750560_original_R_B_by_Tim Reckmann_pixelio.de„Neulich,“ sagte mein Freund Piet, während er genüsslich einen Wurstzipfel in den Mund schob, „neulich habe ich mich mal wieder längere Zeit im Internet umgetan. Erstaunlich, was man da so alles erfährt. Ich weiß ja nun jetzt, dass zu Guttenberg keine neue Doktorarbeit schreiben will und Dieter Bohlen gerne Lachs frühstückt.

 

Lauter wichtige Dinge erfahre ich da, so dass ich mich frage, wie ich früher ohne all diese Informationen leben konnte.“ Piet grinste und schenkte zwei Gläser guten trockenen Roten ein.

Der Rote gehört unbedingt dazu, wenn Piet und ich am Küchentisch die Welt ordnen, der Wurstzipfel nicht unbedingt, den hatte Piet aus dem Kühlschrank stibitzt, als sein holdes Eheweib, die Adelgunde, gerade mal nicht in der Küche war. Ein Stückchen von der Wurst hatte Piet unserem Hund Schoppie zukommen lassen, der unter der Eckbank seufzend den Traum von einer großen Wurstfabrik träumte, der Rest war ganz schnell in Piets Futterluke verschwunden.

Das Internet! Ja, das war schon öfter mal Thema, wenn Piet und ich am Küchentisch dem guten trockenen Roten zugesprochen haben. Ein dankbares Thema, denn auf mittlerweile Milliarden Webseiten findet sich immer ein Aufreger oder etwas Wissenswertes.

„Ich sach dir jetzt mal was!“ meinte Piet, „Im Internet kannst du ganz interessante Entwicklungen beobachten! Vor allem hab ich festgestellt, dass es zwei ganz typische menschliche Verhaltensweisen gibt, wenn das Leben mal ein wenig unübersichtlich oder gar schwierig wird. Die einen wenden ihren Blick nach vorn und die anderen schauen zurück.“

Darüber musste ich erst einmal nachdenken! Ich nahm einen großen Schluck vom trockenen Roten und fragte vorsichtshalber nochmal nach: „Du meinst, dass einige dann immer gleich verkünden, dass früher alles besser war?“

Piet nickte. „Nicht nur das, sondern sie versuchen, Lösungen für augenblickliche Probleme in der Vergangenheit zu finden. Da gibt es, zum Beispiel, diejenigen, die früher demonstriert und geschrien haben, die Mauer muss weg. Die erinnern sich jetzt daran, dass wegen der Mauer nicht nur keiner einfach raus konnte, aus ihrem Land, sondern es konnte auch nicht jeder einfach rein. Nun schreien sie nach Zäunen! Der antifaschistische Schutzwall scheint ihnen jetzt eine gute Lösung zu sein, in der Version als antiislamistischer Schutzzaun, sozusagen. Sie möchten ihre Welt gerne wieder in ein draußen und ein drinnen aufteilen und wer ihnen nicht gefällt, muss draußen bleiben.“

Gedankenverloren streichelte Piet unseren Schoppie unter der Eckbank und sah dabei aus dem Fenster.

„Diesen Blick zurück findest du überall.“ sagte er schließlich leise. „Die einen blicken zurück und wollen die D Mark wieder haben, die anderen möchten wieder Grenzkontrollen in Europa und wieder andere würden am liebsten diese ganze Idee eines vereinten Europas aufgeben. Dabei sind wir, unsere Wirtschaft und unser Wohlstand doch genau von diesem Europa der offenen Grenzen abhängig wie kein anderes Land. Aber zum Glück gibt es auch Menschen, die bei anstehenden Problemen nach vorn schauen und Lösungen suchen, die zukunftsgestaltend sind und zwar zum Wohle aller.“

Da konnte ich Piet nur zustimmen. „Du hast ja so Recht, Piet! Nimm nur mal den Papst. Der hat ja in Mexiko eine Ansprache gehalten und ist dabei auch auf das Problem mit dem Zika Virus eingegangen.“

„Zika Virus?“ unterbrach mich Piet, „Was, in aller Welt, ist das denn?“

„Das ist ein Virus, der von bestimmten ägyptischen und der asiatischen Tigermücke übertragen wird. Eine Infektion mit diesem Virus hat zur Folge, dass Neugeborene von infizierten Eltern mit schweren Missbildungen des Gehirns zur Welt kommen. Das hat in Südamerika seit 2015 solche Ausmaße angenommen, dass die Weltgesundheitsorganisation den öffentlichen Notstand internationalen Ausmaßes erklärt hat.“

„Uih!“ staunte Piet, „Davon weiß ich gar nichts!“ Ich grinste: „Darüber findest du auch eine Menge im Internet. Da diese Infektion nachgewiesenermaßen auch durch sexuelle Kontakte übertragen werden kann, könnte sich da eine Bedrohung für die ganze Welt entwickeln. Stell dir mal vor, in Südamerika sind allein im letzten Jahr zigtausende Kinder mir derart schlimmen Missbildungen des Gehirns geboren worden, dass sie kaum überlebensfähig sind. Auch in den USA hat es bereits einige nachgewiesene Fälle gegeben, die wohl durch Touristen verursacht wurden.“

„Und was hat der Papst nun dazu gesagt? Also ich mein, außer der üblichen Empfehlung zu beten?“

„Du wirst staunen Piet! Der Papst hat gesagt, dass Verhütung nicht grundsätzlich böse sei und bei einer drohenden Infektion dieser Art, richtig und wichtig sein könne!“

„Dat hatter gesacht? Uih!“ rief Piet erstaunt. „Da hat er ja nun wirklich den Blick nach vorn gerichtet. Der Blick zurück hätte bedeutet, er beruft sich auf die Enzyklika Humanae Vitae, seines Vorgängers Paul VI, dem Pillen Paul und bleibt stur dabei, dass Verhütung anders als durch Enthaltsamkeit, unbedingt verboten ist.“

„Ja, so ist das, Piet! Der Papst hat den Mut und den Weitblick um besonnen auf Herausforderungen zu reagieren.“

„Genau!“ ereiferte sich Piet, „Das sind eben die Unterschiede in der Blickrichtung. Der Blick nach vorn stellt sich den Herausforderungen und sucht nach praktikablen Lösungen für die Zukunft. Der Blick zurück orientiert sich an Dingen, die nicht zukunftsfähig sind. Wenn heute einige wieder schreien ‚Deutschland den Deutschen‘ dann haben sie zum einen vergessen, dass das schon mal schief gegangen ist und zum andern berücksichtigen sie nicht, dass die in Armut, Krieg, Not und Verfolgung lebende Mehrheit der Menschheit auf Dauer auch nicht durch Zäune davon abzuhalten sein wird, sich ihren gerechten Anteil an dem, was dieser Planet für alle Menschen bieten könnte, einfach zu holen.

Besser als ein Zaun ist sicher der Blick nach vorn. Wenn diese Entwicklung ohnehin nicht aufzuhalten sein wird, warum sie dann nicht nach unseren Vorstellungen gestalten? Dass wir alle, langfristig gesehen, ein Stückchen unseres Wohlstandes werden abgeben müssen, weiß jeder klar denkende Mensch ohnehin. Mit der Blickrichtung nach vorn könnte das auf friedliche, verträgliche Weise geschehen.“

Ja, so ist er, mein Freund Piet! Ein Weltverbesserer, aber einer mit Verstand und Augenmaß.

Foto: Tim Reckmann / pixelio.de

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