555182_original_r_by_helene-souza_pixelio-de

Kürzlich hatten mein Freund Piet und ich endlich mal wieder Zeit, miteinander an seinem Küchentisch zu sitzen und bei einem Glas gutem trockenen Roten die Welt zu ordnen. Wir tun das gelegentlich ganz gern, wir drei. Piet und ich auf der Eckbank am Küchentisch und unser Hund Choppie darunter.

 

Manchmal leisten uns auch Piets Frau Adelgunde oder mein holdes Eheweib dabei Gesellschaft, meist ist es aber eine reine Männersache, zu der nicht einmal Piets Dackel Lilly zugelassen ist.
Nachdem Piet uns eingeschenkt hatte, hob er sein Glas und rief:

Auf den Papst, möge er lange leben und weiterhin Klartext reden!“

Das verschlug mir die Sprache. Ich kannte Piet bisher nicht als sonderlich religiösen Menschen und erst recht nicht als glühenden Verehrer des katholischen Papstes. Ich hob also zunächst einfach wortlos mein Glas, prostete Piet zu und nahm einen kräftigen Schluck Roten.
Nachdem ich meine erste Überraschung verdaut hatte, fragte ich so beiläufig und ohne besondere Betonung:

Bist du jetzt katholisch geworden?“

Piet lachte schallend:
„Nee, mein Freund, du weißt doch, dass ich ein nicht sonderlich frommer Evangele bin und das bleibt auch so. Ich werd‘ doch in meinem Alter nicht mehr mit Wallfahrten und Aschekreuzen beginnen.“

Dann musst du mir deinen Trinkspruch aber näher erläutern.“ entgegnete ich, „Schließlich ist der Papst nicht nur katholisch sondern auch ziemlich fromm.“

Piet grinste. Wie immer, wenn er etwas Wichtiges sagen wollte, hob er die Hand, so als wolle er ein imaginäres Publikum zum Schweigen bringen.

Ich hab‘ da kürzlich einen Bericht gelesen, über eine Ansprache, die der Papst Ende Januar bei einer Zusammenkunft von katholischen und evangelischen Pilgern gehalten hat. Bemerkenswert klare Worte, die der fromme Mann da ausgesprochen hat.
Ich geb‘ es mal in meinen Worten wieder: Wer von sich sagt, er sei Christ, den Ärmsten der Armen, den Flüchtlingen, Heimatlosen, Hungernden, Verletzten und Kranken aber die Barmherzigkeit verweigert, der ist ein Heuchler. Du kannst nicht behaupten, du seist Christ, aber einen zentralen Punkt der christlichen Leere und Auftrag Christi an seine Nachfolger verneinen.
Es ist ein heuchlerischer Widerspruch, zu behaupten, das Christentum im Westen zu verteidigen und gleichzeitig gegen Flüchtlinge und andere Religionen zu kämpfen.
Klarer geht es doch nicht, oder?“

Nachdenklich nickte ich. Natürlich hatte der Papst recht! Zu behaupten, man wolle die Liebe mit den Waffen des Hasses verteidigen oder erzwingen, ist ebenso dumm, wie verlogen. Piet musste meine Gedanken gelesen haben, denn nach ein paar Momenten des Schweigens fuhr er fort:

Würde ein Feuerwehrmann behaupten, er wolle mit ein paar Kanistern Benzin ein Feuer löschen, dann würde ihn doch jeder für verrückt halten. Was ich nicht verstehe ist, dass diese glühenden Verteidiger des christlichen Abendlandes glauben, man könne ihnen ihre vorgeschobenen Motive abnehmen.
Ich bin nicht sehr bewandert in christlicher Lehre und Dogmatik, schließlich ist mein Konfirmandenunterricht schon viele Jahrzehnte her,“ ergänzte er lächelnd, „aber soviel weiß ich, wer keine Barmherzigkeit mit Leidenden und Bedürftigen kennt, der ist kein Christ. Mag er sich selbst auch so nennen, sein Handeln beweist, dass er ein Heuchler ist.“

Es tut manchmal wirklich gut, an Piets Küchentisch die kompliziert scheinenden Vorgänge in der Welt ein wenig zu vereinfachen und auf den tatsächlichen Kern zu reduzieren.

 

Foto: Helene Souza  / pixelio.de
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