fanatism


Manchmal sind die Themen, die mein Freund Piet und ich an seinem Küchentisch beschnacken, ja mit aktuellen Geschehnissen verknüpft. Aber manchmal, wenn wir bei einem guten Glas trockenen Roten die Welt ordnen, geht es auch um grundsätzliche Dinge.

 

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Das sind die Gelegenheiten, bei denen unser Hund Schoppie regelmäßig unter der Eckbank einschläft. Sein Sinn steht wohl mehr nach den tagesaktuellen Leckerlies, nach Mäusen, die man im Laub aufstöbern kann und nach Deichspaziergängen. Da pfeift der Wind um seine Ohren und die wehende Mähne lässt ihn seinem Namensgeber Chopin ähnlicher werden.

Als wir neulich wieder in Piets Küche saßen und uns mit dem ersten Schluck trockenem Roten zugeprostet hatten, fragte Piet mich ganz unvermittelt: „Sag mal, kannst du eigentlich hassen?“ Ein wenig verdutzt setzte ich mein Glas ab und begann nachzudenken. Da Piet mich so herausfordernd ansah, ließ ich ihn an meinen Gedanken teilhaben.

„Nun,“ sagte ich, „ich hasse sehr wohl. Mein räumliches Sehvermögen ist mitunter etwas eingeschränkt und wenn ich dann Entfernungen nicht richtig einschätze, so dass der Kaffeebecher nicht in meiner Hand seinen Weg zum Mund geht, sondern direkt vom Tisch auf den Boden klirrt, das hasse ich wie die Pest. Oder wenn ich durch eine Tür gehe und den Türrahmen touchiere, weil ich den Durchgang falsch eingeschätzt habe, wenn ich die Klinke nicht in die Hand, sondern schmerzhaft auf mein Handgelenk bekomme, wenn ich einen Text schreibe und dann darin eine unmögliche, stümperhafte Formulierung entdecke, das sind zum Beispiel Dinge, die ich wirklich hasse!“

Piet grinste breit: „Das ist kein richtiger Hass!“ meinte er. „Da bist du einfach nur beleidigt, weil du – wie alle Sterblichen – nicht perfekt bist!“

Ertappt! Ich denke, Piet hat Recht, das ist nicht wirklicher Hass. Bevor ich noch weiter grübeln konnte, wiederholte Piet seine Frage noch einmal etwas präziser: „Kannst du wirklich hassen, Menschen hassen?“

Eine Weile schwiegen wir und nahmen ein paar Schlückchen vom guten trockenen Roten, so dass Piet schließlich noch einmal nachschenken musste. Das brachte seine liebe Frau Adelgunde auf den Plan: „Ich kann euch genau sagen, was ich hasse!“ rief sie laut, „Ich hasse es, wenn zwei erwachsene Männer sich vormittags in meiner Küche betrinken. Also macht hübsch langsam, ihr zwei Küchenphilosophen.“ Das scheint unser Schicksal zu sein! Von biblischen Zeiten, in denen man schon wusste, dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt, bis heute, wo halt der Philosoph in der eigenen Küche nichts gilt – wir Denker haben einen schweren Stand. Vor allem, wenn wir beim Denken auch noch Wein trinken. Wir lachten alle drei herzlich, so dass Schoppie neugierig unter der Eckbank hervorschoss. Gab es hier vielleicht irgendetwas zu naschen?

Schließlich musste ich Piet antworten und nach reiflicher Überlegung lautete die Antwort: „Nein, Piet, ich wüsste nicht, schon einmal Hass auf einen anderen Menschen verspürt zu haben!“

„So geht es mir auch und ich frage mich,“ entgegnete Piet nachdenklich, „ob das wohl daran liegen mag, dass uns noch niemand so verletzt hat, uns so Wertvolles genommen oder so großes Leid zugefügt hat, dass wir einfach keinen Hass empfinden konnten, oder ob das an unserer Persönlichkeit, an unserem Charakter liegt. Ich glaube, dass es Menschen gibt, in deren Persönlichkeit so etwas wie Hass einfach keinen Platz hat.“
„Schau,“ erklärte er nach einer Weile des Nachsinnens, „ich habe ja mit meinen 80 Jahren die Schrecken des Krieges erlebt und rückblickend muss ich sagen, dass mir sehr wohl einiges angetan, genommen und zerstört wurde. Ich hätte also doch reichlich Gründe gehabt zu hassen.“

„Ich glaube, Piet, du hast Recht! Manchen Menschen ist es wohl eher nicht gegeben, Hassgefühle zu entwickeln und zu pflegen. Wenn ich zurückschaue, entdecke ich, dass ich nicht einmal den Menschen, die mich zutiefst verletzt haben, mit Hass begegnen konnte.“

Piet hob die Hand, wie er es immer tut, wenn er etwas Wichtiges sagen möchte: „Weißt du, ich habe Angst! Ich habe Angst, dass ich vielleicht doch noch irgendwann anfange Hass zu empfinden, denn das will ich auf gar keinen Fall!“

Er machte eine kurze Pause, um noch einen kräftigen Schluck trockenen Roten zu nehmen, dann fuhr er leidenschaftlich fort, „Die Entwicklung hier in unserem Land flößt mir diese Angst ein. Bisher habe ich für diese gröhlenden braunen Vollpfosten, die scheint’s nichtmal wissen, wie Menschlichkeit geschrieben wird, nur Verachtung oder in manchen Fällen Mitleid empfunden, aber so langsam merke ich, wie sie mit ihren rechtslastigen Parolen, ihrem dumpfen Hass und ihren Vorurteilen, ihrer Ablehnung alles fremden, bei mir eine Grenze einreißen. Das darf nicht passieren! Das sind sie nicht wert und was noch schlimmer ist, das würde mich mit ihnen auf eine Stufe stellen. Ein schrecklicher Gedanke.“

Da konnte ich nur zustimmend nicken. Ich weiß, dass manche klugen Psychologen behaupten, wer nicht richtig hassen könne, der sei auch nicht fähig richtig zu lieben, aber das ist Quatsch. Wer fähig ist wirkliche, tiefe Liebe zu empfinden, in dessen Herz ist kein Platz für Hass. So als hätte Piet meine Gedanken gehört, fügte er noch einen Satz an.

„Schon in dem alten Bibelbuch kannst du lesen, Furcht ist nicht in der Liebe, die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus – und ich denke, Furcht, die Angst vor Verlust, vor Verletzungen, vor allem Fremden, das unser vertrautes Umfeld und Leben stören könnte, sind für Menschen sehr oft Gründe, sich auf den Hass einzulassen.“ Da hat er wohl mal wieder Recht, mein alter Freund Piet. Deshalb setze ich auch weiterhin auf die Liebe, selbst wenn manch einer darüber lacht.

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Bild: Sabine Adameit / https://cbeachblog.wordpress.com/2016/03/23/fanatism/

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