661637_original_R_K_B_by_uschi dreiucker_pixelio.de.morgen Was für eine verrückte Vorstellung. Kein Morgen. Alles zu Ende. Ich meine jetzt nicht irgendeine globale Katastrophe, kein Armageddon, keinen Weltuntergang oder vernichtenden Angriff überlegener Aliens, die alles Leben auf dieser Erde mit einem Schlag auslöschen. Solche Szenarien gab und gibt es ja zuhauf in Büchern und Filmen. Nein, ich meine ihren eigenen, ganz persönlichen Tod. Darüber redet man nicht? Das sollten wir aber. Viele von uns sind sich doch irgendwie ganz dunkel bewusst, dass wir uns sozusagen „auf der Zielgeraden“ befinden. *


Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie das in jungen Jahren war. Sterben? Ja, irgendwann viel später. Ich weiß nicht, wie es ihnen in ihrer Jugend, als junger Erwachsener und später, in den besten Jahren gegangen ist – ich jedenfalls hatte immer irgendwie das unbestimmte Gefühl, unsterblich zu sein. Natürlich nicht im wörtlichen aber doch im übertragenen Sinn. Tod? Das war so weit weg, das passierte anderen, durchaus bedauernswerten Menschen. Meist weit weg, irgendwo da draußen, manchmal auch in der Nachbarschaft oder gar in der eigenen Familie. Aber immer doch ein wenig unwirklich als eine Ungeheuerlichkeit, mit der man – bei aller Trauer – nichts zu tun haben wollte.
Heute, so habe ich festgestellt, haben viele von uns ja eher so eine „schnodderige“ Art mit der Tatsache, dass jedes Leben mit dem Tod endet, umzugehen. Ich erinnere mich da an eine Begebenheit vor ein paar Monaten, als mir ein ehemaliger Schulfreund, mit dem ich nach vierzig Jahren nun via Internet wieder in Kontakt bin, zu meinem Geburtstag gratulierte und mir gleichzeitig in seiner Mail auch mitteilte, dass ein anderer ehemaliger Klassenkamerad in der gleichen Woche an Lungenkrebs gestorben war. Er schrieb: „ Ja, lieber Freund, wir werden älter und die Einschläge kommen immer näher.“
Überkommt sie da manchmal die Angst vor dem Ungewissen? Sind sie auch versucht, das letzte verbleibende Stückchen Leben mit aller Gewalt festzuhalten, es auszukosten und, wenn es möglich wäre, unendlich auszudehnen? Oder können sie dem Ende mit ruhigem Auge entgegensehen, weil es ein reiches, buntes und schönes Leben war, das ihnen die Gewissheit gibt, nichts versäumt zu haben? Im guten Buch heißt es über den Patriarchen Abraham, ‚er starb alt und lebenssatt‘. Für mich eine schöne Vorstellung, lebenssatt zu sein, das Leben in all seinen Facetten mit allen Höhen, Tiefen, Schmerzen und Freuden vollkommen ausgekostet zu haben, aber das ist wohl nicht allen von uns gegeben.
In der letzten Zeit beschäftige ich mich häufiger mit diesen Gedanken und ende oft bei der Frage: „Was ist jetzt eigentlich noch wichtig? Was würdest oder solltest du jetzt unbedingt noch tun?“ Haben sie sich auch schon einmal diese Fragen gestellt? Ich war ein wenig erstaunt über mich selbst und meine Prioritäten, die mir dabei so in den Sinn kamen. Natürlich, die Kinder und Enkel, die sind wichtig, an die denkt man zuerst. Die möchte man auf einem guten Weg sehen, aufwachsen und reifen sehen und erleben, wie sie ihren Platz im Leben und ihr „Stück vom Glück“ einnehmen. Gleich danach kamen mir aber Erinnerungen an die vielen Gelegenheiten in meinem Leben, in denen ich versagt habe. In denen ich Menschen Unrecht getan, verletzt, beleidigt und gekränkt habe. Da taucht dann vielleicht auch die leise Frage auf: „Habe ich noch etwas gut zu machen? Sollte ich hier oder dort um Verzeihung bitten? Kann ich etwas noch gerade rücken, was im Laufe der Jahren so vollkommen schief und in falschen Bahnen gelaufen ist?“
Aber gleichauf mit diesen Fragen bewegte mich der Gedanke: „Was ist es, was von mir bleibt? Was hinterlasse ich auf dieser Welt?“ Damit meine ich jetzt nicht materielle Dinge. Dass wir für unsere Bestattung Vorsorge zu tragen haben, dass Vermögensverteilung, Erbschaftsangelegenheiten und andere finanziellen Angelegenheiten beizeiten geregelt sein sollten, das ist uns sicher allen bewusst. Nein, ich meine damit die Dinge, die wirklich zählen und die eben keine „Dinge“ sind. Werte, Traditionen; Lebensentwürfe, nach denen wir uns ausgerichtet haben und die wir versucht haben, unseren Kindern zu hinterlassen und in unserem Umfeld als prägenden Einfluss auszuleben. All das bewegt mich in Gedanken und ich bin sicher, viele von ihnen haben auch schon in stillen Stunden über solche Fragen nachgedacht.
Ich kann für mich das Fazit ziehen, dass mein Leben keineswegs perfekt war. Es ist beileibe nicht alles rund gelaufen und es gibt auch durchaus Dinge in meinem Leben, auf die ich im Nachhinein nicht sonderlich stolz bin. Aber es war ein erfülltes Leben. Ein Leben, das mich irgendwann an den Punkt geführt hat, es als Geschenk anzusehen. Als Geschenk dessen, der größer ist als ich und der mich gewollt und geliebt hat. Gerade dieser Gedanke lässt mich ganz ruhig in die Zukunft sehen. Wenn es einmal kein Morgen mehr gibt, dann werde ich sehen, was ich geglaubt habe. Im guten Buch steht das Versprechen, dass in Gottes Haus viele Wohnungen bereit stehen und eine davon für mich sein wird. Wie stehts mit ihnen? Haben sie auch so einen Halt für den Tag, an dem es kein Morgen mehr gibt? Oder sagen Sie: „Eine solche „Krücke“ brauche ich nicht, ich habe gelebt wie ich es für richtig hielt und das unvermeidliche Ende schreckt mich nicht, weil es von Beginn an dazu gehört – zum Leben?
Wie auch immer, ich denke, es kann nicht schaden darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn es kein Morgen mehr gäbe.

*Anmerkung: Diesen Beitrag habe ich vor ein paar Tagen zuerst bei Seniorbook.de veröffentlicht. Meine Freunde dort und ich, wir befinden uns überwiegend schon im “Zielgeraden-Alter”.

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