402002_original_r_by_knipseline_pixelio-deIm Laufe der Jahre bin ich schon oft gefragt worden, worin sich mein Glaube an Gott begründet, wo er seinen Anfang genommen hat und welche Beweise ich für sein Richtigkeit vorlegen kann. Anders als mancher bibeltreue Mitchrist, sehe ich keinen Sinn darin zu versuchen, Gott durch Bibelverse, erfüllte Prophezeiungen, Bezüge auf die theologischen Erkenntnisse anderer Menschen oder durch die Verkündung kirchlicher Dogmen zu erklären oder gar zu beweisen. Was also hat mich dazu gebracht, Gott in mein Leben als erfahrbare Realität einzubeziehen?

War es die gefühlsbetonte Erkenntnis in Kinderjahren, als mir klar wurde, dass es mehr gibt als das, was ich sehen und anfassen kann?
War es die jugendliche Suche zwischen Marx und Jesus, nach Frieden und Gerechtigkeit, bei der ich die besseren Antworten in der Bibel fand?
War es vielleicht die Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie bei der mir klar wurde, dass ich dafür mindestens ebenso viel Glauben wie für den Glauben an einen Schöpfergott, durch den alles entstanden ist, haben müsste? War es die Erkenntnis, dass der Zufall gepaart mit ein paar Milliarden Jahren sehr zweifelhafte Zutaten für vollkommene Schönheit sind?
Vielleicht war es das simple Beispiel des kleinen Goldregenpfeifers, der nicht in der Lage ist, genügend Körperreserven zu speichern, um den langen Weg aus seinem angestammten Lebensraum, der im Winter tödlich für ihn ist, in südliche, wärmere Gefilde zu bewältigen; der aber durch einen genialen, energiesparenden Formationsflug trotzdem diese Strecke überwinden kann? Hätte sich diese Fähigkeit erst entwickeln müssen, wären alle Goldregenpfeifer in der Kälte umgekommen oder bei dem Versuch, in den Süden zu fliegen, abgestürzt. Tausende Beispiele, die auf eine intelligente genetische Ausstattung schließen lassen und für die Evolutionisten immer nur die Lösung sehen, der Entwicklung noch ein paar Millionen Jahre hinzuzufügen; waren die es, die mich Gott näher brachten?

Waren es meine Erfahrungen, die mich in etlichen Fällen erleben ließen, dass ich entgegen jeder Erwartung und Logik nicht starb, sondern überlebte? Vielleicht durch das Eingreifen Gottes?
Waren es die Augenblicke in meinem Leben, in denen mein überkommenes Gottesbild mir nicht mehr tragfähig schien und mein Glaube den Zweifeln und der Verzweiflung nichts mehr entgegensetzen konnte und durch die hindurch ich zu einem offenen, weiteren, freieren Gottesverständnis gelangte? Eines das mir wieder soliden Boden unter die Füße gab?
Waren es vielleicht auch all meine gescheiterten Pläne und Lebenswege, an deren Ende ich feststellen musste, dass alles sich zur richtigen Zeit um soviel besser entwickelt und gewendet hatte, als ich mir je zu träumen gewagt hätte?

War es die Erkenntnis, dass zu sterben nichts ist, was mir Angst machen müsste, weil der Tod von Anfang an zum Leben gehört und das Leben ganz unabhängig von einem „danach“ ein Geschenk ist, das ich dankbar auskosten darf? Vielleicht war es die Erkenntnis, dass keine Selbstverdammnis mich besser machen könnte, weil mein Schöpfer schon wusste, welche Fehler ich begehen und mit welchen Schwächen ich behaftet sein würde und mir deshalb durch das Leben Jesu Christi gezeigt hat, dass Weisheit, Erkenntnis, Liebe, Geduld und Friedfertigkeit zu leben möglich ist und durch die Verbindung zu ihm erlangt werden können?

So viele Dinge sind in meinem Leben geschehen. Dinge an denen ich, wie andere Menschen auch, fast verzweifelt bin. Dinge die Fragen aufgeworfen haben und mich gezwungen haben, mit diesen Fragen zu leben, ohne Antworten finden zu können.
All das sind Begegnungen mit Gott und sind es gleichzeitig doch nicht nur. Selbst die Summe aller Indizien, aller Erlebnisse, Erfahrungen und Empfindungen sind nur Hinweise darauf gewesen, dass es einen Gott geben könnte. So oder anders zu deuten, zu verstehen, zu glauben oder eben auch nicht zu glauben.

Nein, es gab und gibt mehr und eben dieses „mehr“ entzieht sich jeder Möglichkeit es zu beschreiben, zu erklären oder zu beweisen. Könnte ich jemandem erklären, beschreiben oder gar beweisen, dass und wie sehr ich meine Frau liebe? Er kann es akzeptieren, weil es glaubwürdig klingt, kann mir zustimmen, weil wir uns darauf geeinigt haben, ein bestimmtes Ereignis Liebe zu nennen, in dem Bewusstsein, dass wir niemals genau wissen werden, wie der andere es empfindet, welche Empfindungen, Gedanken, Sehnsüchte und tiefen Gefühle sich bei ihm zu diesem Begriff „Liebe“ formen.

Ich denke, so verhält es sich auch in Bezug auf die innerste Begegnung mit Gott, wenn das, was in uns Leben hervorgerufen hat zusammentrifft mit seinem Urheber, dem Spender und Schöpfer allen Lebens. Wir nennen es Gottesbegegnung, nennen es Glaube, Gewissheit, Überzeugung oder überwältigende Erfahrung und wissen doch, dass es für jeden Menschen eine einzigartige, individuelle Begegnung ist, die ein Schöpfer auf unvergleichliche Weise und unzählbaren Wegen jedem seiner Geschöpfe schenken will.

Soviel verschiedene Sichtweisen es auch geben mag, – der Eine sieht Gottes Bild in den Armen, Hilflosen, den Schwachen und denen, die Beistand brauchen, der Andere in der Schönheit der Natur, wieder ein Anderer in der bestechenden Klarheit und Logik von Mathematik, Physik und Erkenntnis – so gehen all diese Sichtweisen und Erfahrungen der Realität Gottes doch weit über das hinaus, was dem Glauben nachgesagt wird. Nämlich der Irrtum, der Glaube sei nur ein Lückenfüller für alles, was wir noch nicht wissen, erkannt und verstanden haben. Aber auch dafür habe ich keinen Beweis. So bleibt letztlich jede Aussage, also auch meine, über Erfahrungen und Begegnungen mit Gott, ein Bericht über eine ganz persönliche, sehr individuelle Erfahrung, die niemanden überzeugen soll und kann. Der Anfang jedes Glaubens und der einzige Weg Gott zu begegnen, seine Existenz zu erfahren, liegt in dem Willen und der Offenheit für eine solche Erfahrung begründet.

 

Foto: knipseline / pixelio.de

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