Wer mich länger kennt, der weiß, dass ich der Sprache und ihrer Handhabung durchaus zugetan bin. Nicht nur um ihrer möglichen Schönheit willen – die mich fasziniert und erfreut – sondern auch um der Möglichkeiten willen, anhand des Sprachgebrauchs die Denkweise und Geisteshaltung des Sprechenden oder Schreibenden näher zu ergründen.

Gestern bin ich bei Twitter über eine Formulierung gestolpert, die mir schon länger zu denken gibt.

mal ehrlich
Nun geht es mir beileibe nicht um den geschätzen @hirnduebel, dessen Tweets ich mag und dessen Blogsite ich gerne lese. Er lieferte nur den aktuellen Anlass für diese Zeilen. 
Es geht mir um die Formulierungen “mal ehrlich”, “ehrlich gesagt” oder “seien wir ehrlich” und ähnliche Sätze. In den letzten Jahren beobachte ich einen zunehmenden, ja geradezu inflationär angestiegenen Gebrauch solcher Formulierungen im täglichen Umgang miteinander. Natürlich weiß ich, dass derjenige, der einen solchen Satzauftakt benutzt, wohl vor allem darauf hinweisen möchte, dass nun eine, wie auch immer geartete, Aussage der besonders offenen oder persönlichen Art folgen wird.
Dennoch frage ich mich, warum diese Hinweise “nun mal ehrlich zu sein” so sehr in den täglichen Sprachgebrauch Einzug gehalten haben. Sind wir denn ein Volk der Lügner geworden, Menschen, die es mit der Wahrheit nicht mehr so genau nehmen und deshalb besonders darauf hinweisen müssen, wenn sie die Wahrheit sagen? Oder leben wir mittlerweile in einer Gesellschaft, in der es schädlich oder gar gefährlich sein kann, offen und ehrlich seine Ansichten zu Gehör zu bringen, so dass wir mit diesen einleitenden Worten dem Gegenüber zunächst einmal klar machen müssen, dass wir ihn nun ins Vertrauen ziehen?

Ich meine – nicht nur wegen der Zunahme des Gebrauchs solcher Formulierungen – feststellen zu können, dass die Wahrheit der eigenen Äußerungen, die Ehrlichkeit und Klarheit in dem was wir tun und sagen, kein besonders hoch angesiedelter Wert mehr sind, in unserer Gesellschaft der Beliebigkeit.

Interessanterweise beschäftigen sich auch Wissenschaft und Forschung aktuell sehr eingehend mit dem Thema Lüge. Die Sendung nano bei 3sat hat sich kürzlich mit einigen Untersuchungen zu diesem Thema auseinandergesetzt. Hier ein kurzer Auszug aus dem Text:

Lügen verraten sich in den Gehirnmustern

Hektische Aktivität im Bereich der Schläfe entsteht
"Lügen ist anstrengender, als die Wahrheit zu sagen – das Gehirn ist im Schläfenbereich aktiver, wenn man Information verheimlicht", weiß Dr. Matthias Gamer vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf.

Untersuchungen Daniel Langlebens von der Pennsylvania School of Medicine (USA) mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) haben gezeigt, dass sich die Aktivität in bestimmten Hirnbereichen immer dann signifikant erhöhte, wenn die Versuchspersonen logen. Besonders auffällig war der Aktivitätsanstieg im vorderen Gyrus cinguli und in der präfrontalen Großhirnrinde.

Beide Bereiche bestimmen wesentlich mit, welche Gedächtnisinhalte letztlich ins Bewusstsein gelangen. Der erste Bereich steuert die Aufmerksamkeit und dient der Impulskontrolle. Im zweiten dagegen sitzt die hemmende Instanz des Gehirns. Langleben: "Offensichtlich muss man, um eine Lüge auszusprechen, etwas unterdrücken. Und dieses Etwas ist dann wohl die Wahrheit."

Leider konnte ich diese Sendung nicht sehen, da ich meinen Fernseher schon vor langer Zeit in den Keller verbannt habe und, außer bei solchen Gelegenheiten, nicht im Geringsten vermisse. Glücklicherweise gibt’s solche interessanten Inhalte aber auch zum Nachlesen, und im weiteren Verlauf des obigen Textes bin ich auf ein paar sehr bemerkenswerte Fakten gestoßen.

  1. Notorische Lügner haben eine andere Hirnstruktur.
    In Untersuchungen der Universität Südkaliforniens haben Wissenschaftler festgestellt, dass Menschen die häufiger lügen, durchschnittlich 25,7 Prozent mehr weiße Hirnmasse im präfrontalen Cortex hatten und dafür fehlte ihnen im Vergleich zu den normalen Probanden 14,2 Prozent der grauen Hirnmasse. Graue Hirnmasse ist für die Informationsverarbeitung im Hirn zuständig, weiße Hirnmasse für die Informationsübermittlung.
  2. "Lügen lernen" ist ein Teil der geistigen Entwicklung.
    An verschiedenen Universitäten (im Artikel einzeln erwähnt), wurde und wird untersucht, ab wann der Mensch lernt (beginnt) zu lügen und welche Motivation ihn dazu bringt. Unter anderem kommt der Philosoph und Erziehungswissenschaftler David Nyberg von der University of New York aufgrund seiner Untersuchungen zu dieser Aussage:
    "Die Wahrheit zu sagen ist moralisch überbewertet. Ohne Täuschung und Irreführung wäre unser komplexes Beziehungsleben völlig undenkbar."
  3. Am Telefon wird viel häufiger gelogen als in E-Mails.
    Und zwar einzig und allein aus dem Grund, weil in einer E-Mail die Lüge schwarz auf weiß dokumentiert ist. Natürlich erleichtert das Telefon den Gebrauch einer Unwahrheit auch dadurch, dass die Körpersprache, deren schwer zu steuernden und zu kontrollierenden Äußerungen erschweren zu lügen, vollkommen ausgeschaltet ist.

Nochmal zurück zu meiner anfänglichen Fragestellung: Was hat sich da eigentlich eingeschlichen in unsere sprachliche Kommunikation, unseren Umgang miteinander? Ich habe gerade (15.Dezember 20:44 Uhr) mal eine erneute Probe aufs Exempel gemacht und die Suche nach dem Wort “ehrlich” bei Twitter eingegeben. Nachdem ich 150 Tweets gezählt habe, in denen die Formulierungen “mal ehrlich”, “ganz ehrlich”, “ehrlich gesagt” und ähnliche vorkamen, habe ich die Zählung der Tweets, in einer nicht enden wollenden Auflistung, abgebrochen. Offensichtlich ist es wirklich so, dass Lüge zu einem derart verbreiteten Normalfall und Kommunikationsanteil geworden ist, dass man sich tatsächlich laufend gegenseitig versichern muss, jetzt gerade mal die Wahrheit zu sagen.

Wie konnte es dazu kommen, dass Ehrlichkeit nur noch sehr partiell zum Einsatz kommt, und wohin soll uns diese Entwicklung eigentlich führen? Einer der Gründe für diese Entwicklung liegt sicher in unserem heutigen, modernen Menschenbild.
Johann Stöger beschreibt auf seiner Website das “neurobiologische-psychologische Modell der Persönlichkeit” in vier Ebenen.

1. Das Temperament
2. Die emotionale Prägung
3. Das bewusst soziale Verhalten
4. Die sprachliche Kommunikation

Wen die Erläuterungen zu den einzelnen Ebenen im Detail interessieren, kann sie gerne hier nachlesen. Unter der Überschrift “4. Die sprachliche Kommunikation” schreibt er wie folgt:

Diese vierte Ebene bestimmt, wie wir kommunizieren. Hier entsteht unser Selbst- und Wunschbild. Hier lernen wir, wie wir uns darstellen sollen, um voranzukommen. Dies ist die Ebene der Diplomatie, der Verstellung und auch des Selbstbetrugs. Diese Ebene hat die Fähigkeit, sich von den drei anderen Ebenen abkoppeln zu können; sie kann innerpsychisch ein Eigenleben führen.
Die vier Ebenen bestimmen im übrigen unser Fühlen, Denken und Handeln ihrer Stärke nach in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Veränderbarkeit. Das bedeutet, dass sich Handlungsmotive auf der oberen sozialemotionalen Ebene nur dann durchsetzen, wenn sie sich mit tieferliegenden egoistisch-emotionalen Motiven verbünden.

Erschreckend für mich, dass heute also die sprachliche Kommunikation als die Ebene der Verstellung angesehen wird. Zwangsläufig, da wir unser Verhalten hier so gestalten sollen, dass wir “vorankommen”. Was bedeutet, dass sich Handlungsmotive aus der sozialemotionalen Ebene “nur dann durchsetzen, wenn sie sich mit tieferliegenden egoistisch-emotionalen Motiven verbünden.” Unser Streben nach Erfolg und unser komplexes Beziehungsleben  zwingen uns also, zu lügen, zu täuschen und uns zu verstellen?!

Wohin uns diese Entwicklung führt, scheint auch offen auf der Hand zu liegen. Weiß statt grau! Die für die Informationsverarbeitung zuständige, graue Gehirnmasse nimmt immer mehr ab, denn Informationen sind heute so leicht zugänglich, dass sie uns regelrecht überfluten, und ihre Relevanz unterliegt einem so schnellen Verfall, dass es nicht mehr opportun scheint, sie zur Gänze zu verarbeiten und zu speichern. Andererseits wird die Informationsübermittlung, speziell unsere Selbstdarstellung und Außenwirkung, für die der Anteil weißer Gehirnmaße zuständig ist, offensichtlich immer wichtiger. Fortgesetzter vermeintlicher Zwang zur Lüge und Täuschung führt zu einer Zunahme der Maße dieser Gehirnareale. Ein durchschlagender Effekt, wenn man bedenkt, dass dieser Prozess ja bereits in der Kindheit beginnt. Eine Gesellschaft von Lügnern und unwahrhaftigen Selbstdarstellern wächst heran, in der der Einzelne, aufgrund seiner Gehirnstruktur, zwar immer weniger in der Lage sein wird, komplexe Informationen noch sinnvoll zu verarbeiten, aber dafür die gesteigerte Fähigkeit besitzt, ein positives, strahlendes Bild von sich zu zeichnen. Seine soziale und ethische Einstellung ist ambivalent und kommt überhaupt nur noch dann zum Tragen, wenn sich ein Effekt erzielen lässt, der mit “ tieferliegenden egoistisch-emotionalen Motiven” in Einklang zu bringen ist.

Nun noch die unvermeidliche Kurve zu meiner christlichen Glaubenseinstellung 😉

Wie weit haben wir uns im “christlichen Abendland” eigentlich schon von den christlichen Werten, die ja dem Grundgesetz unseres Landes noch zugrunde gelegt wurden, entfernt? In den Worten Salomos lesen wir noch das folgende Loblied auf die Wahrheit:

“Die Worte eines Menschen können eine Quelle sein, aus der immerfort Weisheit sprudelt: unerschöpflich und von tiefer Wahrheit.
Einem falschen Zeugen wird man auf Dauer nicht glauben; wer aber bei der Wahrheit bleibt, wird immer wieder angehört.
Der Herr sorgt dafür, dass die Wahrheit siegt, denn er entlarvt die Worte der Lügner.”

Bei dem Propheten Jeremia liest man dann wie es aussieht, wenn Gott abgeschafft und Wahrheit nur noch durch Konsens definiert wird:

"Sie schießen ihre Lügen ab wie Pfeile; sie besitzen die Macht im Land, weil sie betrügen, und nicht, weil sie die Wahrheit lieben. Sie begehen ein Verbrechen nach dem anderen und wollen mich nicht als ihren Gott anerkennen.”

Diese Worte erinnern mich übrigens ganz fatal an die vielen Klagen über unsere Politiker, die heutzutage in aller Munde sind.
Ich sehe das so: Eine Gesellschaft, die Gott nicht mehr als Gott anerkennen will, die ihn sozusagen bereits weitestgehend abgeschafft hat, wird zwangsläufig zu einer Gesellschaft, in der Lügen und Täuschen als normal und notwendig angesehen werden. Da machen dann “die Mächtigen im Lande” keine Ausnahme. Da hilft es auch nicht, jeder wichtigen Aussage die Worte “mal ehrlich” voranzustellen.

 

 

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