335266_original_r_k_b_by_knipseline_pixelio-deIn letzter Zeit haben wir uns eher selten getroffen, mein Freund Piet und ich. Die gemütlichen Stunden an seinem Küchentisch, mit einem guten trockenen Roten auf dem Tisch und unserem Hund Choppie unter der Eckbank haben mir gefehlt. Es wurde höchste Zeit, mal wieder miteinander zu plaudern und gemeinsam die Welt zu ordnen.

 

Piet hat manchmal einen recht bissigen Humor, der sich meist sehr spontan und trocken äußert. „Wer sind Sie?“ war seine Frage, als ich den gewohnten Weg über seinen Hof genommen hatte und durch die Hintertür in die Küche eingetreten war. Ich musste bei seinen Worten und seinem gespielten Entsetzen schallend lachen.
„Du kennst also deinen besten, weil einzigen Mitstreiter im Verein zur Förderung des Konsums trockenen Rotweins nicht mehr?“
„Jetzt kommt mir so langsam eine dunkle Erinnerung.“ entgegnete er grinsend. „Was für ein Zufall! Gerade habe ich eine Flasche Roten zur Verkostung geöffnet. Setz dich und sag deinem Hund, er soll sofort aufhören, an der Tür zur Speisekammer zu kratzen.“

Der Franzose, wie Piet unseren Hund Chopin immer zu nennen pflegt, hatte allerdings beschlossen, jegliche Anweisung seines deutschen Begleiters zu ignorieren. Ein kleines Leckerli, einladend unter der Eckbank platziert, hatte dann die überzeugende Wirkung. Alle waren nun an ihrem Platz und der Rote funkelte schon verlockend in den Gläsern.
„Hast du soviel mit Weihnachtsvorbereitungen zu tun,“ fragte Piet, während er sein Glas hob, „dass du deine Freunde vollkommen vergisst?“
„Du weißt doch selbst,“ antwortete ich schuldbewusst, „dass Ehefrauen die seltsame Angewohnheit haben, mit dem Beginn der Adventszeit lange Listen anzufertigen, mit dringenden Aufgaben, die ihr Göttergatte in Haus und Garten noch unbedingt vor Weihnachten erledigen sollte.“
„Joh,“ rief Piet zustimmend. „so als wäre an Weihnachten der Weltuntergang und vorher müsse nochmal Ordnung geschaffen werden.“

Nach dem ersten Glas des vorzüglichen Roten und einer lockeren Unterhaltung über Ereignisse und die Dorfneuigkeiten der letzten Wochen, hob dann Piet wieder einmal seine Hand. Das tut er immer, wenn er etwas loswerden will, was ihn gerade beschäftigt oder ihm wichtig erscheint.

„Sag mal, backt ihr auch schon Plätzchen und Weihnachtsgebäck? Ich frage absichtlich danach, ob ihr backt, weil es bei uns so ist, dass ich in der Adventszeit regelmäßig zum Backstubengehilfen ernannt werde.“

Bei der Vorstellung, wie Piet mit einer weißen Schürze und einer Bäckermütze durch die Küche wuselt, musste ich lachen.
„Nö, mein Lieber. Wenn mein holdes Weib in unserer Küche aktiv wird, dann fliegen Hund, Kater und ich raus. Wobei Hund und Kater allerdings mitunter auch bleiben dürfen, wenn sie das wollen. Ich nicht!“

„Sei froh!“ Piet nickte mir aufmunternd zu und hob sein frisch gefülltes Glas. „Ich würde diese Stunden, zum Beispiel, viel lieber in meiner Werkstatt verbringen oder mit dem Dackel durch unser Jagdrevier streifen. Aber nein, Madam besteht darauf, mich abwiegen und rühren zu lassen. Nun ja, an Weihnachten ist der Spuk ja vorbei.
Allerdings verknüpfe ich mit diesen Weihnachtsvorbereitungen auch einige schöne Kindheitserinnerungen, wie sicher jeder von uns. Jedenfalls jeder in unserem Alter. Heute ist das ja alles anders. Schon im Oktober sieht man gestresste Frauen durch die Regale der Supermärkte streifen, wahllos Spekulatius, Lebkuchenherzen und Dominosteine in den Einkaufswagen häufend.
Meine Großmutter fing jedes Jahr irgendwann in der Adventszeit an Pfefferkuchen zu backen. Auch meine Mutter hat das so gehalten und an diesen unvergleichlichen Duft, der dann das ganze Haus durchzog, erinnere ich mich sehr gern. Heutzutage findest du wahrscheinlich kaum noch eine jüngere Frau, die wüsste, wie Pfefferkuchen überhaupt gemacht werden, aber dafür haben sie alle Pfefferspray in der Handtasche.“

Piet verzog sein Gesicht, als wolle er jeden Moment anfangen zu weinen. Er hatte sicher Recht, Pfefferkuchen backen gehört wohl nicht mehr zu den Fertigkeiten, die eine moderne Frau sich unbedingt aneignen sollte, aber war das so tragisch?
So als könne er meine Gedanken lesen, fuhr Piet fort.

„Weißt du, es geht mir nicht einmal so sehr um diese Pfefferkuchen, sie sind nur ein Beispiel dafür, wie sehr sich unsere Welt und offenbar unser Verständnis von Sinn und Bedeutung der Adventszeit geändert haben. War Advent nicht einmal die Zeit der Erwartung, die Zeit der Vorfreude auf die Ankunft Christi? Was erwarten Menschen, die Pfefferkuchen zwar kaum noch kennen, aber dafür Pfefferspray zum ständigen Begleiter erkoren haben?“

Wieder einmal hatte Piet mich sehr nachdenklich gemacht. Wenn auch der Zusammenhang zwischen Pfefferkuchen und Pfefferspray lediglich im Wort und wohl kaum im Inhalt zu suchen war, trotzdem fand ich seine Frage danach, was Menschen heute eigentlich noch erwarten, recht bemerkenswert.

„Da hast du eine wichtige Frage gestellt.“ war nach einer nachdenklichen Pause meine Antwort. „Man muss sicher nicht einmal sonderlich fromm sein, um mit der Ankunft Christi, mit der Feier seiner Geburt, solche Begriffe wie „Frieden“ und „Liebe“ zu verbinden. Auch wenn Gottes Angebot von Frieden auf Erden und Liebe unter den Menschen natürlich immer nur funktionieren und real werden kann, wenn Menschen bereit sind es anzunehmen. Wenigstens in der Weihnachtszeit haben sich jedenfalls viele Menschen zu allen Zeiten darauf besonnen.“

„Das ist vorbei, mein Freund.“ sagte Piet heftig und hob beschwörend sein Hände. „Denk nur an die schrecklichen Nachrichten aus Syrien, an die vielen Tausenden von Menschen, Frauen, Kinder Männer, Alte und Junge, die rund um die Uhr Bombenangriffen, Gewehrfeuer und Artilleriebeschuss ausgesetzt sind. Glaubst du, irgendeiner dieser machtbesessenen verantwortlichen Politiker, Soldaten oder Terroristen denkt auch nur ansatzweise daran, innezuhalten, den Menschen eine Atempause zu verschaffen und die Versorgung der Kranken, Verletzten und Hungernden zuzulassen?“

„Es, sieht nicht danach aus, Piet! Menschen verbinden heute mit der Ankunftszeit, mit dem Advent und der Weihnacht wohl eher nichts mehr in dieser Hinsicht. Die Erwartungen beschränken sich auf Geschenke, freie Tage, gutes Essen und allenfalls noch darauf, dass die Feiertage nicht durch Terroranschläge in unserem weihnachtlich beseelten Europa gestört werden.“

Mittlerweile hatten wir eine weitere Flasche vom guten trockenen Roten geöffnet und genossen schweigend den guten Tropfen. Mit unserem Bemühen, am Küchentisch die Welt zu ordnen, kommen wie sehr oft an unsere Grenzen. So auch heute. Wenn der Friede, der doch nur aus den Herzen kommen kann, nicht mehr erwartet, erhofft und angestrebt wird, wenn Pfefferspray gefragter und bekannter ist als Pfefferkuchen, um mal bei Piets Beispiel zu bleiben, dann kann der Einzelne nichts mehr gerade rücken oder ordnen. Es bleibt nur mitzufühlen und wo immer es geht, Hilfe zu gewähren.

Foto: Pfefferkuchenmann – knipseline / pixelio.de

 

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