Poesieworkshop Flüchtlinge

Jamika ist gerade sehr aktuell, das Ende der großen Koalition immer ein paar Zeilen wert und die AfD sowieso. Nebenbei auch noch Europa, der Brexit ein klein wenig, aber die Vorschläge und Pläne des französischen Präsidenten dafür etwas mehr. Natürlich Trump, immer wieder Trump, seine Twitterkaden, seine Lügen und das Scheitern seiner großspurig verkündeten „Reformen“. Außerdem sein ebenso unberechenbarer Raufkumpan Kim.

Das alles mag wichtig sein, vor allem auch die bestürzenden Nachrichten über große Naturkatastrophen. Es hat seinen berechtigten Platz in der täglichen Berichterstattung, aber indem es diesen Platz auf den Titelseiten und den Schlagzeilen einnimmt, verdrängt es andere Nachrichten, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen.

In Afghanistan wird immer noch gekämpft, fast täglich gibt es blutige Anschläge und bewaffnete Auseinandersetzungen. Dass die USA ihr Truppenkontingent dort massiv aufstockt, sollte Beleg genug sein. In Syrien tobt nach wie vor ein erbitterter Krieg, im Irak spitzt sich die Auseinandersetzung um einen autonomen kurdischen Staat zu, aus Myanmar sind mittlerweile eine halbe Millionen Menschen nach Pakistan geflüchtet, um Verfolgung und Tod zu entgehen. Hunger und Naturkatastrophen bedrohen weltweit viele Millionen Menschen, die täglich um ihr Leben bangen.

Vielleicht wollen wir das alles ja gar nicht mehr sehen, nicht mehr wissen oder doch zumindest nur beiläufig als etwas zur Kenntnis nehmen, das sich unserem Einfluss und damit unserer Verantwortung entzieht. Ich kann das nicht und ich will das auch nicht!

Seit Monaten habe ich auf meinem Handy die berührenden Zeilen eines achtzehnjährigen Flüchtlings als Memo gespeichert, das mir regelmäßig immer wieder ins Gedächtnis ruft, was wichtig ist.

Existenz

Der Beginn des Lebens war,
dass ich nicht existierte.
Es gab eine Mutter.
Sie war mein Gott.
Es war eine einseitige Liebe.
Es gab einen Vater.
Er war nie da.
Der Körper kam zur Ruhe,
nicht der Geist.
Ich blieb ohne Trost.
Die Schwester wollte mir die Mutter sein.
Aber sie war müde.
Ich liebte die Mutter.
Sie starb.
Ich wollte gehen
und ich blieb.
Ich wollte bleiben
und ich ging.
Nicht das Gehen war wichtig
und nicht das Bleiben.
Ich war wichtig,
der ich nicht existierte.

Mohamad Mashghdost, 18 Jahre alt

Wann immer ich diese Zeilen lese, möchte ich diesem jungen Mann und all den vielen verfolgten, flüchtenden, leidenden, hungernden und sterbenden Menschen zurufen:

Ja, du bist wichtig!

Ich werde euch nicht retten können, ich kann nur so wenig tun, aber ich werde euch nicht vergessen.

Meine kleinen Spenden an Hilfsorganisationen, meine Unterschriften unter Petitionen, mein Versuch, euch immer wieder in meine Gedanken und das Bewusstsein meines Umfeldes zurückzuholen, mögen weniger als ein kleiner Tropfen und unbedeutender als ein einzelnes Sandkörnchen am Ufer des Meeres sein, aber ich bin nicht allein. Wir sind viele Sandkörner die irgendwann zu einer Lawine anwachsen können. Wir sind viele Tropfen, die bereit sind, zu einer großen Welle anzuwachsen, die gesehen wird und Wirkung haben wird. Daran will ich glauben!

Foto: Poesie junger Flüchtlinge - SPIEGEL
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