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Auf den ersten Blick erregt diese Frage Abscheu. Das kann doch nicht sein, das darf gar nicht sein, dass irgendjemandem „Opfer“ willkommen sind. Selbst der hartgesottenste Verfechter ultranationalen Gedankengutes kann doch nicht froh darüber sein, dass Menschen einem Terroranschlag zum Opfer gefallen sind. Oder etwa doch?

Nun, wenn man genauer hinschaut, gewinnt man tatsächlich den Eindruck, dass es Menschen hier bei uns und anderswo gibt, die nur auf solche Terroranschläge gewartet haben. „Ich habe es doch gleich gewusst!“ sagen sie nun und „Siehst du, das haben wir nun davon!“, wobei das noch die milderen Aussagen dieser Art sind. Triumphierend erklären sie, dass man eben nicht ungestraft Tausende von Flüchtlingen ins Land lassen darf, denn das sei schließlich eine Einladung an alle Terroristen der IS und anderer Organisationen, nun hier in Europa und auch in unserem Land Angst, Schrecken, Grauen und Tod zu verbreiten.

Da spielt es dann auch keine Rolle mehr, dass der Anführer einer Terrorgruppe, der das Massaker in Paris anzulasten ist, einen deutschen Pass hatte, also schon sehr lange hier in Deutschland gelebt haben muss. Fakten spielen eigentlich überhaupt keine Rolle mehr, wenn nur die eigenen Ängste und Vorurteile bestätigt zu sein scheinen.

Die falsche Identifikation mit den Opfern

Wer sich für die Aufnahme und den menschlichen Umgang mit Flüchtlingen einsetzt ist betroffen und versucht das mit eher hilflosen Gesten, wie dem Zurschaustellen der drapeau tricolore und anderen Solidaritätsbekundungen zu zeigen, aber auch diejenigen, die mit Ablehnung auf Flüchtlingen und Fremde reagieren, zeigen sich betroffen. Allerdings eher auf eine anderer Art.Der evangelische Theologe Peter Aschoff schreibt auf seiner Seite „Peregrinato“ in dem Blogbeitrag „Die falsche Identifikation mit den Opfern“ folgende bemerkenswerte Sätze dazu:

Die Terroranschläge der letzten Woche von Beirut und Paris haben eine Welle der Solidarisierung ausgelöst. Wobei Paris es deutlich öfter in den Facebook-Status schafft als Beirut, was auch schon viel aussagt. Richtig verstanden heißt so eine Geste trotzdem erst einmal: Ich fühle mich mit den Opfern dieser Gewaltakte verbunden und teile ihren Schmerz.

Es gibt offenbar aber auch eine andere Seite: Über die Identifikation mit den Opfern stilisiere ich mich selbst zum Opfer und beginne dann im Namen der Opfer auf Vergeltung zu sinnen. Das ist doppelt raffiniert: als freiwillige Geste wahrt es den Anschein der Selbstlosigkeit, der Opferstatus immunisiert gegen Kritik daran, dass man die Gelegenheit ausnutzt, um alte Rechnungen zu begleichen.
So wie all jene, die bei jeder erstbesten Gelegenheit ihre
Vorurteile gegen Muslime und Flüchtlinge als notwendigen Realismus ausgeben und jedem, der anders denkt, Unverantwortlichkeit oder „Gutmenschenkitsch“ unterstellen. Das Tolle am geborgten Opferdasein ist nämlich, dass man relativ ungestraft um sich schlagen und treten darf, obwohl man doch eigentlich unversehrt ist. Je mehr einer austeilen will, desto mehr muss er erst einmal beschwören, wie übel ihm ständig mitgespielt wird.“

 

Diese Analyse scheint mir zutreffend zu sein und genau deshalb wage ich es die Frage „Die willkommenen Opfer?“ zu stellen. Wie unmenschlich und kalt sind wir eigentlich mittlerweile geworden, wenn selbst unschuldige Todesopfer grausamer Anschläge instrumentalisiert werden, um die eigenen Vorurteile zu bestätigen, Angst zu schüren und sein eigenes Süppchen der Ablehnung und des Hasses zu kochen?

Bild: Sabine Adameit / https://wordpress.com/read/post/feed/33349028/866988991

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