzt.

Nun hat er mit Myron Ebell vom rechtskonservativen Competitive Enterprise Institute, ausgerechnet jemanden für die Regelung der Umweltschutzbelange als Verantwortlichen benannt, der schon bisher auch dadurch von sich Reden machte, dass er den Klimawandel zu einem Hingespinst erklärte. Trump kann zudem, zusammen mit dem Kongress, einen industriefreundlichen Richter auf den vakanten Platz des neunten Richters am Obersten Gericht installieren, so dass der juristische Weg für Umweltschützer, sein Vorhaben zu stoppen, voraussichtlich keine großen Erfolgsaussichten mehr bietet. Durch die bestätigte Mehrheit der Republikaner in Senat und Kongress, ist das System von Checks and Balances, also die gegenseitige Kontrolle der Verfassungsorgane der Vereinigten Staaten weitgehend ausgehebelt.

Wer glaubt, Trump träfe diese Entscheidung, die Gefahr für unser Klima und damit für die gesamte Menschheit komplett zu ignorieren, aufgrund des Einflusses der profitorientierten Lobby großer Industrieunternehmen, der irrt. Trump ist Geschäftsmann genug um zu wissen, dass es sich gerade bei Umwelt- und Klimaschutz um einen Multimilliarden Dollar Markt handelt. Den Klimaschutz aktiv umzusetzen und voranzutreiben, so wie Obama das mit verschiedenen Gesetzesinitiativen in Gang gesetzt hat, ist kein Verlustgeschäft. Ganz im Gegenteil bietet gerade dieser Bereich enormes Potenzial für technische Entwicklungen und Problemlösungen, die einen weltweiten Markt finden könnten. Ginge es Trump um die Stärkung der heimischen Wirtschaft, wäre gerade hier die Möglichkeit, einen zukunftsweisenden Strukturwandel in Gang zu setzen.

Trump tut was er tut, weil er es kann,

weil er Machthandlungen gegen weltweite Bedenken und Proteste durchsetzen kann! Dass er mit diesem Schritt die Zukunft der Menschheit für einen sehr langen Zeitraum unabsehbar zum Schlechten verändern kann, macht für ihn den Reiz solcher Pläne aus.

Seine Äußerungen hinsichtlich des Einsatzes atomarer Waffen zeigen ganz genau, wie dieser Mensch tickt. Seine Frage, wozu man Atomwaffen habe, wenn man nicht gewillt sei, sie auch einzusetzen, zeigt minutiös seine Denkweise. Etwas für die überwältigende Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten Undenkbares, bietet sich für ihn an, es in Erwägung zu ziehen. Weil er es kann und weil er seinen Willen auch in dieser Hinsicht allen Menschen aufzwingen kann.
Die Machthandlung selbst ist in seiner Vorstellung vollkommen abseits jeglicher moralischen Überlegung angesiedelt.
So wie jeder Triebtäter bereit ist, das – im Rahmen seiner Möglichkeiten – Undenkbare zu tun, so ist auch Trump bar jegliches inneren ausgleichenden Gegengewichts, das ihn davon abhalten könnte, seine Macht zur Geltung zu bringen.

Die Menschheit steht vor dem Problem, dass die mächtigste Nation dieser Welt einem Menschen Zugang zu allen Hebeln der Macht gegeben hat, der von seinem unkontrollierten Zwang zur Ausübung dieser Macht um jeden Preis getrieben ist. Er wird es immer wieder tun!

 

Mein Freund Piet und die Sache mit dem Reichtum

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Vor ein paar Tagen stand wieder ein Besuch bei meinem Freund Piet an. Sonst sitzen wir ja von Zeit zu Zeit bei einem guten trockenen Roten auf der Eckbank an seinem Küchentisch um die Welt zu ordnen, aber diesmal hatte unser Beisammensein einen etwas anderen Beginn und Anlass. Unser Aufsitz-rasenmäher funktionierte nicht mehr so wie er sollte.Das war ein unhaltbarer Zustand! Nicht nur, weil der Garten und die Obstwiese gemäht werden müssen, sondern auch deshalb, weil meine Frau diese Tätigkeit in der Regel übernimmt.

Mein Frau ist nämlich nicht nur schön und klug, sondern eine sehr starke Frau, auch wenn es um die ganz praktischen Dinge des Alltags geht. Wenn sie also beschließt, sich auf den Mäher zu schwingen um die Wiesen konsequent und zielstrebig auf die gewünschte Einheitslänge zu kürzen, dann ist es ratsam für unseren Hund Schoppie und für mich, eilends aus dem Weg zu gehen und für den Rasenmäher besteht die Pflicht einwandfrei und ohne Mucken zu funktionieren. Diesmal hatten Schoppie und ich rechtzeitig die Flucht ergriffen, als meine angetraute Allzweckwaffe den Wiesen zu Leibe rückte, der Rasenmäher hatte aber wohl noch nicht begriffen, was die Stunde geschlagen hatte.

Alles Versuchen, Schimpfen und auch diverse Tritte halfen nicht. Das Ding zog zwar, mit meiner Frau auf dem Fahrersitz thronend, brummend seine Kreise, das Gras wurde davon allerdings nicht sonderlich in Mitleidenschaft gezogen. Was also tun? Piet fragen, ganz klar! Wir wohnen ja noch nicht sehr lange in dieser malerischen Gegend und Fragen, wie die nach einem fähigen Mechaniker, stellt man am besten einem Einheimischen.

Tja, ich wüsste da schon jemanden, der das machen könnte,“ war sein Antwort am Telefon, „aber besser wird sein, wenn ich mir das Ding erstmal selbst anschaue. Vielleicht lässt sich das ja schnell beheben!“

Kurz zusammengefasst, aus dem „selbst anschauen“, wurde, in Ermangelung der richtigen Werkzeuge, Rampen und Hebezeuge, ein Umzug zu Piets Hof. Piet im Auto vorne weg, meine Frau auf dem Mäher knatternd hinterher, Schoppie und ich zu Fuß als Schlusslichter der Karawane. Bald darauf war der Mäher von Abdeckblechen entkleidet, auf Rampen fixiert den Werkzeugen und fachkundigen Händen Piets ausgeliefert. Ich durfte ein wenig assistieren, während mein holdes Eheweib mit Schoppie und Piets Frau Adelgunde mit Piets Dackel den gebührenden Halbkreis um den Ort des Geschehens bilden durften.
„Tja,“ meinte Piet, der halb unter dem Mäher liegend in den Eingeweiden der Maschine hantierte, „der Zahnriemen ist übergesprungen, deshalb schlagen die Messer gegeneinander und der Grund dafür ist eine Feder, die wohl verloren gegangen ist. Ich werde mal nachschauen, ob ich in meinem Werkstattschuppen eine passende habe.“

Piets Werkstattschuppen ist nicht nur eine kleine, feine Werkstatt, sondern auch gleichzeitig ein Lager für alles, was man mal so brauchen könnte. Schrauben, Winkel, Drähte, Bandeisen oder was auch immer sonst gesucht werden könnte, in Piets Regalen findet sich sicher was Passendes. Zielstrebig zog Piet eine kleine Kiste aus einem Regal und kramte zwischen Federn der unterschiedlichsten Längen und Durchmesser. Ich staunte: „Mensch Piet, du hast ja einen ganzen Eisenwarenladen hier!“
Piet grinste: „So reich kann ich gar nicht werden, dass ich nützliche Dinge, die vielleicht irgendwann mal gebraucht werden, einfach wegwerfen würde. Im Laufe der Jahre sammelt sich da schon Einiges an.“ Mit geübtem Blick kramte mein Freund Piet eine Feder aus der Kiste. „Ich denke, die sollte wohl halbwegs passen.“ Mit triumphierendem Blick hob er ein leicht angerostetes, aber durchaus funktionstüchtiges Exemplar in die Höhe. Während Piet sich nun wieder dem Mäher widmete, bemerkte ich an seinem Gesichtsausdruck, wie es gedanklich in ihm arbeitete. Während Piet sonst, auf der Eckbank, an seinem Küchentisch, die Hand hebt, wenn er etwas Wichtiges sagen will, so hob er nun plötzlich einen Schraubenschlüssel. Mir wurde augenblicklich flau in der Magengegend, denn das konnte doch nur bedeuten, ein weiterer, vielleicht kostspieliger und schwer zu beseitigender Defekt an unserem Mäher war entdeckt worden. Weit gefehlt – zum Glück. Piet war einfach an seinem im Schuppen so leichthin gesagten Satz über das Reichwerden und das Wegwerfen hängengeblieben.

Sag mal,“ äußerte er nun bedächtig und mit hoch erhobenem Schraubenschlüssel, „ab wann ist man eigentlich reich?“ Nach einem kurzen Moment des Innehaltens fügte er an: „Wie reich ist reich und wie nennt man es, wenn jemand dann noch reicher ist? Gibt es eine Grenze für Reichtum?“

Mein holdes Eheweib, Piets Frau Adelgunde und ich müssen wohl gleichzeitig so verblüfft ausgesehen haben, dass Piet zu lachen begann.

Sind die Fragen so sonderbar, dass ihr jetzt alle drei verwundert aus der Wäsche schauen müsst?“

Nein, das sind sie nicht!“ entgegnete ich. „Allerdings sind Ort, Zeit und das aktuelle Geschehen schon ein wenig seltsame Begleiter für solche Gedanken.“

Denken und Arbeiten schließen sich nicht grundsätzlich aus!“ sagte Piet, immer noch den Schraubenschlüssel hochhaltend. „Die leicht angerostete Feder hat mich auf diese Gedanken gebracht. Natürlich könnte ich mir leisten, bei Bedarf einfach eine neue Feder zu kaufen, aber die hätten wir nicht sofort hier und, was viel wichtiger ist, es wäre eine unnötige Geldverschwendung. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Reichsein als ein Zustand angesehen wird, der jemandem ermöglicht, bedenkenlos Geld und Dinge zu verschwenden. Aber nochmal zu meiner Frage, ab wann man reich ist. Wenn man genug von allem hat, wenn man mehr als genug hat, oder wenn man mehr als andere hat?“

Das hängt davon ab,“ unterbrach ich Piet, „aus welchem Blickwinkel du das siehst. Der Arme irgendwo auf der Welt, der mit einem Dollar oder weniger am Tag sein Leben bestreiten muss, wird uns alle für unverschämt reich halten. Der Hartz IV Empfänger aus Neukölln wird den Villenbesitzer aus Kronberg im Taunus als reich ansehen und für den Milliardär Bill Gates sind wir alle durch die Bank arme Schlucker.“

Piet nickte: „Da kann wohl angehen! Ob und wie reich jemand ist, hängt also damit zusammen, aus welchem Blickwinkel man das beurteilt.“
„Es hängt auch damit zusammen,“ ergänzte ich, „was man unter Reichtum versteht. Man kann auch reich an Erfahrung, an Wissen, an Herzenswärme, an Mitmenschlichkeit oder auch kinderreich sein. Allerdings hab ich mal gelesen, dass der Begriff „reich“ heute vor allem in Bezug auf das materielle Vermögen eines Menschen gesehen wird. Wusstest du, dass der Begriff „reich“ keltischen Ursprung hat und in der ältesten überlieferten Form „reiks“ im Gotischen die Bedeutung „mächtig“ hatte?“

Nee, woher sollt ich dat wohl wissen?“ entgegnete Piet. „Aber es wundert mich nicht, denn mit Reichtum verbinden wir ja auch heute noch den Geruch von Macht.“
„Ja Piet, vor allem aber hat Reichtum die Bedeutung Überfluss zu haben. Was daran erstrebenswert ist, wenn auf der anderen Seite die Hälfte der Menschheit Mangel hat, verstehe ich nicht.“
Piet nickte nachdenklich und schraubte schweigend weiter an unserem Rasenmäher. Später, als wir dann alle zusammen in seiner Küche am Küchentisch saßen, unser Hund Schoppie zufrieden grunzend unter der Eckbank lag und der gute, trockene Rote in der Gläsern schimmerte, kam mein Freund Piet dann noch einmal auf den Reichtum zu sprechen.

Wisst ihr,“ sagte er mit ernstem Gesicht, „wenn ich so lese und im Fernsehen sehe, wie uns eine Zukunft angepriesen wird, in der selbstfahrende Elektroautos durch Innenstädte gleiten, sich selbst einen Parkplatz suchen, nachdem sie uns vor der Tür unserer Arbeitsstelle, oder vorm Supermarkt abgesetzt haben und dabei die Tatsache, dass Milliarden Menschen schon froh wären, wenn sie ein Fahrrad hätten, aber offensichtlich keine Rolle spielt, dann denke ich, Reichtum ist wohl eher als Suchterkrankung anzusehen und nicht als etwas Erfreuliches. Aber was kann ich kleiner Rentner daran schon ändern?“

Wir nickten nachdenklich und schließlich sagte meine bezaubernde Frau: „Wir alle können etwas tun! Nicht immer viel und sicher keine weltbewegenden Dinge. Aber wenn wir, zum Beispiel, einfach Dinge nicht gedankenlos wegwerfen, weil wir Überfluss haben und es uns leisten können, sondern wertschätzend mit dem umgehen, was wir haben – so wie du mit den Federn und Schrauben in deiner Kiste, dann ist schon viel gewonnen.“

Joh!“ grinste Piet, „Und wenn du dann das, was eine neue Feder gekostet hätte, an eine Hilfsorganisation spendest, die z.B. in Äthiopien neue Brunnen in Dürregebieten baut, oder jemanden, der in Not geraten ist ein wenig unter die Arme greifst, dann ist das eine runde Sache.“

Recht hat er mal wieder, mein Freund Piet. Es sind nicht immer die großen Entwürfe und Visionen, die etwas verändern, sondern oft einfache kleine Dinge, die etwas in Bewegung setzen können.

Foto: Jörg Blanke / pixelio.de

Und tschüss…

Nun ist es also amtlich, die Briten wollen das Projekt Europa verlassen. Erwartet habe ich soviel Kopflosigkeit nicht, aber sie wundert mich auch nicht sonderlich.

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Gute Fahrt…

Ich versuche die Dinge ja immer ein wenig mit der Lebenswirklichkeit eines Normalbürgers zu verknüpfen, für die hohe Politik fehlt mir ohnehin die nötige Unaufrichtigkeit. Deshalb der folgende kleine Vergleich, der natürlich – wie alle Vergleiche – auf beiden Beinen hinkt.
Ich stelle mir vor, dass ich in einem Supermarkt einkaufen gehe. Während meiner Tour durch die Regalreihen habe ich so einige Dinge zu bemängeln. Die Auswahl entspricht nicht immer zu 100% meinen Erwartungen, das Personal ist nicht nur zu zahlreich, sondern zudem auch noch recht eigensinnig und die Kasse am Ausgang stört mich ohnehin. So schlendere ich chronisch missgestimmt durch den Laden, werfe hier ein paar Regale um, fege dort eine Reihe von Waren aus dem Regal und öffne nebenbei auch schnell noch ein paar Tiefkühltruhen um für den angetauten Inhalt später einen kräftigen Nachlass verlangen zu können. Irgendwann kommt dann der Zeitpunkt, zu dem ich den Laden verlasse, denn das Chaos aufzuräumen, ist meine Sache nicht.

Nachdem die Briten über Jahrzehnte alle Vorteile der Gemeinschaft gern genutzt, dabei allerdings permanent mit beiden Füßen heftig auf die Bremse getreten haben, verlassen sie nun den Laden, denn die „Vereinigten Staaten von Europa“, in denen jeder für alles geradezustehen hätte, sind ihre Sache nicht. Ein Europa der Nationalstaaten ist jetzt das erklärte Ziel, also zurück zu einem Zustand, der schon in der Vergangenheit nichts Gutes gebracht hat.

Bei den ersten großen Belastungsproben (Finanzkrisen, Flüchtlingsproblematik und überbordender Bürokratismus) verlassen die standhaften Inselbewohner (Ja, standhaft waren sie wirklich einmal und haben damit große Beiträge zum Erhalt der freien Welt geleistet!), das sinkende Schiff, in das sie allerdings zuvor so emsig ein Loch nachdem anderen gebohrt haben.

Die Verwirklichung des visionären Zieles, „Vereinigte Staaten von Europa“ – m.E. die einzig sinnvolle und tragfähige Entwicklung im Zeitalter der Globalisierung – hätte schneller vonstattengehen können und wäre schon ein ganzes Stück weiter, wenn die Briten nicht permanent mit der Trauerarbeit um den verlorenen Status einer Weltmacht beschäftigt gewesen wären und sich der Zukunftsgestaltung gewidmet hätten. Vielleicht wäre Europa dann sogar schon soweit gefestigt, dass die aktuellen Herausforderungen leichter zu meistern wären.

Durch die Entscheidung der Briten, den Supermarkt der Begehrlichkeiten nun, da er in einem recht chaotischen Zustand ist, zu verlassen, wird alle Beteiligten zurückwerfen, die EU ebenso, wie die Briten. Aber keine Sorge Großbritannien, wir werden die Probleme bewältigen. Schon deshalb, weil es gar keine sinnvolle und tragfähige Alternative gibt. Das werdet auch Ihr feststellen und mein Mitleid wird sich in Grenzen halten.

Foto: Jan von Bröckel / pixelio.de

Mein Freund Piet und die Sache mit dem Fremdschämen

Schlauchboote TagesspiegelMeistens haben mein Freund Piet und ich ja viel Spaß, wenn wir auf der Eckbank in seiner Küche sitzen und bei einem Glas vom guten trockenen Roten die Welt ordnen. In der letzten Zeit ist uns der Spaß allerdings etwas abhanden gekommen. Klar, die Missstände und Ungerechtigkeiten dieser Welt waren noch nie ein Anlass zur Fröhlichkeit, aber manche Dinge konnte man doch ab und zu mit einem Augenzwinkern ordnen. Am Küchentisch jedenfalls.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass selbst unser Hund Schoppie, der unsere Gespräche meist mit den tiefen Atemzügen eines selig Schlafenden begleitet und seinen Platz unter der Eckbank allenfalls verlässt, wenn Piets Frau Adelgunde ihm ein Leckerli anbietet, einen traurigen Blick bekommt. Je mehr er vom Welpen zu einem stattlichen, großen Hund wird, um so melancholischer wird sein Blick. Was meine kluge Frau ist, die behauptet allerdings, ich würde da nur meine eigene Melancholie auf unseren Hund projizieren und wahrscheinlich hat sie Recht.

An diesem Tag schaute mein Freund Piet jedenfalls etwas trübsinnig in sein Weinglas und seine sonst üblichen Scherze wollten ihm nicht so recht über die Lippen gehen. Seufzend schüttelte er schließlich den Kopf: „Weißt du, mein Freund, ich glaube unser Jahrzehnt wird später einmal als das Jahrzehnt des Fremdschämens in Erinnerung bleiben.“
Ich nickte und wir nahmen beide einen Schluck vom Roten. „Ich sach mal so,“ meinte Piet, „offensichtlich ist so vielen Menschen in unserer Gesellschaft jegliche Scham abhanden gekommen, so dass die Verbleibenden, die mit einem wachen Gewissen, mit Gerechtigkeitssinn und Mitmenschlichkeit, aus dem Fremdschämen gar nicht mehr herauskommen.“

Ja, Piet, du brauchst nur mal die Nachrichten hören, sehen oder lesen und dann zum Beispiel Kommentare dazu im Internet anzuschauen, dann fühlst du dich in einen Horrorfilm versetzt. Hunderte Menschen ertrinken auf ihrem Weg aus Krieg, Not und Armut und feiste, rechtslastige Figuren würden am liebsten fähnchenschwenkend applaudieren.“

Das ist nur eine der Auswirkungen ganz am Ende der Kette!“ unterbrach Piet mich. „Wenn wir am Anfang beginnen wollen, dann müssten wir zurück in die Kolonialzeit, aber genau genommen hat sich ja nicht viel verändert. Wir beten unsere heilige Wachstumskuh an, feiern Fortschritt und Wohlstand, während andere dafür bezahlen müssen. Manchmal denke ich, wir müssten eigentlich jeden Morgen beim Blick in den Spiegel erst einmal kotzen, wenn wir darüber nachdenken. Wir produzieren und verkaufen fortwährend Waffen, mit denen sich andere dann gegenseitig umbringen. Unsere Konzerne erwerben mit viel Schmiergeld Wasserquellen in trockenen Regionen armer Länder, füllen das Wasser in Flaschen und zwingen die Ärmsten der Armen, ihr eigenes Wasser teuer zu kaufen. Wir kaufen mit Vorliebe günstige Kleidung, wobei es egal ist, ob sie von Billigläden oder Designern angeboten wird und verschwenden keinen Gedanken daran, dass irgendwo dafür junge Frauen rund um die Uhr für einen lächerlichen Lohn an Nähmaschinen verbraucht und missbraucht werden. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen, bis wir schließlich am aktuellen Ende anlangen, dass nämlich gedankenlose und gefühllose Menschen bereit sind, Menschen zugrunde gehen zu lassen, um für sich selbst die Bequemlichkeit und den Wohlstand zu erhalten.“ Schoppi wedelte bestätigend mit dem Schwanz.

Ich konnte Piet nur zustimmen: „Ja, so ist das wohl und wenn es nicht so schrecklich wäre, könnte man laut lachen über die Blauäugigkeit, mit der in unseren Wohlstandsgesellschaften die Zukunft verspielt wird. Wir feiern das selbstfahrende Elektroauto als die moderne Zukunft, klopfen uns auf die Schultern, weil es ja kein Öl mehr verbraucht und verkennen dabei, dass die 2,4 Milliarden Menschen auf dieser Erde, die in extremer Armut leben, sich nicht einmal ein Fahrrad leisten können. Wer glaubt, diese unterdrückten, notleidenden Menschen auf Dauer von unseren Futtertrögen fernhalten zu können, der muss komplett meschugge sein.“

Piet schenkte uns etwas vom guten trockenen Roten nach und ein Weile schwiegen wir, während der Rote sein vortreffliches Aroma auf der Zunge entfaltete. Unter der Eckbank ertönte ein lauter Seufzer, der allerdings sicher nichts mit den Zuständen auf der Welt zu tun hatte. Ich schätze mal, die Ursache dafür war wohl mehr, in einem Traum nach einem lecker gefüllten Fressnapf zu suchen.

Man darf gar nicht zu intensiv darüber nachdenken.“ meinte ich schließlich. „Irgendwann fängt man sonst womöglich noch an, sich für den guten Wein im Glas und das ausgezeichnete Hundefutter im Vorratskeller zu schämen.“

Nein!“ entgegnete Piet heftig. „Wir brauchen uns nicht dafür schämen, dass es uns so gut geht. Alles was nötig ist, wäre die Bereitschaft, ein wenig von unserem Wohlstand zu teilen. Wenn wir bei den Banken und Konzernen anfangen würden, dann würden wir mit Erstaunen feststellen, dass es möglich wäre, alle Menschen auf dieser Erde anständig zu versorgen, ohne dass uns kleinen Leuten dafür etwas genommen würde. So allerdings befürchte ich, unser Erstaunen wird sich mehr darauf beziehen, dass die Migranten, deren Zustrom in so vielen dummen Köpfen wahre Hassorgien auslösen, erst der Anfang sind.“ Zustimmend knurrte Schoppi im Traum.

Und auch diesmal konnte ich nur unterstreichen. Hungrige Menschen werden sich holen, was ihnen zusteht und es wäre besser, wir würden anfangen, freiwillig etwas mehr über das Teilen nachzudenken. Sonst kann es passieren, dass irgendwann irgendwelche Dummköpfe nur noch Waffengewalt, vorzugsweise gleich ein paar Atombomben als Lösung ansehen. Schließlich dürfen wir sicher sein, dass 1,4 Milliarden Menschen nicht alle in Schlauchbooten ertrinken werden, auf ihrem Weg dorthin, wo sich die Dinge befinden, die unsere Erde für alle Menschen bereitgestellt hat.

Foto: Tagesspiegel

 

Mein Freund Piet und die Sache mit dem kaputten Navi

230312_original_R_by_Hartmut910_pixelio.de„Sach mal,“ fragte mein Freund Piet, „kennst du eigentlich Alice im Wunderland?“ Ich blickte ihn erstaunt an. Wenn Piet und ich in seiner Küche auf der Eckbank sitzen, einen guten trockenen Roten trinken, während unser Hund Schoppie unter der Bank ein Schläfchen macht, dann haben wir zwar manchmal die eigentümlichsten Themen, aber Alice im Wunderland schien mir schon ein wenig sehr sonderbar.

„Klar, Piet!“ war meine Antwort „Wer kennt das Buch nicht, oder kann sich nicht wenigstens an den einen oder anderen Satz daraus erinnern?“ Piet nahm einen Schluck vom trockenen Roten und nickte bedächtig. Wir treffen uns ja immer wieder mal, um an seinem Küchentisch die Welt zu ordnen und manchmal erstaunen mich, die klaren Gedanken mit viel Weitsicht, die mein Freund Piet in seiner bedächtigen norddeutschen Art formuliert.
„Weißt du, ich habe kürzlich mal über die Begegnung nachgedacht, die Alice mit der Katze hatte. Würdest Du mir bitte sagen, welchen Weg ich einschlagen muss, fragt Alice und die Katze antwortet, das hängt in beträchtlichem Maße davon ab, wohin du gehen willst. Oh, das ist mir ziemlich gleichgültig, sagt Alice und die Katze meint, dann ist es auch einerlei, welchen Weg du einschlägst.“
„Ja, daran kann ich mich auch erinnern!“ sagte ich nickend. „Mir scheint das eine Beschreibung sehr vieler Menschen in der heutigen Zeit zu sein.“
„Genau, mein Freund.“ bekräftigte Piet. „Wenn ich so die Nachrichten in Radio, Zeitung oder Fernsehen überdenke, dann ist vor allem immer davon die Rede, was nicht sein soll, wohin die Reise nicht gehen sollte und was unbedingt ganz anders sein müsste. Ich denke, auf die Art wird sich aber nicht viel ändern. Solange Menschen nicht genau wissen, wohin sie wollen, oder sich sicher sind, was sie eigentlich wollen, solange können diese nassforschen Finanzlobbyisten, die sich so vernebelnd Politiker nennen, immer weiter ihre eigenen oder die Interessen ihrer Klientel, der Finanzwirtschaft verfolgen.“

Ich war mal wieder sehr erstaunt. Manchmal klingt mein Freund Piet schon ein wenig wie ein Revoluzzer, aber einer im besten Sinne. Piet schenkte uns etwas vom guten trockenen Roten nach und prostete mir zu: „Auf dein Wohl mein Freund!“ und mit einem Blick unter die Eckbank: „Prost Chopin, du kleiner französischer Heißsporn.“ Unserem Hund Schoppie war das mal wieder vollkommen egal, so wie ihn auch unser Thema wohl kaum interessiert hat. Woher? Wohin? Wen interessiert das schon, wenn nur an der nächsten Ecke ein Fressnapf und ein paar Streicheleinheiten warten.

„Manchmal,“ nahm Piet seine Gedanken wieder auf, „manchmal habe ich das Gefühl, unsere Gesellschaft rast mit Höchstgeschwindigkeit und kaputtem Navi durch die Weltgeschichte. Aber selbst wenn das Navigationsgerät funktionieren würde, ist es doch nur dann sinnvoll, wenn man ein Ziel eingibt, in unserer Gesellschaft gibt es aber kaum noch Ziele, die allen gleich bedeutend und wichtig sind. Wir sind so sehr individualisiert, dass jeder nur noch seine Ziele im Auge hat – falls er welche hat.“

„Ja,“ stimme ich Piet zu, „das ist wohl so und es ist uns Jahrzehnte lang als Fortschritt in der menschlichen und der gesellschaftlichen Entwicklung angepriesen worden. Es gab eine Zeit, da war die Maslowsche Bedürfnispyramide als das Non plus Ultra in aller Munde.“
„Moooment, wat für ne Pyramide?“ rief Piet lachend.
„Wie Piet, die kennst du nicht?“
„Nee, muss man das?“

„Nicht unbedingt, aber ich erklär dir schnell worum es dabei geht. Da werden die menschlichen Bedürfnisse in Form einer Pyramide dargestellt. Ganz unten ist die breite Grundlage, das sind nämlich unsere körperlichen Bedürfnisse. Also darunter fallen Dinge wie Essen, Trinken, Schlaf, Sex oder Mutterliebe. Darauf aufbauend liegt das menschliche Sicherheitsbedürfnis, also der Schutz vor Gewalt, Armut, Krankheit und solche Dinge. Dann folgen darauf unsere sozialen Bedürfnisse, unser Wunsch nach Gesellschaft, Freundschaft, Partnerschaft, der übergeht in unsere Individualbedürfnisse. Ganz oben an der Spitze steht das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und das kann erst dann befriedigt werden, wenn die unteren Kategorien erfüllt und gesichert sind.“
„Das ist ja interessant!“ rief Piet aus. „Jetzt verstehe ich, was du meinst. Die, ich nenn sie mal ’niederen Bedürfnisse‘, sind in unserer Gesellschaft für die meisten Menschen gesichert und deshalb ist der Begriff Selbstverwirklichung zu einem so wichtigen Schlagwort geworden.“

Wir schwiegen eine Weile, um ein wenig vom guten trockenen Roten zu genießen und ich konnte an Piets Gesicht sehen, dass es in ihm arbeitete. Kurz darauf hob er die Hand, so wie er es nunmal immer tut, wenn er etwas Wichtige sagen will.
„Ich denke, ich verstehe nun, woran unsere Gesellschaft krankt.“ sagte er mit Bestimmtheit und formte mit seinen Händen ein Dreieck. „Wenn unten ein gesunder Unterbau vorhanden ist, dann erst haben wir die Möglichkeit uns um die Spitze zu kümmern, aber das ist dann genau unser Verhängnis.“

„Verhängnis?“

„Ja, genau! Schau mal, wenn alle anfangen, sich in erster Linie um ihre Individualbedürfnisse zu kümmern, also darum, wohin sie im nächsten Urlaub fliegen, oder welches neue Auto sie anschaffen wollen und darüber hinaus ihren Selbstverwirklichungsträumen nachhängen, dann zerstören wir selbst die Basis der Pyramide Stück für Stück. Eine Gesellschaft kann doch nur funktionieren, wenn alle gemeinsam daran arbeiten und darauf bedacht sind, die Grundbedürfnisse für alle Mitglieder der Gesellschaft zu sichern. Wenn aber dann, nach und nach, jeder nur noch an die Selbstverwirklichung und seine Individualbedürfnisse denkt, dann geht das zu Lasten der Allgemeinheit. Wenn zum Beispiel ein Banker die höchste Form der Selbstverwirklichung darin sieht, Millionen Bonuszahlungen einzustreichen und als der große Finanz-Zampano zu gelten, dann lässt er sich eben auch auf riskante Spekulationen ein, die letztlich die Pleite zur Folge haben, die dann aber auf Kosten der Allgemeinheit verhindert werden muss.“
„Das sehe ich auch so, Piet! Und man könnte eine lange Liste füllen, mit Bereichen, sei es in der Politik, der Wirtschaft, Kultur oder dem Gemeinwesen, in denen keine Entwicklung, sondern eher ein Rückschritt stattfindet.“

„Da sind wir dann wohl wieder bei der rasenden Fahrt ohne funktionierendes Navi.“ sagte Piet lächelnd. „Ein Navi kann nur dann funktionieren, wenn ihm der Standort bekannt ist und wenn ein Ziel eingegeben wird. Millionen Einzelziele mögen ganz geschickt sein, wenn es um die Selbstverwirklichung geht, aber wenn es darum geht, wie und wohin unsere Gesellschaft, unser Land sich entwickeln soll, dann braucht es übergeordnete, gemeinsame Ziele. Um es mal auf meine einfache Art und Weise auszudrücken, die Krankheit heißt, uns geht’s schon zu lange zu gut.“

Da kann ich meinem Freund Piet gar nicht widersprechen.

 

Foto: Hartmut910 / pixelio.de

Mein Freund Piet und die Sache mit der Blickrichtung

750560_original_R_B_by_Tim Reckmann_pixelio.de„Neulich,“ sagte mein Freund Piet, während er genüsslich einen Wurstzipfel in den Mund schob, „neulich habe ich mich mal wieder längere Zeit im Internet umgetan. Erstaunlich, was man da so alles erfährt. Ich weiß ja nun jetzt, dass zu Guttenberg keine neue Doktorarbeit schreiben will und Dieter Bohlen gerne Lachs frühstückt.

 

Lauter wichtige Dinge erfahre ich da, so dass ich mich frage, wie ich früher ohne all diese Informationen leben konnte.“ Piet grinste und schenkte zwei Gläser guten trockenen Roten ein.

Der Rote gehört unbedingt dazu, wenn Piet und ich am Küchentisch die Welt ordnen, der Wurstzipfel nicht unbedingt, den hatte Piet aus dem Kühlschrank stibitzt, als sein holdes Eheweib, die Adelgunde, gerade mal nicht in der Küche war. Ein Stückchen von der Wurst hatte Piet unserem Hund Schoppie zukommen lassen, der unter der Eckbank seufzend den Traum von einer großen Wurstfabrik träumte, der Rest war ganz schnell in Piets Futterluke verschwunden.

Das Internet! Ja, das war schon öfter mal Thema, wenn Piet und ich am Küchentisch dem guten trockenen Roten zugesprochen haben. Ein dankbares Thema, denn auf mittlerweile Milliarden Webseiten findet sich immer ein Aufreger oder etwas Wissenswertes.

„Ich sach dir jetzt mal was!“ meinte Piet, „Im Internet kannst du ganz interessante Entwicklungen beobachten! Vor allem hab ich festgestellt, dass es zwei ganz typische menschliche Verhaltensweisen gibt, wenn das Leben mal ein wenig unübersichtlich oder gar schwierig wird. Die einen wenden ihren Blick nach vorn und die anderen schauen zurück.“

Darüber musste ich erst einmal nachdenken! Ich nahm einen großen Schluck vom trockenen Roten und fragte vorsichtshalber nochmal nach: „Du meinst, dass einige dann immer gleich verkünden, dass früher alles besser war?“

Piet nickte. „Nicht nur das, sondern sie versuchen, Lösungen für augenblickliche Probleme in der Vergangenheit zu finden. Da gibt es, zum Beispiel, diejenigen, die früher demonstriert und geschrien haben, die Mauer muss weg. Die erinnern sich jetzt daran, dass wegen der Mauer nicht nur keiner einfach raus konnte, aus ihrem Land, sondern es konnte auch nicht jeder einfach rein. Nun schreien sie nach Zäunen! Der antifaschistische Schutzwall scheint ihnen jetzt eine gute Lösung zu sein, in der Version als antiislamistischer Schutzzaun, sozusagen. Sie möchten ihre Welt gerne wieder in ein draußen und ein drinnen aufteilen und wer ihnen nicht gefällt, muss draußen bleiben.“

Gedankenverloren streichelte Piet unseren Schoppie unter der Eckbank und sah dabei aus dem Fenster.

„Diesen Blick zurück findest du überall.“ sagte er schließlich leise. „Die einen blicken zurück und wollen die D Mark wieder haben, die anderen möchten wieder Grenzkontrollen in Europa und wieder andere würden am liebsten diese ganze Idee eines vereinten Europas aufgeben. Dabei sind wir, unsere Wirtschaft und unser Wohlstand doch genau von diesem Europa der offenen Grenzen abhängig wie kein anderes Land. Aber zum Glück gibt es auch Menschen, die bei anstehenden Problemen nach vorn schauen und Lösungen suchen, die zukunftsgestaltend sind und zwar zum Wohle aller.“

Da konnte ich Piet nur zustimmen. „Du hast ja so Recht, Piet! Nimm nur mal den Papst. Der hat ja in Mexiko eine Ansprache gehalten und ist dabei auch auf das Problem mit dem Zika Virus eingegangen.“

„Zika Virus?“ unterbrach mich Piet, „Was, in aller Welt, ist das denn?“

„Das ist ein Virus, der von bestimmten ägyptischen und der asiatischen Tigermücke übertragen wird. Eine Infektion mit diesem Virus hat zur Folge, dass Neugeborene von infizierten Eltern mit schweren Missbildungen des Gehirns zur Welt kommen. Das hat in Südamerika seit 2015 solche Ausmaße angenommen, dass die Weltgesundheitsorganisation den öffentlichen Notstand internationalen Ausmaßes erklärt hat.“

„Uih!“ staunte Piet, „Davon weiß ich gar nichts!“ Ich grinste: „Darüber findest du auch eine Menge im Internet. Da diese Infektion nachgewiesenermaßen auch durch sexuelle Kontakte übertragen werden kann, könnte sich da eine Bedrohung für die ganze Welt entwickeln. Stell dir mal vor, in Südamerika sind allein im letzten Jahr zigtausende Kinder mir derart schlimmen Missbildungen des Gehirns geboren worden, dass sie kaum überlebensfähig sind. Auch in den USA hat es bereits einige nachgewiesene Fälle gegeben, die wohl durch Touristen verursacht wurden.“

„Und was hat der Papst nun dazu gesagt? Also ich mein, außer der üblichen Empfehlung zu beten?“

„Du wirst staunen Piet! Der Papst hat gesagt, dass Verhütung nicht grundsätzlich böse sei und bei einer drohenden Infektion dieser Art, richtig und wichtig sein könne!“

„Dat hatter gesacht? Uih!“ rief Piet erstaunt. „Da hat er ja nun wirklich den Blick nach vorn gerichtet. Der Blick zurück hätte bedeutet, er beruft sich auf die Enzyklika Humanae Vitae, seines Vorgängers Paul VI, dem Pillen Paul und bleibt stur dabei, dass Verhütung anders als durch Enthaltsamkeit, unbedingt verboten ist.“

„Ja, so ist das, Piet! Der Papst hat den Mut und den Weitblick um besonnen auf Herausforderungen zu reagieren.“

„Genau!“ ereiferte sich Piet, „Das sind eben die Unterschiede in der Blickrichtung. Der Blick nach vorn stellt sich den Herausforderungen und sucht nach praktikablen Lösungen für die Zukunft. Der Blick zurück orientiert sich an Dingen, die nicht zukunftsfähig sind. Wenn heute einige wieder schreien ‚Deutschland den Deutschen‘ dann haben sie zum einen vergessen, dass das schon mal schief gegangen ist und zum andern berücksichtigen sie nicht, dass die in Armut, Krieg, Not und Verfolgung lebende Mehrheit der Menschheit auf Dauer auch nicht durch Zäune davon abzuhalten sein wird, sich ihren gerechten Anteil an dem, was dieser Planet für alle Menschen bieten könnte, einfach zu holen.

Besser als ein Zaun ist sicher der Blick nach vorn. Wenn diese Entwicklung ohnehin nicht aufzuhalten sein wird, warum sie dann nicht nach unseren Vorstellungen gestalten? Dass wir alle, langfristig gesehen, ein Stückchen unseres Wohlstandes werden abgeben müssen, weiß jeder klar denkende Mensch ohnehin. Mit der Blickrichtung nach vorn könnte das auf friedliche, verträgliche Weise geschehen.“

Ja, so ist er, mein Freund Piet! Ein Weltverbesserer, aber einer mit Verstand und Augenmaß.

Foto: Tim Reckmann / pixelio.de