230312_original_R_by_Hartmut910_pixelio.de„Sach mal,“ fragte mein Freund Piet, „kennst du eigentlich Alice im Wunderland?“ Ich blickte ihn erstaunt an. Wenn Piet und ich in seiner Küche auf der Eckbank sitzen, einen guten trockenen Roten trinken, während unser Hund Schoppie unter der Bank ein Schläfchen macht, dann haben wir zwar manchmal die eigentümlichsten Themen, aber Alice im Wunderland schien mir schon ein wenig sehr sonderbar.

„Klar, Piet!“ war meine Antwort „Wer kennt das Buch nicht, oder kann sich nicht wenigstens an den einen oder anderen Satz daraus erinnern?“ Piet nahm einen Schluck vom trockenen Roten und nickte bedächtig. Wir treffen uns ja immer wieder mal, um an seinem Küchentisch die Welt zu ordnen und manchmal erstaunen mich, die klaren Gedanken mit viel Weitsicht, die mein Freund Piet in seiner bedächtigen norddeutschen Art formuliert.
„Weißt du, ich habe kürzlich mal über die Begegnung nachgedacht, die Alice mit der Katze hatte. Würdest Du mir bitte sagen, welchen Weg ich einschlagen muss, fragt Alice und die Katze antwortet, das hängt in beträchtlichem Maße davon ab, wohin du gehen willst. Oh, das ist mir ziemlich gleichgültig, sagt Alice und die Katze meint, dann ist es auch einerlei, welchen Weg du einschlägst.“
„Ja, daran kann ich mich auch erinnern!“ sagte ich nickend. „Mir scheint das eine Beschreibung sehr vieler Menschen in der heutigen Zeit zu sein.“
„Genau, mein Freund.“ bekräftigte Piet. „Wenn ich so die Nachrichten in Radio, Zeitung oder Fernsehen überdenke, dann ist vor allem immer davon die Rede, was nicht sein soll, wohin die Reise nicht gehen sollte und was unbedingt ganz anders sein müsste. Ich denke, auf die Art wird sich aber nicht viel ändern. Solange Menschen nicht genau wissen, wohin sie wollen, oder sich sicher sind, was sie eigentlich wollen, solange können diese nassforschen Finanzlobbyisten, die sich so vernebelnd Politiker nennen, immer weiter ihre eigenen oder die Interessen ihrer Klientel, der Finanzwirtschaft verfolgen.“

Ich war mal wieder sehr erstaunt. Manchmal klingt mein Freund Piet schon ein wenig wie ein Revoluzzer, aber einer im besten Sinne. Piet schenkte uns etwas vom guten trockenen Roten nach und prostete mir zu: „Auf dein Wohl mein Freund!“ und mit einem Blick unter die Eckbank: „Prost Chopin, du kleiner französischer Heißsporn.“ Unserem Hund Schoppie war das mal wieder vollkommen egal, so wie ihn auch unser Thema wohl kaum interessiert hat. Woher? Wohin? Wen interessiert das schon, wenn nur an der nächsten Ecke ein Fressnapf und ein paar Streicheleinheiten warten.

„Manchmal,“ nahm Piet seine Gedanken wieder auf, „manchmal habe ich das Gefühl, unsere Gesellschaft rast mit Höchstgeschwindigkeit und kaputtem Navi durch die Weltgeschichte. Aber selbst wenn das Navigationsgerät funktionieren würde, ist es doch nur dann sinnvoll, wenn man ein Ziel eingibt, in unserer Gesellschaft gibt es aber kaum noch Ziele, die allen gleich bedeutend und wichtig sind. Wir sind so sehr individualisiert, dass jeder nur noch seine Ziele im Auge hat – falls er welche hat.“

„Ja,“ stimme ich Piet zu, „das ist wohl so und es ist uns Jahrzehnte lang als Fortschritt in der menschlichen und der gesellschaftlichen Entwicklung angepriesen worden. Es gab eine Zeit, da war die Maslowsche Bedürfnispyramide als das Non plus Ultra in aller Munde.“
„Moooment, wat für ne Pyramide?“ rief Piet lachend.
„Wie Piet, die kennst du nicht?“
„Nee, muss man das?“

„Nicht unbedingt, aber ich erklär dir schnell worum es dabei geht. Da werden die menschlichen Bedürfnisse in Form einer Pyramide dargestellt. Ganz unten ist die breite Grundlage, das sind nämlich unsere körperlichen Bedürfnisse. Also darunter fallen Dinge wie Essen, Trinken, Schlaf, Sex oder Mutterliebe. Darauf aufbauend liegt das menschliche Sicherheitsbedürfnis, also der Schutz vor Gewalt, Armut, Krankheit und solche Dinge. Dann folgen darauf unsere sozialen Bedürfnisse, unser Wunsch nach Gesellschaft, Freundschaft, Partnerschaft, der übergeht in unsere Individualbedürfnisse. Ganz oben an der Spitze steht das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und das kann erst dann befriedigt werden, wenn die unteren Kategorien erfüllt und gesichert sind.“
„Das ist ja interessant!“ rief Piet aus. „Jetzt verstehe ich, was du meinst. Die, ich nenn sie mal ’niederen Bedürfnisse‘, sind in unserer Gesellschaft für die meisten Menschen gesichert und deshalb ist der Begriff Selbstverwirklichung zu einem so wichtigen Schlagwort geworden.“

Wir schwiegen eine Weile, um ein wenig vom guten trockenen Roten zu genießen und ich konnte an Piets Gesicht sehen, dass es in ihm arbeitete. Kurz darauf hob er die Hand, so wie er es nunmal immer tut, wenn er etwas Wichtige sagen will.
„Ich denke, ich verstehe nun, woran unsere Gesellschaft krankt.“ sagte er mit Bestimmtheit und formte mit seinen Händen ein Dreieck. „Wenn unten ein gesunder Unterbau vorhanden ist, dann erst haben wir die Möglichkeit uns um die Spitze zu kümmern, aber das ist dann genau unser Verhängnis.“

„Verhängnis?“

„Ja, genau! Schau mal, wenn alle anfangen, sich in erster Linie um ihre Individualbedürfnisse zu kümmern, also darum, wohin sie im nächsten Urlaub fliegen, oder welches neue Auto sie anschaffen wollen und darüber hinaus ihren Selbstverwirklichungsträumen nachhängen, dann zerstören wir selbst die Basis der Pyramide Stück für Stück. Eine Gesellschaft kann doch nur funktionieren, wenn alle gemeinsam daran arbeiten und darauf bedacht sind, die Grundbedürfnisse für alle Mitglieder der Gesellschaft zu sichern. Wenn aber dann, nach und nach, jeder nur noch an die Selbstverwirklichung und seine Individualbedürfnisse denkt, dann geht das zu Lasten der Allgemeinheit. Wenn zum Beispiel ein Banker die höchste Form der Selbstverwirklichung darin sieht, Millionen Bonuszahlungen einzustreichen und als der große Finanz-Zampano zu gelten, dann lässt er sich eben auch auf riskante Spekulationen ein, die letztlich die Pleite zur Folge haben, die dann aber auf Kosten der Allgemeinheit verhindert werden muss.“
„Das sehe ich auch so, Piet! Und man könnte eine lange Liste füllen, mit Bereichen, sei es in der Politik, der Wirtschaft, Kultur oder dem Gemeinwesen, in denen keine Entwicklung, sondern eher ein Rückschritt stattfindet.“

„Da sind wir dann wohl wieder bei der rasenden Fahrt ohne funktionierendes Navi.“ sagte Piet lächelnd. „Ein Navi kann nur dann funktionieren, wenn ihm der Standort bekannt ist und wenn ein Ziel eingegeben wird. Millionen Einzelziele mögen ganz geschickt sein, wenn es um die Selbstverwirklichung geht, aber wenn es darum geht, wie und wohin unsere Gesellschaft, unser Land sich entwickeln soll, dann braucht es übergeordnete, gemeinsame Ziele. Um es mal auf meine einfache Art und Weise auszudrücken, die Krankheit heißt, uns geht’s schon zu lange zu gut.“

Da kann ich meinem Freund Piet gar nicht widersprechen.

 

Foto: Hartmut910 / pixelio.de

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