751798_original_R_K_B_by_hochzeitsfotograf_pixelio.deManchmal wundert es mich, dass die Welt immer noch in so einem chaotischen Zustand ist, wo mein Freund Piet und ich doch regelmäßig am Küchentisch, bei einem Glas gutem trockenen Roten, die Welt ordnen. Andererseits gibt es ja Milliarden Menschen, die sich redlich mühen, sozusagen über Nacht, alles wieder unordentlich werden zu lassen, was Piet und ich so mühsam geordnet haben. Wir werden also wohl noch lange reichlich zu tun haben.

 

Als wir letztens wieder beieinander saßen, Piet und ich auf der Eckbank und unser Hund Schoppie friedlich schlafend darunter, kam Piets Frau in die Küche und sagte in etwas befremdlich barschem Ton: „Wie lange wollt ihr denn heute wieder hier sitzen und saufen?“ Ich gebe zu, ich war ein wenig irritiert, denn eigentlich ist Adelgunde – ein Name, den ich meinen Kindern nie angetan hätte – eine Seele von Mensch. Immer fröhlich, immer mit einem Scherz auf den Lippen und einem Leckerlie für unseren Hund in der Schürzentasche.

„Nich so bannig lang.“ sagte Piet und lächelte seine Frau dabei zuckersüß an. Aber Adelgunde war nicht zum Lachen zu Mute, sie nickte nur, drehte sich um und verschwand im Wohnzimmer. „Alter Besen.“ meinte Piet leise, aber erst als sie aus der Tür war. ‚Öha!‘, dachte ich und sah Piet mit betont gerunzelter Stirn an. Der rammte mit einem lauten Knall seine Ellbogen auf den Küchentisch und stützte mit einem Seufzen seinen Kopf auf beide Hände. „Tja min Jung… tja ja.“ mehr wollte er dazu nicht sagen. Aber nachdem unsere Gläser dann leer waren, Piet nachgeschenkt hatte und wir uns zuprosteten, war seine trübe Stimmung bereits wieder verflogen. „Weißt du,“ meinte er nachdenklich, „das ist eben so, mit den Frauen und ihren Launen. Du weißt nie, wann es dich trifft und ob es nur eine Windböe, ein Sturm oder gar ein Orkan wird.“

„Da hast du Recht!“ konnte ich Piet nur zustimmen, „Das kenne ich auch und ich denke mal, das haben alle Frauen gemeinsam, sozusagen als Gattungsmerkmal. Deshalb scheint mir auch, dass dieser Defekt genetische Ursachen hat und dafür können sie nichts.“

„Joh,“ meinte Piet, „obwohl ich mir nicht sicher bin, ob das eine Funktionsstörung bei den Frauen ist, oder vielleicht ein Bedienungsfehler der Männer, der dann allerdings auch wieder genetische Ursachen hätte, denn er ist ganz offensichtlich erblich.“

Nach einem großen Schluck vom trockenen Roten hob Piet die Hand, so als wolle er das Publikum um Ruhe bitten und verkündete: „Ich hab da kürzlich was Interessantes gelesen!“ Nun wird der geneigte Leser vielleicht ein wenig staunen, aber tatsächlich, mein Freund Piet liest manchmal auch. Zugegeben, meistens schöpft er seine tiefen Erkenntnisse aus sich selbst, aus dieser eingebauten Quelle der Altersweisheit, aber manchmal holt er sich auch ein wenig Informationsnachschub.

„Also,“ meinte Piet, „was die Schweizer sind, die haben da eine ganz witzige Sache in ihrem Gesetz. Der Volksmund nennt das Heiratsstrafe, aber auch ganz offiziell in Politik und Medien wird das so genannt. Wenn du nämlich in der Schweiz heiratest, wirst du vom Staat bestraft.“

„Wie das?“ fragte ich erstaunt.

„Ganz einfach, du musst mehr Steuern zahlen und zwar im ungünstigsten Fall bis zu 84 Prozent mehr als Paare, die nicht verheiratet sind. Die Schweizer nennen sie ‚Konkubinatspaare‘, aber das nur am Rande, dazu kann man ohnehin nur Asterix zitieren. Es gibt in der Schweiz kein steuerliches Ehegattensplitting, so wie das hier in Deutschland der Fall ist, so dass die Einkommen der beiden Ehepartner bei der Versteuerung einfach zusammengerechnet werden und die Steuern durch die Progression in schwindelnde Höhen getrieben werden.“ Piet machte eine Pause um noch ein wenig vom guten trockenen Roten nachzuschenken.

„Und das lassen sich die Schweizer einfach so gefallen?“ fragte ich erstaunt.

Piet nickte. „Nicht einfach so, sie wehren sich schon seit langem dagegen, aber ohne wirklichen Erfolg. Nun kann man sich ja fragen, was der Staat denn mit solchen Regelungen bezweckt. Nur einfach höhere Steuereinnahmen? Das glaube ich nicht, denn die Schweizer sind ja gründlich und wenn sie höhere Steuern wollen, dann sicher gleich von allen, kommt ja viel mehr bei rum. Nein, ich glaube, das ist eine sehr gut durchdachte Maßnahme der Eidgenossen.“

„Also ich kann darin nur Diskriminierung sehen, weder Weisheit, noch besonders tiefschürfende Denkprozesse!“

„Papperlapapp,“ fuhr Piet dazwischen, „du siehst das zu oberflächlich. In der Schweiz weiß jeder, dass er betraft wird, wenn er eine Heirat in Erwägung zieht. So stellt der Staat sicher, dass nur diejenigen eine Ehe eingehen, die das auch wirklich wollen und bereit sind, dafür sogar zu bezahlen. Außerdem hat das auch noch einen weiteren Effekt. Die Strafe wird ja nur dann fällig, wenn beide weiter berufstätig sind und Geld verdienen. Wenn sich die Schweizerin darauf besinnt, nach der Hochzeit zuhaus zu bleiben und künftig am heimischen Herd für das Wohlergehen ihres eidgenössischen Recken zu sorgen, dann ändert sich ja nichts an der Steuerbelastung.“

„Okay Piet, das sehe ich ein, aber welchen Sinn hat das? Die Schweizer Paare brauchen sich ja nur dafür zu entscheiden, ihr gemeinsames Leben als Konkubinatspaar zu fristen und schon ist das Problem umgangen.“

„Genau!“ stimmte Piet mir zu, „und das ist doch durchaus auch sinnvoll. Stell dir nur die Ersparnis vor, die der Schweizer Justiz dadurch entsteht, dass nicht so viele Scheidungen nötig sind. Man lebt zusammen und wenn es nicht mehr passt, dann trennt man sich. Keine Anwälte, keine Gerichtsverfahren, kein Versorgungsausgleich – einer zieht aus und fertig ist.“

„Das haben wir hier aber doch auch.“ wagte ich leise zweifelnd einzuwenden. „Auch wenn man hier für eine Heirat nicht mit höheren Steuern bestraft wird, es gibt ja trotzdem viele, die nicht heiraten, sondern ein Leben als Konkubinatspaar vorziehen. Obwohl… so eine Bezeichnung ist doch recht abschreckend, eheähnliche Lebensgemeinschaft klingt viel netter.“

„Ja, aber die Schweizer haben damit auch gleichzeitig eine Auswahlmethode geschaffen, mit der die wirklich staatstragenden wackeren Eidgenossen identifiziert werden können. Das sind nämlich die, für die eine Ehe auch ruhig etwas kosten darf und die sogar bereit sind, mit einem einzigen Einkommen auszukommen. Während der Eidgenosse sich dann getrost um Hüte auf Stangen und ähnliche wichtige Dinge kümmern kann, wird er zuhaus von der Eidgenossin versorgt und mit wackeren Nachkommen beschenkt!“ lachte Piet.

„Aber nun mal im Ernst.“ meinte er anschließend, „Natürlich ist es lustig, sich über die Schweizer und ihre Heiratsstrafe zu amüsieren und der Phantasie freien Lauf zu lassen, aber einen Anlass nachzudenken gibt so etwas allemal. Bei uns in Deutschland hat sich die Zahl der Eheschließungen in den letzten 10 Jahren kaum verändert, die Zahl der Scheidungen hat aber stetig abgenommen. So wie es aussieht, besinnen sich wieder mehr Menschen darauf, dass eine Ehe ein langfristig angelegtes Vorhaben ist.

Nimm nur mal meine Adelgunde und mich: Wir sind seit über 40 Jahren verheiratet und das war, weiß Gott, nicht immer leicht. Mal ist der eine garstig, mal der andere und manche unterschiedlichen Erwartungen und Haltungen sind erst im Laufe der Jahre deutlich geworden, aber wir respektieren einander und aus der anfänglich glühenden Liebe ist ein tiefes Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Geborgenheit geworden.

Und nun magst du mich für übergeschnappt halten, aber ich behaupte, genau solche Beispiele brauchen wir heute mehr denn je, gerade weil nun so viele Fremde in unser Land kommen, die so gut es geht integriert werden müssen. Schau, es hilft, so denke ich, nicht viel, diesen Menschen aus einem vollkommen anderen Kulturkreis einfach immer nur mit der Gesetzeskeule zu drohen und ihnen einzubläuen, dass Mann und Frau in unserer Gesellschaft gleichwertig sowie gleichberechtigt sind und Anspruch auf gegenseitigen Respekt haben. Wir müssen ihnen vielleicht einfach auch mal vormachen, wie das geht. Das gilt allerdings auch für alle anderen Bereiche des täglichen Lebens, das gute und richtige Beispiel hilft allemal mehr als Verteufelung, verurteilende Forderungen und Empörung.“

So ist das mit meinem Freund Piet! Wir können anfangen wo wir wollen, am Ende kommt er immer auf die aktuelle Situation in unserem Land zurück und das ist ja auch durchaus verständlich. Aber wie Piet so klug zu sagen pflegt: „Veränderung kann Angst machen, wenn man sie einfach über sich ergehen lässt. Wenn man sie aktiv herbeiführt und bei sich selbst anfängt, ist sie einfach nur spannend.“

Foto: hochzeitsfotograf / pixelio.de

Advertisements

5 Kommentare zu „Mein Freund Piet und die Sache mit der Heiratsstrafe

  1. Da bin ich platt. Dass die Schweizer sich die Ehe etwas kosten lassen, habe ich nicht gewusst, und wenn man darüber nachdenkt, kann man dem Konzept vielleicht sogar etwas abgewinnen. Man denkt ja auch, ein teures Smartphone ist besser als ein günstiges, obwohl das nicht immer stimmt. Trotzdem bleibt man dabei: Es war teurer, also ist es besser. Vielleicht funktioniert das auch bei Ehen … ein bisschen?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s