678151_original_R_B_by_Tim Reckmann_pixelio.de.jpgAlso ab und zu treffe ich mal meinen neuen Freund Piet. Er wohnt in der Nachbarschaft und ist Rentner, so wie ich auch. Und was tun zwei Rentner, wenn sie gemütlich am Küchentisch zusammensitzen? Richtig! Klönen über Gott und die Welt. Wenn Piet mich von seinem Fenster aus mit dem Hund auf dem Weg durch die Wiesen zu seinem Hof kommen sieht, dann stellt er schon mal einen guten Roten bereit und seine Frau räumt alles Essbare in die Speisekammer.Nicht, dass nun jemand auf falsche Gedanken kommt, sie tut das nicht wegen mir, sondern weil unser Hund es sonst wegräumen würde. Allerdings nicht in die Speisekammer.

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Neulich saßen wir wieder zusammen, Piet und ich, um im Gespräch ein wenig die Welt zu ordnen. Das können wir gut und wir würden das sicher auch in der Politik besser umsetzen, als die Verantwortlichen. Aber wir haben sie nun mal nicht, die Verantwortung. Die haben wir nur alle paar Jahre mal, dann dürfen wir auf großen Zetteln ein Kreuzchen machen, so als ob wir Analphabeten wären. Ansonsten hat man uns nur die Verantwortung für regelmäßigen Konsum und für ein rechtzeitiges sozialverträgliches Ableben überlassen. Das mit dem Konsum kriegen wir mit etwas Mühe schon hin, mit dem Ableben, da lassen wir uns aber nicht drängeln.

Neulich also, da saßen wir am Küchentisch und hoben unsere Gläser für den ersten Schluck eines guten trockenen Roten. „Prost Gert!“ rief Piet „Und lass dich nur nicht ärgern! Man könnte heutzutage nämlich meinen, die ganze Welt ist nur noch von Leuten bevölkert, die sich ärgern. Oder auch andere!“

„Nee, Piet ich nicht, dafür ist mir meine Zeit zu schade. Aber was meine Frau ist, die ärgert sich schon mal über seltsame Sachen.“

„Erzähl!“ meinte Piet. „Ach weißte,“ sach ich, „neulich hab ich sie schmipfen gehört. Da war sie auf der Toilette und schimpfte lauthals darüber, dass immer sie das letzte Blatt von der Klopapierrolle erwischt.“

„Dat ist aber auch ärgerlich.“ meinte Piet.

„Nee, wieso denn? Überleg doch mal! All die Jahre wo sie allein gelebt hat, war sie doch ganz sicher immer diejenige, die das letzte Blatt von der Rolle gezogen hat. Hat se sich da geärgert? Bestimmt nicht, ist ja auch gar kein Grund dafür da. Klopapier wird nunmal alle, irgendwann. Wenn du nicht das Glück hast, dass es gerade einen Besucher erwischt, musste die Rolle selber wechseln. Aber jetzt, jetzt wo wir zu zweit sind, da soll die leere Rolle ein Grund sein, sich zu ärgern? Nee, nee, lass man.“

Piet nickte ganz nachdenklich und meinte dann: „Recht hast du, aber wenn man plötzlich jemanden hat, dem man den Ärger anlasten kann, dann lässt man ihn eben raus. Das ist ja nun noch harmlos. Ab und zu mal laut schimpfen entlastet die Seele und im Nu ist der Ärger verflogen. Schlimm ist es, wenn die Leute sich von ihrem Ärger vergiften lassen, dann werden sie unerträglich.

Zum Beispiel jetzt, diese Probleme mit den ganzen Flüchtlingen. Ich mein, die Afrikaner, Afghanen, Araber und wo sie sonst noch so herkommen, die gab es ja schon immer. Die waren da, wo sie immer waren und sind einfach so leise vor sich hin gestorben. Verhungert, verblutet oder einfach totgeschossen worden, geärgert hat sich doch hier keiner drüber. Aber nun kommen se her, wollen nicht mehr hungern, nicht totgeschossen werden und auch mal paar anständige Medikamente, wenn se krank sind. Nu ist der Ärger groß, jetzt wo sie hier sind. Gut, bisschen mulmig kann einem schon mal werden, wenn so viele auf einmal kommen, aber ärgern hilft da ja nun auch nicht weiter. Da müssen wir eben alle mit anpacken und sehen, dass wir sie satt kriegen und unterbringen. Ging doch schon mal, nach dem Krieg. Als Millionen hier ankamen, mit nix in der Tasche, ohne Arbeit, ohne Wohnung und nich mal richtig was anzuziehen hatten se. Hat sich doch auch keiner geärgert.

Heute ist der Ärger groß! So groß, dass eine Menge Leute sich wieder an die Sprüche von damals erinnern, aus der Zeit, als wir den Mund schon mal zu voll genommen haben.“

Eigentlich ist mein Freund Piet ja eher nicht so redselig, aber wenn er mal in Fahrt ist, dann kann ihn nur noch das leer gewordene Weinglas aufhalten. Er schenkte also nach, um dann gleich weiter zu erzählen.

„Weißt du was ich meine? Die Parolen wie ‚Deutschland den Deutschen!‘ oder diese Sprüchlein über die deutsche Kultur und Lebensart, über das christliche Abendland und all den Blödsinn, der uns schon mal zu Kopf gestiegen ist. Man könnte meinen, die Leute haben nix gelernt. Und ganz schlimm finde ich, wenn sie dann anfangen Häuser und Menschen anzuzünden!“

„Ja, Piet!“ sach ich, „diese Brandstifter sind wirklich das allerletzte!“

Piet nickte nur und nahm einen Schluck vom Roten. „Verflixt,“ murmelte er, „die Gläser haben ein Loch oder sie sind zu klein. Also mit den Brandstiftern das ist eine ganz diffizile Sache. Da gibt es nämlich diejenigen, die mit Feuerzeug und Brandbeschleunigern Häuser anzünden, egal ob Menschen darin sind oder nicht und dann gibt es auch noch diese verbalen Brandstifter. Die finde ich ja weitaus gefährlicher, denn es sind mittlerweile so ungeheuer viele. Die brauchen kein Benzin, nicht mal ein Feuerzeug! Die zündeln überall und jederzeit. Mit treuherzigem Blick verweisen sie darauf, dass sie noch nie etwas angezündet haben, als aufrechte Bürger auch niemals auf eine solche Idee kommen würden. Aber ihr Feuerzeug und den Brandbeschleuniger haben sie immer dabei. Im Kopf!

Heutzutage wo jeder, jederzeit im Internet seine Leser und sein Publikum findet, triffst du sie überall. Sie tönen mit vor Besorgtheit triefenden Worten vom Vaterland, von armen Obdachlosen, auf die sie früher geschissen haben und trauern um ihre deutsche Kultur, von der sie gestern nicht mal wussten, dass sie eine haben und was genau das sein könnte. Diese Leute machen mir Angst. Sie legen Lunten, zündeln hier und zündeln da, lassen ihren Phantasien freien Lauf. Sie berufen sich auf die Demokratie, auf Meinungsfreiheit und auf ihre Verantwortung fürs Vaterland, während sie in aller Seelenruhe zerstören, was dies Land liebens- und lebenswert gemacht hat. Sie ärgern sich über jeden Dunkelhaarigen, der irgendwann in den Nachrichten als Verdächtiger erwähnt wird und würden all diese Fremden am liebsten zum Teufel schicken.“

Piet blickte stumm in sein leeres Glas und auch mir fehlten weitere Worte zu diesem Thema. Sonst fällt es uns ja relativ leicht, an unserem Küchentisch die Welt zu ordnen, aber diese Sache mit den Brandstiftern, den geistigen und den tatsächlichen, die macht uns doch etwas Mühe.

Wir werden das Thema wohl vertagen müssen, auf eine unserer nächsten Sitzungen mit gutem, trockenen Roten. Aber ganz offen gesagt, lieber wäre es uns, wenn es rasch eine Lösung gäbe für dies Problem mit der geistigen Brandstiftung. Wie gesagt, es kann einem nämlich leicht Angst und Bange werden, wenn man sie so hört und liest. Die Brandstifter mit dem unschuldigen Augenaufschlag, die nie etwas angezündet haben und doch permanent überall Feuerchen legen.

Foto: Tim Reckmann / pixelio.de

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4 Kommentare zu „Mein Freund Piet und die Sache mit den Brandstiftern

  1. Beim Lesen tauchten vor meinem inneren Auge ein paar Aquarellbilder auf – wieso gibts eigentlich keine Bilderbücher für Erwachsene? Das hier wäre der perfekte Text dazu. Toll geschrieben. 🙂

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