447793_original_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.de.insel Tage wie Heiligabend und Silvester, sind nicht die günstigsten Tage um Einkäufe zu machen, das ist ja nichts Neues. Manchmal kann man es jedoch beim besten Willen nicht vermeiden, sich in den letzten Minuten vor Geschäftsschluss dem allgemeinen Gedränge und Geschiebe, der Ungeduld und der Reizbarkeit auszusetzen, die ebenfalls auf den letzten Drücker einkaufende Mitmenschen so zu verbreiten pflegen. Aber trotzdem kommt es vor, dass in diesem Gewimmel einfach für einen Augenblick die Zeit stehenzubleiben scheint und der Beobachter mit dem Zauber eines berührenden Momentes beschenkt wird.

Der Mann muss wohl so Anfang dreißig gewesen sein und seine Frau sicher nicht viel jünger. Die beiden schoben sich vor mir durch die vollen Gänge eines Migros Supermarktes. Emsig griff sie in ein Regal zu Rechten, zog Kartons und Tüten aus den Auslagen zur Linken und war unablässig damit beschäftigt, den Einkaufswagen zu füllen. Ganz anders er. Mit deutlich gelangweiltem Gesichtsausdruck schob er in einem Kinderwagen, den sicher nur wenige Monate alten Säugling der beiden vor sich her und ließ keinen Zweifel daran, dass er sich in diesem Augenblick an jedem anderen Ort der Welt wohler gefühlt hätte, als ausgerechnet in diesem überfüllten Laden.

Kurze Zeit später traf ich an den Kassen wieder auf die beiden. Sie standen in der Schlange an der Kasse neben mir und ich hatte Gelegenheit, die sie ein wenig zu beobachten. Während die Frau begann, eilig die Waren aus dem Einkaufswagen auf das Kassenband zu legen, ließen die leicht nach oben verdrehten Augen des Mannes immer noch deutlich erkennen, dass er sich sehnlichst wünschte, diesen „Ort des Schreckens“ bald verlassen zu können. Nachdem seine Frau einige Waren auf das Band gelegt hatte, sah ich, wie ihr Blick prüfend auf dem Gesicht ihres Mannes ruhte.

Und dann geschah etwas so Schönes, dass mir fast der Atem stockte. Leise, fast zärtlich legte sie ihre Hand auf den Arm des Mannes und zwang ihn so, ganz sanft aber doch bestimmt, sie anzuschauen. Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte, ganz sicher aber nicht das, was dann passierte. Ein wunderschönes, strahlendes Lächeln durchzog ihr Gesicht und ich konnte – fast wie in Zeitlupe – sehen, wie sich der Gesichtsausdruck ihres Mannes veränderte. Die harten, fast gequälten Gesichtszüge wurden zunehmend weicher, seine Augen begannen zu strahlen und einen kurzen Augenblick lang, schien die Liebe zwischen den beiden fast greifbar zu sein. Während er begann, den Kinderwagen leise zu schaukeln, standen die beiden still nebeneinander und schauten sich nur an. Keine Hektik, kein Geschiebe und Gedränge schien sie mehr zu berühren, so als stünden sie auf einer kleinen, stillen Insel im Ozean der Betriebsamkeit.
Eine Insel, erschaffen aus einem Lächeln.

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