fluchtlingscamp-sudanWer schon einmal einen meiner kleinen Berichte über Piet und unsere Versuche am Küchentisch die Welt zu ordnen gelesen hat, der weiß, dass auch immer ein guter, trockener Roter dabei ist. Unser Hund Schoppie liegt meist unter der Eckbank, während Piet und ich allerlei wichtige Fragen zu unserer Gesellschaft und der Weltgeschichte allgemein klären.

 

Diesmal war es jedoch anders. Früh am Morgen, ich hatte gerade meinen ersten Kaffee hinter mir und begann langsam wach zu werden, klingelte es an der Haustür. Solche frühen Besuche schätze ich eigentlich nicht sonderlich. Weil ich meist lange vor dem Wachwerden aufstehe, benötigen mein Kopf und der Körper ganz allgemein, eine gewisse Zeit, um den Tag gesittet zu beginnen. Wenn allerdings Piet klingelt, dann mache ich schon mal gern eine Ausnahme, öffne die Tür und versuche zu lächeln.

Heute Morgen war es mal wieder so weit. Piet klingelt, ich verschluckte mich am heißen Kaffee, der Hund spielte verrückt und wollte die Tür einrennen, der Kater rannte verschreckt unter den Küchentisch – Piet war da!

Auf Piet ist Verlass und selbst so nebenbei erwähnte Dinge, wie zum Beispiel die Überlegung, in unseren Gartenzaun direkt neben der Haustür eine Pforte einzusetzen, geraten bei ihm nicht in Vergessenheit. „Ich kann ja mal meinen Sohn fragen, ob er euch eine günstige Lösung vorschlagen kann.“ hatte er bei unserem letzten Zusammensein am Küchentisch erwähnt. Und nun kam Piet, um Vollzug zu melden. „Ich hab mit meinem Sohn gesprochen,“ verkündete er zufrieden, „er wird heute Abend mal vorbeikommen, um sich das genau anzusehen und vielleicht morgen schon mit der Arbeit anfangen.“

Ich brauchte einen Moment, um den Zusammenhang zu begreifen, aber dann grinste ich. „Darauf einen Kaffee, Piet? Für einen trockenen Roten ist es ja noch zu früh, oder?“
„Nee, lass man,“ lachte Piet, „weder Rotwein, noch Kaffee, ich muss ja gleich weiter.“ Nun bedeutet „gleich weiter“ bei Piet nicht unbedingt, dass er auf dem Absatz kehrt macht und geht. Es bedeutet vor allem, dass er nicht ins Haus kommen will. Für ein Schwätzchen an der der Haustür bleibt aber immer noch Zeit.

So auch diesmal. „Du,“ meinte Piet, „gestern Abend hab ich unseren Pfarrer getroffen. Ich sehe ihn ja nicht so oft, eigentlich nur, wenn wir mal eingeladen sind in der Kirche unsere Blasmusik zu machen. Deshalb dachte ich mir, es sei vielleicht ganz angebracht, mit ihm mal wieder ein wenig zu schnacken.“
„Und,“ fragte ich ginsend, „ hast du dir eine Rüge eingefangen, wegen mangelnder Kirchentreue?“
„Nee, das nich direkt, meine Frau arbeitet ja ehrenamtlich im kirchlichen Besuchsdienst, die sammelt Bonuspunkte für uns beide. Aber jetzt mal Spaß beiseite. Ich hatte gestern, kurz bevor ich aus dem Haus ging, einen Bericht gesehen über den Einsatz von Giftgas im Sudan. Grausam, wie das Regime dort mit Militär und Waffengewalt der schlimmsten Art gegen die eigene Bevölkerung vorgeht. Genauso verbrecherisch, wie dieser Assad in Syrien das macht. Rücksichtslos werden Frauen und Kinder niedergemetzelt, von Giftgas verletzt, Krankenhäuser, Wohnhäuser, Schulen, alles wird zerbomt, verbrannt und pulverisiert.“

„Und darüber hast du mit dem Pfarrer reden wollen? Ausgerechnet mit dem Pfarrer?“

Piet sah mich ein wenig entrüstet an. „Natürlich, wer wäre denn sonst wohl zuständig für das Leid und den Kummer der Menschen, wenn nicht diese himmlischen Botschafter in Schwarz? Aber nun lass mich weiter erzählen. Wir begrüßten uns also und es dauerte einen Moment, bis er mich richtig zuordnen konnte – der gute Mann war wohl sehr in Gedanken. Nach der Begrüßung sah er mich mit etwas besorgter Miene an und seufzte. ‚Ja, ja mein Bester, die Welt gerät immer mehr aus den Fugen. Aber ihnen geht’s gut soweit?‘ Das waren seine Worte und mir war klar, der muss wohl auch eben gerade die Nachrichten gesehen haben.
Ich seufzte also und antwortete, ‚Grauenhaft, Herr Pfarrer, wirklich grauenhaft!‘. Er nickte betrübt und rief dann laut, ‚Ja, es ist wirklich ein Gräuel vor dem Herrn, mein Bester!‘ Da konnte ich ihm nur zustimmen.“

Ich konnte nicht umhin, meinen Freund Piet noch einmal zu unterbrechen und fragte lachend: „Wurde dir da denn nicht ganz mulmig zumute? Ich meine, so absolut einer Meinung mit dem Pfarrer, das ist ja sonst nicht so dein Ding.“

Piet stimmte in mein Lachen ein: „Tja, es geschehen eben immer noch Zeichen und Wunder. Aber warte mal, du wirst gleich sehen, dass es mit der Übereinstimmung nicht so weit her war. Bevor ich nämlich noch irgendetwas sagen konnte, hob der gute Pfarrer die Arme klagend zum Himmel und rief ‚Gott oh Gott, wo soll das alles noch hinführen? Nun hat auch unsere Landeskirche beschlossen, dass schwule oder lesbische Paare in der Kirche gesegnet werden sollen. Das ist Sodom, mein Bester, Sodom und Gomorra! Ein Gräuel vor dem Herrn!‘ Da war ich nun erstmal baff, kannst‘e dir ja denken!“

Ich nickte nur betreten, damit hatte ich auch nicht gerechnet. Die Welt gerät immer mehr aus den Fugen, aber Gottes Bodenpersonal hat nichts Dringenderes zu tun, als sich darüber zu ereifern, dass Homosexuelle den Segen Gottes für ihre Partnerschaft erbitten? „Das kann ich verstehen, Piet! Da hätten mir wohl auch erstmal die Worte gefehlt.“

Piet nickte heftig. „Ich kann dir sagen, mein Freund, mir war danach, mir verwundert die Augen zu reiben. War ich doch vor gar nicht langer Zeit mit meiner Posaunengruppe bei einem Gottesdienst anwesend, eine Gebetsveranstaltung, die wir mit unserer Blasmusik verschönert haben. Da wurde für alles Mögliche gebetet. Für den Frieden in der Welt, für die Armen und Unterdrückten und auch für unser Land. Weisheit von Gott wurde für unsere Politiker erbeten und der Allmächtige gebeten unser Land und seine Menschen zu segnen. Als ob es unter unseren Politikern und in unserem Land keine Schwulen und Lesben gäbe, die in einer liebevollen Partnerschaft leben! Sogar Mörder, Diebe und Verbrecher jeglicher Art gehören zu den Menschen, für die so ganz allgemein und abstrakt ja ruhig mal der Segen erbeten werden kann.
Diese Art von Frömmigkeit kann ich nicht nachvollziehen. So im Großen, ganz allgemein, soll Gott unser Land zwar segnen, aber das wohl in der Hoffnung, dass er die Schwulen, oder andere, die sich nicht nach den Moralvorstellungen unserer Frommen richten, aus seinem Segen ausspart? Oder stecken dahinter einfach Vorurteile und Abneigungen, die es diesen frommen Dienern unmöglich machen, einem homosexuellen Paar persönlich gegenüberzutreten, ihnen in die Augen zu schauen und den Segen Gottes für sie zu erbitten?“

Darüber musste ich nun einen Moment nachdenken. Ja, woran lag das eigentlich, dass in weiten Kreisen der gläubigen Christen die alttestamentarischen Anweisungen Gottes, Feinde auszurotten, ihre Frauen und Kinder zu töten oder als Sklaven zu verkaufen, zwar im historischen Zusammenhang gesehen wurden, die deshalb keine Anweisung an heutige Christen sein dürften, aber ein paar biblische Verse über die Homosexualität als ewig gültiges Gesetz angesehen werden?
Piet hatte sich sein Urteil jedenfalls schon gebildet. „Eine Frömmigkeit,“ sagte er abschließend und schon fast im Gehen begriffen, „eine Frömmigkeit, die Angesichts des Leides und der Not von Millionen Menschen im Krieg und auf der Flucht, nichts Wichtigeres zu tun hat, als homosexuellen Menschen Steine in den Weg zu legen, auf die pfeife ich!“

Nach einem kurzen Händedruck machte Piet sich dann eilends auf den Weg, um seinen Geschäften nachzugehen. Ich blieb ein wenig nachdenklich zurück und setzte mich erst einmal wieder an den Küchentisch. Ein frischer Kaffee musste her. Es war ja kein Zufall, dass Piet mir frühmorgens dieses Erlebnis berichtet hatte. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass für mich der Glaube an die Existenz Gottes und auch die persönlichen Handlungskonsequenzen daraus, ein zentraler Bestandteil meines Lebens sind.

Welche Antworten hatte ich denn, auf solche Anfragen an das Denken und Selbstverständnis der Christen? Schließlich sagte ich mir, dass Christen ja auch nur Menschen sind, Menschen mit dem Recht auf Fehlbarkeit und Irrtum. Schön wäre es allerdings wenn wir Christen dann nicht immer mit dem Anspruch auf moralische Überlegenheit daher kämen. In der Bibel steht zwar, dass Gott die Sonne aufgehen lässt über Gerechten und Ungerechten, aber offensichtlich hegt so mancher Christ insgeheim den Wunsch, diese Sonne für manche Menschen wieder auszuschalten. Oder sie doch zumindest abzudunkeln. Piet hatte mal wieder den Finger auf eine schmerzende Wunde gelegt. Darüber würden wir wohl noch öfter mal reden müssen.

 

Bild: Zerstörtes Flüchtlingscamp im Sudan  © ENOUGH Project [CC BY-NC-ND 2.0] – flickr

Advertisements