Ich gebe unumwunden zu, um Lanzen zu brechen, bin ich ein viel zu kleines Licht, aber ein kleiner Zahnstocher darf es schon sein. Mal abgesehen davon, dass ich meine aktive Tätigkeit in der Kommunalpolitik aus verschiedenen Gründen schon vor langer Zeit beendet habe, hat sich im Laufe der Zeit die Erkenntnis in mir durchgesetzt, dass Sensibilität gepaart mit einer gewissen Dünnhäutigkeit im Umgang mit persönlichen Angriffen, eine denkbar schlechte Voraussetzung für das hauptamtliche Politikerdasein sind. Was über unsere Spitzenpolitiker mitunter im Laufe eines Tage an Jauche ausgegossen wird, müssen die meisten von uns nicht einmal während ihres gesamten Lebens ertragen.

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Gerade haben viele deutsche und europäische Spitzenpolitiker und selbsternannte Durchblicker offensichtlich beschlossen, ihren gesamten Vorrat an ätzender Gülle in die Richtung unserer Kanzlerin, Angela Merkel, zu verspritzen. Ich bin es mir schuldig ausdrücklich festzustellen, dass weder die CDU meine Wunschpartei, noch Frau Merkel meine Wahl als Kanzlerin sind. Da ich aber demokratische Entscheidungen respektiere, sehe ich beides als das, was im Moment da ist und womit es sich zu arrangieren gilt. Regelmäßige Wahlen ermöglichen ja immer den Versuch, die Gegebenheiten zu verändern.

Nun machen gerade die Äußerungen eines Österreichers Furore, in denen er – auf küchenpsychologischem Niveau – versucht, mit kruden Theorien Frau Merkel zu diskreditieren. Obwohl dies selbst seiner eigenen Partei nun etwas zu viel wurde, lese ich allenthalben im Netz und anderswo, wie notorische Flachdenker sich an diesen Äußerungen zustimmend ergötzen. Da bleibt mir nur ein staunendes Kopfschütteln! Was immer man Frau Merkel an Motiven unterstellen mag, sie wäre eine schlechte Politikerin, wenn sie all diese Gründe nicht auch gedanklich erwogen oder zumindest zur Kenntnis genommen hätte, aber wer ihr zuhört, der weiß, dass die Gründe für ihr Handeln in der Hauptsache einen ganz simplen Grund haben, Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit. Allerdings sind wir offenbar so sehr daran gewöhnt, dass genau diese Haltungen in der Politik keine Rolle spielen, ja nicht einmal spielen dürfen, dass es vielen sehr suspekt ist, wenn ausgerechnet die Kanzlerin des wirtschaftlich stärksten Landes Entscheidungen, Denken und Handeln davon leiten lässt.

Bei Arno Gruen habe ich im Vorwort seines Buches „Der Wahnsinn der Normalität“, folgenden bemerkenswerten Satz gefunden, dem ich nur zustimmen kann:

Während jene als ‚verrückt‘ gelten, die den Verlust der menschlichen Werte in der realen Welt nicht mehr ertragen, wird denen ‚Normalität‘ bescheinigt, die sich von ihren menschlichen Wurzeln getrennt haben. Und diese sind es, denen wir die Macht anvertrauen und die wir über unser Leben und unsere Zukunft entscheiden lassen. Wir glauben, dass sie den richtigen Zugang zur Realität haben und mit ihr umgehen können. Aber der ‚Realitätsbezug‘ eines Menschen ist nicht der einzige Maßstab, um seine geistige Krankheit oder Gesundheit festzustellen, sondern man muss auch fragen, inwieweit menschliche Gefühle wie Verzweiflung, menschliche Wahrnehmungen wie Empathie und menschliches Erleben wie Begeisterung möglich oder eliminiert sind.“

Ich persönlich habe, gerade durch das Handeln von Frau Merkel, zum ersten Mal seit langem wieder die Hoffnung, dass nicht alle Spitzenpolitiker, hier und im Rest der Welt, nur noch aus einem unverhohlenen Machtkalkül heraus agieren. Dass ausgerechnet Frau Merkel, deren Politik nur selten in der Nähe meiner Wunschvorstellungen für eine bessere Welt stattfindet, nun zeigt, dass menschliche Gefühle, Wahrnehmungen und menschliches Erleben dennoch bei wichtigen Entscheidungen eine Rolle spielen können, das nötigt mir Respekt ab und ist der Grund für diesen kleinen Zahnstocher, den zu brechen mir ein Bedürfnis war.

Foto: Hartmut910  / pixelio.de

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