715486_original_R_by_FotoHiero_Luege_pixelio.de„Prost Gert!“ rief mein Freund Piet fröhlich und hob sein Glas mit gutem trockenen Roten. Wir saßen mal wieder an seinem Küchentisch um die Welt zu ordnen und da gehört der Rote einfach dazu. „Prost Piet!“ rief auch ich und lachend ließen wir unsere Gläser klingen. Piet schaute unter die Eckbank, wo unser Hund es sich gemütlich gemacht hatte und rief: „Prost Schopeng! Wein is nicht für dich, aber Wasser kriegen bei mir auch Franzosen.“

 

Unser Hund heißt eigentlich Chopin und wir nennen ihn Schoppie, weil es kürzer und knackiger ist. Überhaupt ist der Name des französischen Komponisten Chopin für viele deutsche Zungen eine mittelschwere Herausforderung und im Zweifelsfall klingt das dann wie bei Piet. „Schopeng!“ Aber das geht ja nun wirklich nicht, deshalb ermahnte ich meinen Freund Piet, doch lieber bei „Schoppie“ zu bleiben. Was meine Frau ist, die kommt ja mit der französischen Sprache gut zurecht, da klingt der Name immer richtig vornehm. Ich wähle meistens lieber die Kurzform „Choppie“. Nur manchmal, wenn er auf leisen Sohlen aus dem Zimmer schleicht, dann rufe ich schon mal „Komm her mein lieber Schoppinski!“, denn wenn er mit hängenden Ohren davon schleicht, so als ob nichts gewesen sei, dann weiß ich, dass er gerade versucht mir einen Bären aufzubinden.

„Tiere können auch lügen, Piet! Wusstest du das?“ fragte ich meinen Freund den Küchenphilosophen und der nickte grinsend. „Klar,“ meinte er, „aber nicht annähernd so gut wie wir Menschen!“ Er nahm einen guten Schluck vom trockenen Roten. „Viele Menschen belügen sich und andere ihr Leben lang und das nennt man dann vornehm „Selbsttäuschung“. Die meisten merken es nämlich nicht mal. Gerade heutzutage, bei den vielen Möglichkeiten, sich im Internet darzustellen, ist die Versuchung aber auch groß, das eigene Profil und das Bild, was man den Menschen von sich zeigen will, ein wenig zu schönen.“ Piet kicherte und ich konnte ihm nur zustimmen. „Ja, so ist das, Piet! Wenn sich, zum Beispiel, ein alter, verfetteter Lebemann mit einem Bild präsentiert, das er vor vielen Jahren und ungefähr 30 Kilo früher aufgenommen hat, dann täuscht er die anderen, aber eben auch vor allem sich selbst. Aber ist das dann schon eine Lüge?“

Darüber musste Piet nun erst einmal nachdenken. Schließlich kam er zu dem Ergebnis, dass alles, was nicht die Wahrheit ist, doch wohl zwangsläufig Lüge sein muss. „Sieh es mal so, mein Freund,“ meinte er, „zwischen Wahrheit und Lüge ist nicht viel Platz, genau genommen gar keiner. Wir haben uns nur angewöhnt, sprachlich noch einen Zwischenraum zu schaffen, der aber eigentlich nur ein gedankliches Hilfsmittel ist, um uns nicht gar so viel schämen zu müssen. Wenn mich meine Frau fragt, ob ich den Müll schon rausgebracht habe und ich antworte, das wollte ich gerade eben tun, dann sagt sie nur ein wenig spöttisch, ach ja? Sie könnte natürlich auch sagen: lüg nicht, Peter, aber es tut ja nicht Not, den anderen immer mit der Nase in seinen Lügenbrei zu stupsen.“ Piet grinste und schenkte rasch noch etwas von dem guten trockenen Roten nach. „Joh, Piet,“ sagte ich, „das tut wahrhaftig nicht Not. Manchmal muss man einfach barmherzig sein und den Menschen ihre Lebenslügen lassen.“

„Weißt du,“ fiel Piet mir ins Wort, „es gibt ja Lügen, die viel schlimmer sind und die von einem ganzen Volk im Kollektiv gepflegt werden. Nimm zum Beispiel unsere besorgten Bürger, die lauthals dafür plädieren, dass die Hilfe für Flüchtlinge vor Ort einsetzen müsse, nicht erst dann, wenn sie vor unserer Tür stehen. Da haben sie natürlich recht, aber trotzdem ist ihre sachlich vorgetragene Besorgnis nur eine Lüge. Im Grunde ist es den meisten nämlich egal, was mit den Menschen passiert, solange sie hübsch bleiben wo sie sind. Nimm zum Beispiel Äthiopien. Die haben im Moment die schlimmste Dürrekatastrophe seit Jahrzehnten. Dort sind Zehntausende vom Hungertod bedroht und deshalb hat der äthiopische Präsident die Weltgemeinschaft um Nothilfe gebeten. Es werden 1,4 Milliarden Dollar benötigt, um diese Katastrophe abzuwenden. Für die gesamte Weltgemeinschaft nur Peanuts, um mal mit einem früheren deutschen Banker zu sprechen. Obwohl wir locker in der Lage sind, der Türkei 3 oder gar 5 Milliarden aus der deutschen Kasse zuzusagen, um die Armen von unserer Tür abzuhalten, hat die vereinigte Wirtschaftskraft der gesamten Welt sich bisher nur dazu durchringen können, gerade mal 30% der in Äthiopien benötigten 1,4 Milliarden Dollar zuzusagen. Soviel zur Wahrhaftigkeit dieser Aussagen, man wolle Flüchtlingselend doch lieber vor Ort wirksam bekämpfen.“

Ich leerte nachdenklich mein Glas und schaute auf die Flasche, aber die war mittlerweile leer. Komisch! Ob Schoppinski da vielleicht heimlich…? Ach Quatsch, wir brauchen keinen Sündenbock für unseren Hang zu gutem trockenen Roten. Allerdings wäre es doch schön, wenn auch unsere Gesellschaft sich besinnen würde, nicht nach einem Sündenbock zu suchen wenn die ersten 10.000 Hungerflüchtlinge aus Äthiopien vor unserer Tür stehen, sondern im Spiegel auf die eigene Nase schauen würde. Ich schaute zu Piet herüber, aber der war gerade eingenickt. Also nahm ich Schoppie an die Leine, um unseren Rückweg anzutreten. „Komm Schoppie, wir müssen diese verlogene Welt nun Richtung Heimat durchqueren. Aber wenigstens wir werden bei der Wahrheit bleiben, mein Bester: Ich bin ein wenig betüddelt vom Wein, also geh du vor.“

Foto: FotoHiero / pixelio.de

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