682017_original_R_B_by_Tim Reckmann_pixelio.deGestern war ich mal wieder bei meinem Freund Piet. Wer meinen Bericht über seine Ansichten zu den Brandstiftern gelesen hat, der weiß, dass Piet mein Nachbar auf dem Bauernhof ein paar Hundert Meter weiter ist und dass er eine Vorliebe für guten trockenen Rotwein hat.

 

 

Unser Hund und ich machten uns also mal wieder auf den Weg über die Wiesen, um Piet einen Besuch abzustatten.
Wie immer wartete er schon am Hintereingang zur Küche und eine gute Flasche trockener Roter stand auch schon auf dem Tisch. Drinnen stand lächelnd seine Frau und wurde von unserem Hund „Chopin“ genannt Schoppie, stürmisch begrüßt. Das mag sicher daran liegen, dass sie ein überaus freundlicher, angenehmer Mensch ist, bestimmt aber auch daran, dass ihre Kleidung immer so einen leichten Hauch von lecker zubereiteten Mahlzeiten verbreitet.

Wie dem auch sei – wir setzten uns an den Küchentisch und begannen im Gespräch die Welt zu ordnen. Das tun wir immer und immer mit großem Erfolg! Plötzlich roch es ein wenig seltsam. Die Quelle des Geruchs war leicht auszumachen, unser Hund hatte einen großen Haufen neben der Küchenherd gelegt. „Schoppie, du Ferkel!“ rief ich, „Du sollst dein Würstchen doch draussen machen!“ „Quatsch Würstchen,“ grinste Piet „er hat gekackt und das ist in Ordnung. Was raus muss, muss eben raus. Nur muss er noch lernen, Bescheid zu sagen.“ Dann bückte er sich und rief: „Komm mal her du kleiner Scheisser!“ Aber der kleine „Scheisser“ saß mit hängenden Ohren neben der Tür und bewegte sich nicht. Vielleicht sollte ich erklären, dass Schoppie noch ein Welpe ist und wenn er bei uns mal sein Geschäft im Flur gemacht hat, fliegt er sofort raus um zu lernen, dass der Garten der bessere Ort ist, um solche Notwendigkeiten zu erledigen.

Als das Malheur beseitigt war, widmeten Piet und ich uns wieder unseren Weingläsern. Piet hob sein Glas, um den funkelnden Roten zu bewundern und meinte dann nachdenklich: „Ist dir schon mal aufgefallen, wie sehr sich unsere Sprache verändert hat?“

„Ja,“ sach ich, „diese ganzen neuen Modewörter, die vor allem von den jungen Leuten gern benutzt werden, sind aber nicht unbedingt eine Bereicherung.“

„Das meine ich gar nicht!“ unterbrach mich mein Freund Piet. „Ich meinte mehr so in Sachen Höflichkeit, da hat sich viel verändert. Überhaupt ist Höflichkeit an sich ja eine recht veränderliche Sache. Früher galt es als höflich, wenn ein junger Mann im Bus einer älteren Dame seinen Sitzplatz angeboten hat. Heute muss man es schon als höflich ansehen, wenn er sie nicht noch frech angrinst, während er breit auf seinem Platz sitzen bleibt. Vor allem aber in unserer Sprache hat sich vieles verändert. Was unsere Eltern uns früher noch als „schlimme Ausdrücke“ angekreidet haben, ist heute doch Teil der Umgangssprache geworden. Scheisse sacht jeder in jedem dritten Satz und der Herr Fischer hat das Wort „Arschloch“ sogar im Bundestag hoffähig gemacht. Damals noch mit der Einleitung „mit Verlaub“, die man heute aber weg lässt.“

„Joh,“ sach ich, „mit den Grünen sind auch andere Sitten in unser Parlament eingezogen!“ Aber mein Freund Piet meinte nur: „Papperlapapp! Es sind keine neuen Sitten ins Parlament eingezogen, sondern eine gesellschaftlich längst vollzogene Veränderung wurde nun auch endlich in den heiligen Hallen der Volksvertreter sichtbar und zur Kenntnis genommen. Die Qualität und der Inhalt von Schimpfwörtern hat sich übrigens mittlerweile sehr verändert.“

Piet schenkte noch etwas von dem hervorragenden Roten ein und wir prosteten uns nickend zu. Unser Hund hatte die Scham über sein Missgeschick längst überwunden und lag zufrieden und schläfrig unter der Eckbank.

„Weisste,“ meinte Piet nach einer Weile, „mich beängstigt diese Veränderung im Umgang miteinander manchmal schon etwas. Bis vor kurzem waren „Hartzer“ oder „Obdachloser“ und „Arbeitsloser“ angesagte Schimpfworte und wenn man jemanden diskreditieren wollte, dann war die Frage, ob derjenige auch zu den Hartz IV Schmarotzern gehört, bestens dafür geeignet. In der letzten Zeit hat sich das sehr verändert. Hartzer, Arbeitslose und Obdachlose sind des Bundesbürgers liebstes Kind geworden. Er umsorgt und verhätschelt sie – allerdings nur mit Worten – und Schimpfworte sind diese Bezeichnungen nun nicht mehr. Dafür haben wir neue Ausdrücke, die mit Ekel und Verachtung ausgesprochen werden. Flüchtlinge, Asylanten, Nordafrikaner, Araber, ja sogar das Wort Moslem sind mittlerweile zu den schrecklichsten und zugleich beliebtesten Schimpfworten mutiert.“

Schweigend nahmen wir beide einen Schluck aus unseren Weingläsern und schauten uns an. „Was sacht diese Veränderung nu über unsere gesellschaftliche Entwicklung aus?“ fragte Piet.

Ein wenig ratlos zuckte ich mit den Schultern. „Vielleicht, dass eine Verrohung stattgefunden hat? Höflichkeit und Freundlichkeit werden ja heute als Geschleime abgetan. Hilfsbereitschaft und Mitgefühl disqualifizieren jeden Mann zum Warmduscher. Das Leben ist leichter geworden, der tägliche Überlebenskampf ist kein Kampf mehr, sondern allenfalls noch eine gewisse Alltagsmühsal. Aber anstatt dass diese Veränderung uns weicher und umgänglicher gemacht hat, kehren wir im Zuge unserer Selbstverwirklichung und dem Bemühen um Authentizität den Harten heraus. Ich bin wie ich bin und wem das nicht passt, der hat Pech gehabt!“

„So könnte man das sehen,“ meinte Piet nachdenklich „aber ich glaube, nicht nur die Entwicklung zu einer rücksichtslosen Ich-Gesellschaft ist der Grund für diese Verrohung, sondern auch die Tatsache, dass es uns schon zu lange zu gut geht. Wir haben einfach vergessen wie es ist, wenn man Hilfe braucht.“

Ich befürchte, da hat er Recht, mein Freund Piet und ich kann nur hoffen, dass wir nicht eines Tages gezwungen werden, diese Lektion ganz neu zu lernen.

Foto: Tim Reckmann / pixelio.de

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