754378_original_R_B_by_Jörg Blanke_pixelio.de

Vor ein paar Tagen stand wieder ein Besuch bei meinem Freund Piet an. Sonst sitzen wir ja von Zeit zu Zeit bei einem guten trockenen Roten auf der Eckbank an seinem Küchentisch um die Welt zu ordnen, aber diesmal hatte unser Beisammensein einen etwas anderen Beginn und Anlass. Unser Aufsitz-rasenmäher funktionierte nicht mehr so wie er sollte.Das war ein unhaltbarer Zustand! Nicht nur, weil der Garten und die Obstwiese gemäht werden müssen, sondern auch deshalb, weil meine Frau diese Tätigkeit in der Regel übernimmt.

Mein Frau ist nämlich nicht nur schön und klug, sondern eine sehr starke Frau, auch wenn es um die ganz praktischen Dinge des Alltags geht. Wenn sie also beschließt, sich auf den Mäher zu schwingen um die Wiesen konsequent und zielstrebig auf die gewünschte Einheitslänge zu kürzen, dann ist es ratsam für unseren Hund Schoppie und für mich, eilends aus dem Weg zu gehen und für den Rasenmäher besteht die Pflicht einwandfrei und ohne Mucken zu funktionieren. Diesmal hatten Schoppie und ich rechtzeitig die Flucht ergriffen, als meine angetraute Allzweckwaffe den Wiesen zu Leibe rückte, der Rasenmäher hatte aber wohl noch nicht begriffen, was die Stunde geschlagen hatte.

Alles Versuchen, Schimpfen und auch diverse Tritte halfen nicht. Das Ding zog zwar, mit meiner Frau auf dem Fahrersitz thronend, brummend seine Kreise, das Gras wurde davon allerdings nicht sonderlich in Mitleidenschaft gezogen. Was also tun? Piet fragen, ganz klar! Wir wohnen ja noch nicht sehr lange in dieser malerischen Gegend und Fragen, wie die nach einem fähigen Mechaniker, stellt man am besten einem Einheimischen.

Tja, ich wüsste da schon jemanden, der das machen könnte,“ war sein Antwort am Telefon, „aber besser wird sein, wenn ich mir das Ding erstmal selbst anschaue. Vielleicht lässt sich das ja schnell beheben!“

Kurz zusammengefasst, aus dem „selbst anschauen“, wurde, in Ermangelung der richtigen Werkzeuge, Rampen und Hebezeuge, ein Umzug zu Piets Hof. Piet im Auto vorne weg, meine Frau auf dem Mäher knatternd hinterher, Schoppie und ich zu Fuß als Schlusslichter der Karawane. Bald darauf war der Mäher von Abdeckblechen entkleidet, auf Rampen fixiert den Werkzeugen und fachkundigen Händen Piets ausgeliefert. Ich durfte ein wenig assistieren, während mein holdes Eheweib mit Schoppie und Piets Frau Adelgunde mit Piets Dackel den gebührenden Halbkreis um den Ort des Geschehens bilden durften.
„Tja,“ meinte Piet, der halb unter dem Mäher liegend in den Eingeweiden der Maschine hantierte, „der Zahnriemen ist übergesprungen, deshalb schlagen die Messer gegeneinander und der Grund dafür ist eine Feder, die wohl verloren gegangen ist. Ich werde mal nachschauen, ob ich in meinem Werkstattschuppen eine passende habe.“

Piets Werkstattschuppen ist nicht nur eine kleine, feine Werkstatt, sondern auch gleichzeitig ein Lager für alles, was man mal so brauchen könnte. Schrauben, Winkel, Drähte, Bandeisen oder was auch immer sonst gesucht werden könnte, in Piets Regalen findet sich sicher was Passendes. Zielstrebig zog Piet eine kleine Kiste aus einem Regal und kramte zwischen Federn der unterschiedlichsten Längen und Durchmesser. Ich staunte: „Mensch Piet, du hast ja einen ganzen Eisenwarenladen hier!“
Piet grinste: „So reich kann ich gar nicht werden, dass ich nützliche Dinge, die vielleicht irgendwann mal gebraucht werden, einfach wegwerfen würde. Im Laufe der Jahre sammelt sich da schon Einiges an.“ Mit geübtem Blick kramte mein Freund Piet eine Feder aus der Kiste. „Ich denke, die sollte wohl halbwegs passen.“ Mit triumphierendem Blick hob er ein leicht angerostetes, aber durchaus funktionstüchtiges Exemplar in die Höhe. Während Piet sich nun wieder dem Mäher widmete, bemerkte ich an seinem Gesichtsausdruck, wie es gedanklich in ihm arbeitete. Während Piet sonst, auf der Eckbank, an seinem Küchentisch, die Hand hebt, wenn er etwas Wichtiges sagen will, so hob er nun plötzlich einen Schraubenschlüssel. Mir wurde augenblicklich flau in der Magengegend, denn das konnte doch nur bedeuten, ein weiterer, vielleicht kostspieliger und schwer zu beseitigender Defekt an unserem Mäher war entdeckt worden. Weit gefehlt – zum Glück. Piet war einfach an seinem im Schuppen so leichthin gesagten Satz über das Reichwerden und das Wegwerfen hängengeblieben.

Sag mal,“ äußerte er nun bedächtig und mit hoch erhobenem Schraubenschlüssel, „ab wann ist man eigentlich reich?“ Nach einem kurzen Moment des Innehaltens fügte er an: „Wie reich ist reich und wie nennt man es, wenn jemand dann noch reicher ist? Gibt es eine Grenze für Reichtum?“

Mein holdes Eheweib, Piets Frau Adelgunde und ich müssen wohl gleichzeitig so verblüfft ausgesehen haben, dass Piet zu lachen begann.

Sind die Fragen so sonderbar, dass ihr jetzt alle drei verwundert aus der Wäsche schauen müsst?“

Nein, das sind sie nicht!“ entgegnete ich. „Allerdings sind Ort, Zeit und das aktuelle Geschehen schon ein wenig seltsame Begleiter für solche Gedanken.“

Denken und Arbeiten schließen sich nicht grundsätzlich aus!“ sagte Piet, immer noch den Schraubenschlüssel hochhaltend. „Die leicht angerostete Feder hat mich auf diese Gedanken gebracht. Natürlich könnte ich mir leisten, bei Bedarf einfach eine neue Feder zu kaufen, aber die hätten wir nicht sofort hier und, was viel wichtiger ist, es wäre eine unnötige Geldverschwendung. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Reichsein als ein Zustand angesehen wird, der jemandem ermöglicht, bedenkenlos Geld und Dinge zu verschwenden. Aber nochmal zu meiner Frage, ab wann man reich ist. Wenn man genug von allem hat, wenn man mehr als genug hat, oder wenn man mehr als andere hat?“

Das hängt davon ab,“ unterbrach ich Piet, „aus welchem Blickwinkel du das siehst. Der Arme irgendwo auf der Welt, der mit einem Dollar oder weniger am Tag sein Leben bestreiten muss, wird uns alle für unverschämt reich halten. Der Hartz IV Empfänger aus Neukölln wird den Villenbesitzer aus Kronberg im Taunus als reich ansehen und für den Milliardär Bill Gates sind wir alle durch die Bank arme Schlucker.“

Piet nickte: „Da kann wohl angehen! Ob und wie reich jemand ist, hängt also damit zusammen, aus welchem Blickwinkel man das beurteilt.“
„Es hängt auch damit zusammen,“ ergänzte ich, „was man unter Reichtum versteht. Man kann auch reich an Erfahrung, an Wissen, an Herzenswärme, an Mitmenschlichkeit oder auch kinderreich sein. Allerdings hab ich mal gelesen, dass der Begriff „reich“ heute vor allem in Bezug auf das materielle Vermögen eines Menschen gesehen wird. Wusstest du, dass der Begriff „reich“ keltischen Ursprung hat und in der ältesten überlieferten Form „reiks“ im Gotischen die Bedeutung „mächtig“ hatte?“

Nee, woher sollt ich dat wohl wissen?“ entgegnete Piet. „Aber es wundert mich nicht, denn mit Reichtum verbinden wir ja auch heute noch den Geruch von Macht.“
„Ja Piet, vor allem aber hat Reichtum die Bedeutung Überfluss zu haben. Was daran erstrebenswert ist, wenn auf der anderen Seite die Hälfte der Menschheit Mangel hat, verstehe ich nicht.“
Piet nickte nachdenklich und schraubte schweigend weiter an unserem Rasenmäher. Später, als wir dann alle zusammen in seiner Küche am Küchentisch saßen, unser Hund Schoppie zufrieden grunzend unter der Eckbank lag und der gute, trockene Rote in der Gläsern schimmerte, kam mein Freund Piet dann noch einmal auf den Reichtum zu sprechen.

Wisst ihr,“ sagte er mit ernstem Gesicht, „wenn ich so lese und im Fernsehen sehe, wie uns eine Zukunft angepriesen wird, in der selbstfahrende Elektroautos durch Innenstädte gleiten, sich selbst einen Parkplatz suchen, nachdem sie uns vor der Tür unserer Arbeitsstelle, oder vorm Supermarkt abgesetzt haben und dabei die Tatsache, dass Milliarden Menschen schon froh wären, wenn sie ein Fahrrad hätten, aber offensichtlich keine Rolle spielt, dann denke ich, Reichtum ist wohl eher als Suchterkrankung anzusehen und nicht als etwas Erfreuliches. Aber was kann ich kleiner Rentner daran schon ändern?“

Wir nickten nachdenklich und schließlich sagte meine bezaubernde Frau: „Wir alle können etwas tun! Nicht immer viel und sicher keine weltbewegenden Dinge. Aber wenn wir, zum Beispiel, einfach Dinge nicht gedankenlos wegwerfen, weil wir Überfluss haben und es uns leisten können, sondern wertschätzend mit dem umgehen, was wir haben – so wie du mit den Federn und Schrauben in deiner Kiste, dann ist schon viel gewonnen.“

Joh!“ grinste Piet, „Und wenn du dann das, was eine neue Feder gekostet hätte, an eine Hilfsorganisation spendest, die z.B. in Äthiopien neue Brunnen in Dürregebieten baut, oder jemanden, der in Not geraten ist ein wenig unter die Arme greifst, dann ist das eine runde Sache.“

Recht hat er mal wieder, mein Freund Piet. Es sind nicht immer die großen Entwürfe und Visionen, die etwas verändern, sondern oft einfache kleine Dinge, die etwas in Bewegung setzen können.

Foto: Jörg Blanke / pixelio.de

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