Rosaparks Der Name Rosa Parks ist über die Jahre etwas in Vergessenheit geraten, fragt man jüngere Menschen, so können sie ihn nur noch selten einordnen. Menschen meines Alters verbinden mit diesem Namen schon eher genauere Erinnerungen an den Beginn der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Rosa Parks wurde im Dezember 1955 in Montgomery, Alabama verhaftet, weil sie sich weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Fahrgast zu räumen.

 

 

Dies löste den Montgomery Bus Boykott aus, der als Anfang der schwarzen Bürgerrechtsbewegung gilt, die das Ende der sogenannten Jim-Crow-Gesetze herbeiführte. In der Folge kam es zu landesweiten Protestmärschen, das Lied „We shall overcome“ wurde zur Hymne aller friedlichen Demonstranten, die sich trotz massiver Angriffe durch die Polizei, zahlloser Verhaftungen und auch Todesfälle, nicht davon abhalten ließen, an ihrem gewaltlosen Protest festzuhalten und beharrlich für die gesetzliche Gleichbehandlung schwarzer wie weißer Bürger der USA einzutreten.

Wer hätte nicht schon von ihr gehört, dieser legendären „I have a dream“ Rede von Martin Luther King? Je schlimmer die Gegenmaßnahmen der Politik und Polizei wurden, um so standfester beharrten er und viele seiner Mitstreiter darauf, dass Gewaltlosigkeit und das solidarische Zusammenstehen der einzig wirksame und sinnvolle Weg sei, ihre Ziele zu erreichen, die man unter der Überschrift „Alle Menschen sind frei und gleich geboren“ zusammenfassen könnte.

Es gab schreckliche Zusammenstöße, Bilder von gelynchten, erschossenen, niedergeknüppelten, verletzten und blutenden Menschen. Und dennoch wurde so viel erreicht, nahm eine Bewegung ihren Anfang, die am Ende die lange überfällige Gleichstellung aller Rassen vor dem Gesetz zur Folge hatte. Und in all dem Schrecklichen lag eine Poesie, die den Traum einer besseren Welt beschrieb. Die Worte dazu schrieben verängstigte, unterdrückte und unter Ungerechtigkeiten leidende Menschen, die einander die Hand gaben und gemeinsam die Stärke gewannen, um zu widerstehen und auf ihrem Recht zu bestehen.

Nun ist heute Ferguson in aller Munde. Die Todesschüsse eines weißen Polizisten auf einen schwarzen Jugendlichen bewegen die Gemüter. Die Entscheidung der Anklagekammer, gegen den Schützen kein Ermittlungs- bzw. Strafverfahren zu eröffnen findet weltweite Resonanz in schadenfroher Bestätigung, entsetzter Empörung und, was mir der einzig gangbare Weg scheint, sachlicher Akzeptanz.

Der Kolumnist der NZZ bemerkt dazu einige grundsätzliche Dinge, die m.E. Beachtung finden sollten:

„Dass 150 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei und sechs Jahre nach der Wahl des ersten nichtweißen Präsidenten noch immer tiefe ethnische Trennlinien durch die amerikanische Gesellschaft gehen, bestätigt sich in Ferguson einmal mehr. Schwarze und Weiße leben meist nicht nur physisch auf Distanz zueinander, in ethnisch segregierten Wohngebieten, sondern auch in anderen Vorstellungswelten.“

Das mag man beklagen, aber das zu ändern wird mehr benötigen, als zwei Amtszeiten eines „nichtweißen“ Präsidenten. Auch die Tatsache, dass es in Fergusons Polizei faktischen keinen schwarzen Polizisten gibt, obwohl die afroamerikanischen Bürger einen beträchtlichen Teil der Stadtbevölkerung ausmachen, ist schlimm und muss verändert werden. Aber Veränderungen im Bewusstsein und Verhalten der Menschen erreicht man wohl kaum im Gerichtssaal. Die Notwendigkeit für Veränderungen aufzuzeigen und das Ungleichgewicht in der Behandlung der Bürger verschiedener Hautfarbe in Ferguson ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken ist kein einmaliger Akt, der mit einem Einzelfall zu bewerkstelligen wäre. Dazu bedarf es des beharrlichen Willens zur Veränderung, nicht einer Hauruckaktion unter dem Druck aktueller Ereignisse. Ich zitiere noch einmal aus der NZZ:

„Doch von Anfang an erwies sich der Fall Michael Brown als schlecht geeignet, um daraus ein Paradebeispiel für polizeiliche Willkür zu konstruieren. Das Opfer war kein Unschuldslamm, das einfach wegen eines schrecklichen Zufalls ins Visier eines schießwütigen Ordnungshüters geriet. Obwohl manches zum Hergang widersprüchlich bleibt, ist auch einiges klar: Brown war in ein Handgemenge mit dem Polizisten verwickelt, leistete diesem Widerstand, versuchte zu flüchten und ging dann auf den Schützen in einer Weise zu, die als Angriff wirken konnte. Seine Gewaltbereitschaft hatte Brown kurz zuvor bei einem Raubüberfall gezeigt. Wenn trotz diesen Umständen gemäß der erwähnten Umfrage 70 Prozent der Afroamerikaner eine Anklage gegen den Polizisten forderten, ist das auch nicht gerade ein Zeichen von Unvoreingenommenheit.“

Die Entscheidung der Anklagekammer mag man für fragwürdig halten, aber sie entspricht den Vorschriften des amerikanischen Rechtssystems. Neun von zwölf Geschworenen müssen einer Anklage zustimmen; es reicht also, dass vier Jury-Mitglieder der Version von Notwehr Glauben schenken, damit ein Gerichtsprozess unterbleibt. Die Kammer hat ihre Entscheidung auf der Grundlage der vorliegenden Untersuchungsergebnisse, in der Hauptsache Zeugenaussagen und des Obduktionsberichtes getroffen. Es mag durchaus sein, dass acht Kammermitglieder eine Anklage für notwendig und richtig hielten, formal war jedoch die Abweisung rechtens.

Wenn kurz nach der Entscheidung der Jury der Stiefvater des Opfers allerdings zu Brandstiftungen aufruft, wenn gewaltbereite, empörte Bürger und alle, die auf dieser Flamme ihr eigenes Süppchen kochen wollten, dann aber marodierend, plündernd und brandschatzend durch die Stadt ziehen, dann ist das in keiner Weise zu rechtfertigen. Weder formal, noch moralisch oder in sonst einer denkbaren Weise. Politische Scharfmacher nutzten die Gelegenheiten, ihre Interessen zu verfolgen, Oppositionskandidaten sahen eine Chance zur besseren Positionierung und mitten in dieser Gemengelage, eine große Anzahl einfacher Krimineller und Krawallmacher, die für sich die Gunst der Stunde nutzten.

Schrecklich, diese Gewaltausbrüche, deren Ende noch nicht als sicher gelten kann. Schrecklich der Anlass, der einen jungen Menschen das Leben gekostet hat und schrecklich der Zustand eines politischen Systems und eines Rechtssystems, in denen Ungleichheit und Benachteiligung immer noch allzu leicht möglich und geduldet sind.

Aber in diesem Schrecken liegt keine „Poesie“ mehr, ist kein Wille erkennbar, die Welt auch an dieser Stelle zu einem besseren Ort zu machen. Nicht der Traum aufzustehen, aktiv zu werden, um Falsches und Schlechtes zum Besseren zu wenden, sondern einzig und allein Hass, Ablehnung, festsitzende Vorurteile auf allen Seiten und von Gier und Machtgier getriebener Egoismus bestimmen das Handeln.

Mich erschreckt das und ich frage mich, ob unserer Welt die Fähigkeit zur Poesie verloren gegangen ist. Gibt es Poesie, die ja immer auch die Mutter des Guten und Schönen war, nur noch in Worten, in kleinen Versen und Gedichten? Haben wir zwar noch schöne Melodien, Bilder und Worte, aber keine großen Träume mehr, für deren Verwirklichung wir bereit sind, alles zu geben und alles zu riskieren?

Foto:USIA / National Archives and Records Administration Records of the U.S. Gemeinfrei

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