727974_original_R_by_Andreas Hermsdorf_pixelio.deGestern war es wieder soweit, mein Freund Piet und ich trafen uns auf ein Glas guten trockenen Roten, um an seinem Küchentisch im Gespräch die Welt zu ordnen. Wir tun das regelmäßig und dass die Welt immer noch nicht ganz in Ordnung ist, liegt nur daran, dass die Verantwortlichen nicht auf uns hören. Aber an diesem Problem arbeiten wir noch.

 

Unser Hund und ich waren ein wenig zerzaust, als wir an der Hintertür zu Piets Küche ankamen, denn auf dem Weg durch die Wiesen zu seinem Hof hatte uns der Wind ordentlich um die Ohren gepfiffen. Aber das gehört zur Küste. Piet würde sicher sagen, eine Küste ohne auflandigen Wind wäre eine Küste ohne auflandigen Wind und dat geiht nich.

Während unser Hund Schoppie Piets Frau stürmisch begrüßte, rumorte Piet bereits in der Speisekammer um eine gute Flasche trockenen Roten hervorzuholen. Nachdem Schoppie und ich uns von unseren Regencapes befreit hatten, war die Eckbank unser Ziel. Piet und ich oben und Schoppie gemütlich liegend unter der Bank. Wir hoben die Gläser und während wir uns zuprosteten meinte Piet: „Auf viele weitere gute Küchengespräche!“ Ich nickte und erwiderte: „Ja, wir werden das auch in Zukunft so beibehalten!“ Als ob ich ihm damit ein sehnlichst erwartetes Stichwort geliefert hätte, hob Piet den Zeigefinger seiner rechten Hand um anzudeuten, dass er nun etwas Wichtiges sagen wolle.

„Mit der Zukunft is dat so eine Sache.“ meinte er. „Mal abgesehen davon, dass natürlich niemand von uns…“ Seine Frau unterbrach ihn an dieser Stelle lachend: „Die Zukunft hier in dieser Küche sieht jedenfalls so aus, dass wir in anderthalb Stunden Mittag essen wollen. Könnt ihr das bitte berücksichtigen?“ Piet nickte, schaute etwas trübselig in sein Glas und meinte: „Wie soll man die wichtigen Dinge des Lebens klären, wenn immer jemand da ist, der mit solchen Kleinigkeiten gedankliche Höhenflüge unterbricht.“ Grinsend begann er dann seinen unterbrochenen Faden wieder aufzunehmen. „Niemand von uns kann sagen, was die Zukunft bringt, aber sicher ist jedenfalls, dass ihre Gestaltung immer hier und jetzt in der Gegenwart beginnt. In dem Zusammenhang hab ich kürzlich was ganz Interessantes gelesen. Es gibt Sprachen, die keine Zukunfts- oder Vergangenheitsform kennen. Wußtest du das?“

Ich schüttelte erstaunt den Kopf. „Siehste,“ sagte Piet, „dat wissen doch die meisten gar nicht und kaum einer weiß, wie sehr unsere Sprache unser Denken und Handeln bestimmt. Es gibt da zum Beispiel ein nordamerikanisches Pueblo Volk, die Zuñi, die keine unterschiedlichen Worte für die Farben gelb und orange haben. Nun haben Wissenschaftler festgestellt, dass die Angehörigen dieses Volkes auch große Schwierigkeiten damit haben, diese unterschiedlichen Farben zu erkennen bzw. zuzuordnen.“

„Interessant!“ war mein Einwurf, „Aber was hat das nun mit der Zukunft zu tun?“

„Jetzt wart doch mal ab!“ entgegnete Piet ärgerlich, „Kommt ja noch, is nur ein Beispiel dafür, wie sehr uns unsere Sprache beeinflusst. Und nu kommt die Zukunft! In der chinesischen Sprache gibt es keine Vergangenheits- und keine Zukunftsform, alles wird immer so gesprochen, als passiere es gerade jetzt in der Gegenwart. Ein neugieriger Wissenschaftler hat versucht herauszufinden, ob das Auswirkungen auf das Verhalten der Chinesen hat und siehe da, es hat. Wenn man, zum Beispiel, Chinesen mit durchgängig regelmäßigem Einkommen vergleicht mit einer entsprechenden Personengruppe aus dem Sprachraum, in dem die Sprache Zukunft als grammatikalische Form kennt, dann stellt man fest, dass die Chinesen, wenn sie in Rente gehen, ungefähr 25 % mehr Erspartes auf dem Konto haben.“

Piet machte eine Pause, schenkte uns noch guten trockenen Roten nach und gab mir damit Gelegenheit, über den Zusammenhang nachzudenken.

Schließlich fragte ich meinen Freund Piet: „Diese Untersuchungen kommen also zu dem Ergebnis, dass die chinesische Vergleichsgruppe deshalb mehr spart, weil in ihrem normalen Sprachgebrauch die Rente und ihre notwendige Ergänzung nicht etwas sind, was in einer fernen Zukunft stattfindet, sondern jetzt in der Gegenwart präsent ist?“

„Genau das!“ meinte Piet, „und ich denke diese Unterschiede ziehen sich durch alle Lebensbereiche. Bei unseren Politiker hat man ja manchmal den Eindruck, dass sie nur auf gegenwärtige Probleme reagieren und auf die Erhaltung ihrer augenblicklichen Macht. Wie können aber auf diese Weise Probleme, die sich in der Zukunft auftun, vernünftig und vorausschauend angegangen werden, wenn sie jetzt noch gar nicht präsent sind? Vom alten Adenauer wird überliefert, dass er vor der Abstimmung über die neuen Rentengesetze seine Referenten fragte, ob das mit der umlagefinanzierten Rente denn auch wirklich so funktionieren könne. Die Antwort war, dass es hervorrragend funktionieren könne, sich lediglich in der Zukunft, je nach Bevölkerungsentwicklung, Probleme auftun könnten. Darauf fragte Adenauer, wann das denn sein könne und auf die Antwort, in 30 oder 40 Jahren vielleicht, soll er gesagt haben, ach so, da bin ich doch schon längst tot.“

Ich nickte und Piet nahm nachdenklich einen Schluck vom trockenen Roten. Ich glaube, Piet und ich hingen denselben Gedanken nach, nämlich der Frage, wie die Zukunft wohl nach dieser großen Flüchtlingszuwanderung aussehen könnte. Werden unsere Politiker das Problem nach alter Sitte auf die Generation der Kinder und Enkel verschieben oder begreifen, dass diese vielen, oftmals sehr jungen Menschen eine Chance für unser Land und unser Sozialsystem bedeuten? Wenn wir statt in militärische Unterstützung der USA und Frankreichs z.B. in massive Betreuungs-, Integrations- und Bildungsmaßnahmen investieren würden. Wenn wir unser Geld nicht dazu verwenden würden, Banken den Hintern zu retten, die das Geld ihrer Kunden verzockt haben, wenn wir die vielen Steuersünder, die unserem Staat jährlich viele Milliarden entziehen nicht billig davonkommen lassen würden, wenn wir Gesetze nicht zum Schutz der Großkonzerne und ihrer Gewinne, sondern zum Nutzen aller Menschen in unserem Land machen würden, wenn, ja wenn…

Piet brachte es auf den Punkt: „Wenn unsere Politiker die Zukunft als einen dringend anzugehenden Bestandteil der Gegenwart ansehen würden, so wie die einfachen chinesischen Sparer, würde sich vieles in unserem Land sehr positiv entwickeln können. Auch der Zustrom dieser Millionen Flüchtlinge.“

 

Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de

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