Zeiten der Entspannung, des Spiels und der Muße sind wichtig für ein Leben in Balance, denn wer sein Leben nicht genießen kann, wird auf Dauer auch nicht leistungsfähig sein. Allerdings leben wir in einer Zeit, in der die Übergänge zwischen Berufs- und Privatleben fließend geworden sind. Im 21. Jahrhundert ist immer mehr der Typ des “Lebensunternehmers” gefragt. Das alte, klischeehafte Rollenverständnis “Der Arbeiter arbeitet – und der Chef scheffelt”, ist schon lange aufgeweicht und wird von dem Bild des neuen Selbstständigen verdrängt, für den Persönlichkeitsentwicklung genauso wichtig ist, wie berufliche Qualifizierung und Weiterbildung.
Horst W. Opaschowski schreibt in seinem Büchlein “ Das Moses Prinzip: Die 10 Gebote des 21. Jahrhunderts ”:Moses Prinzip

Jeder ist in Zukunft als Lebensunternehmer gefordert, d.h. der Lebenssinn muss im 21. Jahrhundert neu definiert werden: Leben ist die Lust zu schaffen! Schaffensfreude (und nicht nur bezahlte Arbeitsfreude) umschreibt das künftige Leistungsoptimum von Menschen, die in ihrem Leben weder überfordert noch unterfordert werden wollen.”

Allerdings weist Opaschowski auch darauf hin, dass die Devise Leben ist die Lust zu schaffen, nicht grundsätzlich neu ist. Die italienischen Psychologen  Fausto Massimini und Antonella delle Fave interviewten italienische Bauern in den hochgelegenen Bergtälern der Alpen, die von der industriellen Revolution weitgehend verschont geblieben sind. In ihren Interviews kam zum Ausdruck, wiese_maehendass die Bauern ihre Arbeit nicht von ihrer Freizeit unterscheiden konnten. Bei den Interviewern entstand ein doppelter Eindruck: Die Bauern arbeiten sechszehn Stunden am Tag, oder sie arbeiten überhaupt nicht. Sie melkten Kühe, mähten Wiesen, erzählten ihren Enkeln Geschichten oder spielten Akkordeon für Freunde. Und auf die Frage, was sie denn gern tun würden, wenn sie mehr Zeit für sich zur Verfügung hätten, kam die Antwort: Kühe melken, Wiesen mähen, Geschichten erzählen, Akkordeon spielen. Für ihr ganzes Leben gilt eigentlich nur der Grundsatz: “Ich tue, was ich will".” Das Leben, auch das Arbeitsleben, bot und bietet ständig und gleichermaßen Herausforderungen dafür.

Bei diesen Bergbauern scheinen die Begriffe deckungsgleich zu sein: ihre Lebensleistung ist zugleich auch ihre Lebenslust. Allerdings nicht im Sinne unseres modernen Leistungswahns, der Leistung mit Produktivität gleichsetzt, während er das Gespräch mit Freunden, das Musizieren, Geschichtenerzählen, ja sogar das gemeinsame Essen in der Familie oder im Freundeskreis in den Bereich der “unproduktiven” Freizeit verschiebt.
Mit ein wenig Neid schaut der “moderne Mensch” auf den Zeitwohlstand früherer Kulturen, denen das Wort: “Morgen ist auch noch ein Tag..” noch sehr geläufig war. “Wir haben heute ständig das Gefühl, morgen könnte es bereits zu spät sein.”  schreibt Opaschowski in seinem Buch. Und tatsächlich zieht sich diese Haltung durch unser ganzes Leben. Geschäftliche Termine, die unbedingt eingehalten werden müssen, Fristen, das Rennen mit den Mitbewerbern um den Zuschlag, den ersten Platz, den Gewinn – all das übertragen wir auch auf alle anderen Lebensbereiche: Konsumiere im Augenblick und genieße das Leben jetzt. Wir nutzen die Zeit mehr als wir sie verbringen – im Einklang unseres gesamten Tuns und Seins in allen Bereichen.

Das krampfhafte Bemühen, Leistung und Lust in der Waage zu halten, führt uns zu Burn-out, Erschöpfung und Herzinfarkt auf der einen Seite, und zu zwanghaften Konsum, Genuss und Waage der Kombinationssucht andererseits: das Essengehen mit dem Knüpfen geschäftlicher Verbindungen, das Fernsehen mit dem Zeitunglesen, die Urlaubsreise mit dem Erlernen neuer Sportarten. Die Waage muss unbedingt auf beiden Seiten gleich vollgepackt sein, sonst haben wir zwangsläufig das Gefühl der Unausgewogenheit, des Zukurzgekommenseins auf einer Seite.

Ich denke, der erfolgreiche, neue Typ des Lebensunternehmers sollte Lebenslust und Lebensleistung vereint sehen. Von den italienischen Bergbauern können wir eine andere1294DW02 Art, ein Leben zu bewerten, lernen. Nicht Gegensätze, die gegeneinander aufgewogen werden müssen, sondern ein ganzes Leben, in all seinen Facetten, gilt es zu wiegen. Da empfiehlt sich ein anderer Typ Waage. Eine Waage, die das Gewicht und die Bedeutung eines gesamten Lebens anzeigt. Eines Lebens, in dem Leistung und Lust deckungsgleich sind.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich bei allen Gedanken und Erkenntnissen auch immer einen Bezug zu meinem Glauben herstelle. Bei Dietrich Bonhoeffer habe ich folgenden Satz gefunden:

Gott liebt den Menschen. Gott liebt die Welt. Nicht einen idealen Menschen, sondern den Menschen wie er ist, nicht ein Idealwelt, sondern die wirkliche Welt.

Daran will ich mein “Unternehmen Leben” ausrichten, an der Liebe. Alles mit den Augen der Liebe sehen, aus der Liebe heraus handeln, das hat für mich Gewicht. Ich denke, das ist der Weg zu einem authentischen Leben, in dem Lebenslust und Lebensleistung deckungsgleich werden können, indem sie auf ein übergeordnetes Ziel ausgerichtet sind.

 

 

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4 Kommentare zu „Lebenslust und Lebensleistung

  1. „Unternehmen Leben“ verfälscht aus meiner Sicht den Ansatz, der oben gewählt ist. Unternehmen heisst eben „schneller, höher, weiter – Wachstum“. Und – Unternehmen und „Liebe“ gehen nicht zusammen (gehen Sie in Unternehmen und Sie wissen, was ich meine). Vielleicht passt „Abenteuer Leben“ besser. Denn das ist es, das bleibt es. Darin haben Liebe und Leiden, Spannung und Entspannung, Ruhe und Dynamik Platz.

    Alles andere, was Sie beschreiben, ist schlicht „richtig“. Allerdings werden wenige wirklich mit den Bergbauern tauschen wollen – allenfalls Abschnittweise. Wir lügen uns in die Tasche, so zumindest meine Bewertung, wenn wir alles haben wollen: das Angenehme des „zivilisierten Wirtschafts- und Geldgesellschaft“ und die Lebensqualitäten vorvergangener Lebensformen (wobei wir dann auf die negativen Seiten gerne verzichten wollen).

    Das übergeordnete Ziel ist in der Tat von großer Bedeutung für Orientierung und Klarheit, für ein authentisches Sein. Und gerade das finden viele Menschen nicht mehr. Denn auch das Konzept „Gott“ scheint mir nicht kompatibel mit Bildungs-, Konsum- und Globalmenschen. Oft lässt sich dieses Lebensziel erahnen oder gar finden, wenn Menschen auf sich zurückgeworfen werden: durch Krisen, durch Erleben, durch Tun.

    Das scheint mir der entscheidende Unterschied von „uns“ zu den Bergbauern zu sein. Ihr Wissen ist ein anderes, Ihr Leben ist ein anderes, Ihr Glaube ist anders (keine Fragen). Besser ist das nach meinem Dafürhalten nicht.

    Das „Moses-Prinzip“ mag Anregungen, Impulse, gar Wahrheiten enthalten. Und doch ist es Marketing-Strategie. Pfeilgerade unternehmerisch und – anmaßend. Die 10 Gebote des 21. Jahrhunderts? Wow.

    Die Bergbauern würden Opaschowski als Ketzer aus ihrem Tal und von den Bergen jagen. Denn was sie leben ist auch Demut – viel davon. Sie könnten O. etwas davon abgeben.

  2. Lieber Herr Zirbik!

    Herzlichen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Drei Dinge möchte ich dazu anmerken:

    1. Das Leben ist ein Abenteuer! Da stimme ich Ihnen vollkommen zu. Aus Erfahrung weiß ich, dass auch die Gründung und der Aufbau eines Unternehmens ein Abenteuer sind. Von daher sehe ich den Gegensatz, den Sie herstellen, nicht so ganz. Auch Liebe und Leiden, Spannung und Entspannung, Ruhe und Dynamik sollten übrigens in einem Unternehmen Platz haben, gehören sie doch untrennbar zum menschlichen Leben.

    2. Gott ist kein „Konzept“. Für mich ist er Realität, die Realität! Wir haben keinerlei Beweis für das Vorhandensein einer, wie auch immer gearteten, Realität. Alles was wir kennen, sind elektrische Signale in unserem Gehirn. Ob und wie das tatsächlich existiert, was wir glauben wahrzunehmen, können wir nicht beweisen. Ich nehme Gott als real existierenden Ursprung und die Quelle allen Lebens wahr, und damit ist er für mich ebenso real, wie für sie der Schreibtisch, an dem Sie sitzen und den Sie glauben, mit Ihren Händen fühlen zu können. Gott ist erfahrbar, und zwar mindestens in dem Maße, wie wir glauben, dass die Realität um uns herum erfahrbar sei.

    3. Ich stimme Ihnen vollkommen zu in Bezug darauf, dass Opaschowskis Buch Anregungen (genau die habe ich dort entnommen) und auch Wahrheiten enthält. Sicher ist es keine Anleitung zu einem „Bergbauernleben“ und ganz sicher auch nicht „der Weisheit letzter Schluss“ in Bezug auf Zielfindung und Lebensgestaltung.

    Übrigens habe ich mir die Website Ihrer „Ziele Akademie“ angesehen und muss sagen, dass Sie da eine, in meinen Augen wertvolle und spannende, Aufgabe haben. Weiterhin viel Erfolg damit.

    Grüßle, Sec

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