Schlauchboote TagesspiegelMeistens haben mein Freund Piet und ich ja viel Spaß, wenn wir auf der Eckbank in seiner Küche sitzen und bei einem Glas vom guten trockenen Roten die Welt ordnen. In der letzten Zeit ist uns der Spaß allerdings etwas abhanden gekommen. Klar, die Missstände und Ungerechtigkeiten dieser Welt waren noch nie ein Anlass zur Fröhlichkeit, aber manche Dinge konnte man doch ab und zu mit einem Augenzwinkern ordnen. Am Küchentisch jedenfalls.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass selbst unser Hund Schoppie, der unsere Gespräche meist mit den tiefen Atemzügen eines selig Schlafenden begleitet und seinen Platz unter der Eckbank allenfalls verlässt, wenn Piets Frau Adelgunde ihm ein Leckerli anbietet, einen traurigen Blick bekommt. Je mehr er vom Welpen zu einem stattlichen, großen Hund wird, um so melancholischer wird sein Blick. Was meine kluge Frau ist, die behauptet allerdings, ich würde da nur meine eigene Melancholie auf unseren Hund projizieren und wahrscheinlich hat sie Recht.

An diesem Tag schaute mein Freund Piet jedenfalls etwas trübsinnig in sein Weinglas und seine sonst üblichen Scherze wollten ihm nicht so recht über die Lippen gehen. Seufzend schüttelte er schließlich den Kopf: „Weißt du, mein Freund, ich glaube unser Jahrzehnt wird später einmal als das Jahrzehnt des Fremdschämens in Erinnerung bleiben.“
Ich nickte und wir nahmen beide einen Schluck vom Roten. „Ich sach mal so,“ meinte Piet, „offensichtlich ist so vielen Menschen in unserer Gesellschaft jegliche Scham abhanden gekommen, so dass die Verbleibenden, die mit einem wachen Gewissen, mit Gerechtigkeitssinn und Mitmenschlichkeit, aus dem Fremdschämen gar nicht mehr herauskommen.“

Ja, Piet, du brauchst nur mal die Nachrichten hören, sehen oder lesen und dann zum Beispiel Kommentare dazu im Internet anzuschauen, dann fühlst du dich in einen Horrorfilm versetzt. Hunderte Menschen ertrinken auf ihrem Weg aus Krieg, Not und Armut und feiste, rechtslastige Figuren würden am liebsten fähnchenschwenkend applaudieren.“

Das ist nur eine der Auswirkungen ganz am Ende der Kette!“ unterbrach Piet mich. „Wenn wir am Anfang beginnen wollen, dann müssten wir zurück in die Kolonialzeit, aber genau genommen hat sich ja nicht viel verändert. Wir beten unsere heilige Wachstumskuh an, feiern Fortschritt und Wohlstand, während andere dafür bezahlen müssen. Manchmal denke ich, wir müssten eigentlich jeden Morgen beim Blick in den Spiegel erst einmal kotzen, wenn wir darüber nachdenken. Wir produzieren und verkaufen fortwährend Waffen, mit denen sich andere dann gegenseitig umbringen. Unsere Konzerne erwerben mit viel Schmiergeld Wasserquellen in trockenen Regionen armer Länder, füllen das Wasser in Flaschen und zwingen die Ärmsten der Armen, ihr eigenes Wasser teuer zu kaufen. Wir kaufen mit Vorliebe günstige Kleidung, wobei es egal ist, ob sie von Billigläden oder Designern angeboten wird und verschwenden keinen Gedanken daran, dass irgendwo dafür junge Frauen rund um die Uhr für einen lächerlichen Lohn an Nähmaschinen verbraucht und missbraucht werden. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen, bis wir schließlich am aktuellen Ende anlangen, dass nämlich gedankenlose und gefühllose Menschen bereit sind, Menschen zugrunde gehen zu lassen, um für sich selbst die Bequemlichkeit und den Wohlstand zu erhalten.“ Schoppi wedelte bestätigend mit dem Schwanz.

Ich konnte Piet nur zustimmen: „Ja, so ist das wohl und wenn es nicht so schrecklich wäre, könnte man laut lachen über die Blauäugigkeit, mit der in unseren Wohlstandsgesellschaften die Zukunft verspielt wird. Wir feiern das selbstfahrende Elektroauto als die moderne Zukunft, klopfen uns auf die Schultern, weil es ja kein Öl mehr verbraucht und verkennen dabei, dass die 2,4 Milliarden Menschen auf dieser Erde, die in extremer Armut leben, sich nicht einmal ein Fahrrad leisten können. Wer glaubt, diese unterdrückten, notleidenden Menschen auf Dauer von unseren Futtertrögen fernhalten zu können, der muss komplett meschugge sein.“

Piet schenkte uns etwas vom guten trockenen Roten nach und ein Weile schwiegen wir, während der Rote sein vortreffliches Aroma auf der Zunge entfaltete. Unter der Eckbank ertönte ein lauter Seufzer, der allerdings sicher nichts mit den Zuständen auf der Welt zu tun hatte. Ich schätze mal, die Ursache dafür war wohl mehr, in einem Traum nach einem lecker gefüllten Fressnapf zu suchen.

Man darf gar nicht zu intensiv darüber nachdenken.“ meinte ich schließlich. „Irgendwann fängt man sonst womöglich noch an, sich für den guten Wein im Glas und das ausgezeichnete Hundefutter im Vorratskeller zu schämen.“

Nein!“ entgegnete Piet heftig. „Wir brauchen uns nicht dafür schämen, dass es uns so gut geht. Alles was nötig ist, wäre die Bereitschaft, ein wenig von unserem Wohlstand zu teilen. Wenn wir bei den Banken und Konzernen anfangen würden, dann würden wir mit Erstaunen feststellen, dass es möglich wäre, alle Menschen auf dieser Erde anständig zu versorgen, ohne dass uns kleinen Leuten dafür etwas genommen würde. So allerdings befürchte ich, unser Erstaunen wird sich mehr darauf beziehen, dass die Migranten, deren Zustrom in so vielen dummen Köpfen wahre Hassorgien auslösen, erst der Anfang sind.“ Zustimmend knurrte Schoppi im Traum.

Und auch diesmal konnte ich nur unterstreichen. Hungrige Menschen werden sich holen, was ihnen zusteht und es wäre besser, wir würden anfangen, freiwillig etwas mehr über das Teilen nachzudenken. Sonst kann es passieren, dass irgendwann irgendwelche Dummköpfe nur noch Waffengewalt, vorzugsweise gleich ein paar Atombomben als Lösung ansehen. Schließlich dürfen wir sicher sein, dass 1,4 Milliarden Menschen nicht alle in Schlauchbooten ertrinken werden, auf ihrem Weg dorthin, wo sich die Dinge befinden, die unsere Erde für alle Menschen bereitgestellt hat.

Foto: Tagesspiegel

 

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