In seinem Büchlein “Die Zeit” schreibt Étienne Klein über das Wesen der Zeit:

Wie kann man das Sein der Zeit begreifen, obwohl ja die Vergangenheit nicht mehr und die Zukunft noch nicht ist und die Gegenwart schon nicht mehr ist, wenn sie gerade anfängt zu sein? Wie kann es eine Existenz der Zeit geben, wenn sie nur aus solchen Nicht-Existenzen besteht?OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Tatsächlich ist die Zeit eine sehr schwer zu begreifende Sache und Klein kommt denn auch zu dem Schluss, dass es sehr gewagt ist, die Zeit auf eine so wenig reale Realität wie den Augenblick zu gründen. Er schreibt weiter:
Man stellt sich den Augenblick immer als eine Art zeitliches Atom vor, einen unteilbaren Grenzpunkt zwischen zwei Nichtigkeiten. Der Augenblick ist nur ein Schauder und ein Schauder hat kein ontologisches Gewicht. Wenn also, wie es Leonardo da Vinci in seinen “Fragmenten” formulierte, “der Augenblick keine Zeit besitzt”, wie könnte dann die Zeit aus Augenblicken bestehen?
Wie dem auch sei, die Zeit ist jedenfalls immer verschwindend, “Sie zeigt sich stets verneint” wie Marcel Conche in Temps et Destin (Zeit und Schicksal) sagt.

Dieser Augenblick, dem selbst keine Zeit innewohnt, der aber offensichtlich der einzige, für uns wahrnehmbare Bestandteil der Zeit ist und unsere Gegenwart, also unser “Jetzt” ausmacht, stellt uns vor das Problem seiner Identität. Das Jetzt, der gegenwärtige Augenblick, erscheint uns immer als ein und derselbe Augenblick, auf gewisse Weise unveränderlich. Die Gegenwart ist wirklich die einzige Sache, so schreibt É.Klein, die kein Ende hat und die immer… gegenwärtig ist. Im Gegensatz dazu existieren  Vergangenheit und Zukunft nur durch die Gedanken, durch Erinnerungen oder Erwartungen, wir können jedoch nicht über sie verfügen.
Schopenhauer beschreibt das Identitätsproblem des Augenblicks, unserer Gegenwart wie folgt: “Einerseits ist der Augenblick mit sich selbst identisch, andererseits nicht; insofern, als er sich von einem Moment zum anderen verändert, ist er verschieden; was aber den Gegenstand (Augenblick) angeht, so ist er derselbe.” Dieser unüberwindbare Gegensatz zwischen der Beständigkeit des Jetzt und der ihm eigenen Dynamik bringt Étienne Klein zu der Frage: “Wie kann man den Augenblick ausdrücken, wenn in ihm Stillstand und Bewegung nebeneinander existieren?”
Fragen über Fragen bringt das Nachdenken über das Wesen der Zeit mit sich, und der Antworten sind viele. Keine dieser Antworten bringt jedoch für uns letztgültige Klarheit über das Phänomen Zeit. Platons Metapher für die Zeit, dass sie nämlich das bewegliche Bild der unbeweglichen Ewigkeit sei, klingt zwar sehr schön und kommt der Wahrheit sicher sehr nahe. Letztlich entzieht sich dies Bild aber auch der Begreifbarkeit durch unseren menschlichen Verstand. Die Einführung des Begriffes “Ewigkeit” macht die Sache eher noch unbegreifbarer.

Nun will ich den geneigten Leser nicht weiter mit philosophischen Gedanken zu unlösbaren Fragen behelligen, nur eine weitere Frage sei noch erlaubt. In seinen Bekenntnissen hatte sich Augustinus diese bedeutende Frage gestellt: “Wie kann ich gleichzeitig in der Gegenwart existieren und mich dabei ausreichend von ihr zurückziehen, um dem Verstreichen der Zeit gewahr zu werden?”

aktives-gehirnAugustinus vertrat die Auffassung, dass die Zeit nur in der Psyche abläuft,  indem dort das Objekt der Erwartung (die Zukunft) zunächst das Objekt der Aufmerksamkeit (die Gegenwart) und dann das Objekt der Erinnerung (die Vergangenheit) wird. Bergson drückt das mit der Behauptung aus, die Zeit sei eine reine Intuition des Bewusstseins.

Wer mir gedanklich bis hierher gefolgt ist, der wird mit Erleichterung feststellen, dass nun der Weg auf vertrauteres Terrain führt. Dies Augustinische “Zurückziehen aus der Gegenwart” scheint mir eine weitverbreitete Übung zu sein, je mehr wir uns dem Weihnachtsfest nähern. Deshalb nenne ich diese Zeit eine “Zeit der Sehnsucht”. In Anlehnung an die schöne Zeile aus einem Song der Bee Gees “When I was small and christmastrees were tall..” meine ich damit die Zeit der Erinnerungen an vergangene Weihnachtsfeste. Als wir noch Kinder waren, Weihnachten noch einen unvergleichlichen Zauber für uns hatte, Weihnachtsbäume uns noch groß und wunderschön erschienen, mit ihren funkelnden Kugeln, Sternen und Lichtern. Krippe Wer erinnert sich nicht an das kindliche Staunen vor der Weihnachtskrippe und den kunstvoll geschnitzten Figuren? Für mich als Großstadtkind, war das die erste Begegnung mit einem Stall, wenn man einmal von den Kaninchen- und Taubenverschlägen in den Hinterhöfen der Bergarbeitersiedlungen in dieser Ruhrgebietsstadt absieht.
Da gab es diesen winzigen Säugling in einer Futterkrippe, durch den – so hatte man mich gelehrt und so glaubte ich das – alles “wieder gut” geworden sei. Wie konnte es auch anders sein, waren doch das Erinnerungsfest seiner Geburt und all die Weihnachtsherrlichkeiten und Geschenke untrennbar miteinander verknüpft?!
In meiner Erinnerung – und ich lese bei vielen anderen auf ihren Blogseiten ähnliche Gedanken -, hatte das Weihnachtsfest meiner Kindheit auch sehr viel mit der besonderen Atmosphäre in Heim und Familie zu tun. Feierlich gesungene Weihnachtslieder, brennende Kerzen, ein Vater, der zuhause war, nicht müde und abgespannt von der Arbeit. Mutter, die unvergleichlich köstliche Mahlzeiten und Leckereien kochen und backen konnte, Spannung, Vorfreude, von atmosphärischem Knistern begleitete, spannende Hörspiele, die uns Kinder vor dem Familienrundfunkempfänger fesselten – all das ist mir unvergesslich. weihnachtsbaum Und wenn ich dann für einen Moment “aus der Gegenwart zurücktrete” um diesen Erinnerungen nachzuhängen, dann mischt sich auch immer ein klein wenig Sehnsucht in meine Empfindungen. Die Sehnsucht danach, dass es doch noch einmal so sein könnte…, so überschaubar, einfach und strukturiert. Die Weihnachtsbäume waren eben groß, und wir waren klein. Aber diese Sehnsucht macht sehr schnell der inneren Freude Platz. Der Freude darüber, dass es in dieser unüberschaubaren Zeit mit ihren Katastrophen, Krisen und Zukunftsängsten doch etwas gibt, das ein unwandelbar festes und unerschütterliches Fundament für mein Leben ist. Mein Leben, das ja nur aus dem einen, gegenwärtigen Augenblick besteht, der sich unweigerlich permanent verändert.
Ja, Zeit ist immer schwindend und je älter ich werde, umso größer erscheint mir mitunter die “Schwundgeschwindigkeit”. Aber es gibt eben diesen einen, der Herr auch über die Zeit ist und der uns Menschen an Weihnachten so nahe gekommen ist, wie es nur möglich sein kann.

 

 

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