Meine geschätzten Leser erinnern sich sicherlich, vor einigen Monaten bin ich von “hier nach dort” umgezogen.
Die Wohnung gehört der Gemeinde, die das Gebäude, das auf den Resten einer alten Burg gebaut wurde, vor langer Zeit einmal als Rathaus genutzt hat. Meine Bewerbung um diese Wohnung ging also an die Gemeindeverwaltung und mein Ansprechpartner dort war der stellvertretende Gemeindekämmerer, ein sehr netter Mensch übrigens. (Ich bitte um Verständnis für diese Anmerkung – auch eine kleine, ländliche Gemeinde in Baden-Württemberg hat heutzutage einen Internetzugang!)
Irgendwann wurde ich dann ins Rathaus (das neue, moderne Rathaus) eingeladen, um den Mietvertrag zu unterzeichnen. Mein Erstaunen war recht groß, als mich dieser nette Mensch bei der Vertragsunterzeichnung fragte, ob denn meine Handynummer noch die aktuelle Nummer sei, unter der man mich erreichen könne. Verblüfft fragte ich mich und auch ihn, ob ich ihm denn diese Nummer mitgeteilt habe. Seine, von einem verlegenen Lächeln begleitete, lapidare Antwort war: “Na ja, Internet halt. Sie wissen ja, Google.”
Zunächst, ich gebe es offen zu, war ich ein wenig empört! Da spioniert mir also jemand nach. Der Abgleich mit meinem eigenen Verhalten hat die Empörung dann aber sehr schnell wie eine Seifenblase platzen lassen.
Ein neuer Nachbar ist ins Haus gezogen. Aha, Musiklehrer ist er also. Seine Lebensgefährtin? Ebenfalls Musiklehrerin, ist ja interessant. Kurz darauf – noch ein neuer Hausbewohner. So so, der ist also bei der Piraten Partei… ist ja witzig. Die Mutter meiner Zwillinge erzählt etwas über eine Kollegin, die offensichtlich psychisch ein wenig neben der Spur liegt. Ach, schau an! Die Dame ist aktives Mitglied eines Musikvereines? Seltsam, Musiker sind doch im allgemeinen ganz nette Zeitgenossen.
Kürzlich traf ich bei einem Seminar auf einen unangenehm lauten Dummschwätzer. Aha, der hat aber schon sehr viel angefangen und offensichtlich alles in den Sand gesetzt… Unser Dorfbäcker übrigens, hat anscheinend keinen Internetzugang, über den findet sich ja rein gar nichts im Web. Aber dafür umso mehr über unseren Pfarrer. Einer seiner Vorfahren hat wohl um 1840 herum im Saarland eine Fabrik für Pappmaché-Produkte gegründet.
Endlos die Liste derjenigen Zeitgenossen, die ich im Nachgang zu alltäglichen Begegnungen schon regelrecht “durchgegooglet” habe. Bevor mir dieser nette stellvertretende Gemeindekämmerer sozusagen die Augen geöffnet hat, war mir gar nicht bewusst, wie sehr Google schon zu einem Bestandteil meines Sozialverhaltens geworden ist. Ob ein Busfahrer nun besonders freundlich oder besonders garstig agiert, er braucht nur ein Namensschildchen zu tragen und schon kann ich nicht widerstehen. Die Mutter einer Klassenkameradin einer meiner Töchter fällt mir unangenehm auf? – Google! Eine Zufallsbekanntschaft äußert sehr suspekte politische Ansichten? – Google! Meine Hausärztin erzählt mir von ihren Bedenken hinsichtlich eines bestimmten Medikamentes? – Google!
Ich bin mir nicht sicher, ob ich mein Verhalten und meine exzessive Nutzung der Google Abfrage nun als bedenklich empfinden soll, oder ob einfach künftig der ganz normale Alltagsumgang mit anderen Menschen so aussieht: Jeder findet fast alles über fast jeden Mitmenschen heraus – so er denn will!
Übrigens, so ganz nebenbei gefragt: Wie buchstabiert man ihren Namen nochmal?




9 Kommentare
Kommentar-Feed für diesen Beitrag
6. Oktober 2010 um 14:03
Lars Schäfer
Lieber Sec,
nachdem ich zunächst “hier nach dort” gegoogelt habe und auf ein “Happy Bed Hostel” gestoßen bin (!), ist mir folgernde kleine Anekdote zu Deinem Thema eingefallen:
Letztens berichtete mir ein Seminarteilnehmer, dass er einen Auftrag angeblich deshalb nicht bekommen habe, weil er im Vorfeld seinen Interessenten nicht gegoogelt hätte. Sein Ex-Kunde in spe fühlte sich anscheinend nicht ernst genommen und hätte erwartet, dass “man” sich vorher besser informiert.
Es ist also alles gut: wir werden leben in transparenten Zeiten.
Viele Grüße nach dort,
Lars
6. Oktober 2010 um 14:51
Sec
Schau an, es gehört also heutzutage schon zu den erwarteten Respektsbekundungen, einen Kunden durch die Googlemaschine zu drehen. Gut zu wissen, lieber Lars
Herzliche Grüße zurück!
6. Oktober 2010 um 14:07
Tweets that mention Ich bin ein Googlemaniac! « Sec's Notizen -- Topsy.com
[...] This post was mentioned on Twitter by Lars Schäfer, Mario Tosani and Castello di Mupfel ♥, Gert Adameit. Gert Adameit said: Ich bin ein Googlemaniac!: http://wp.me/pEMHj-3P [...]
10. Oktober 2010 um 13:50
mar.
Da wünsche ich Dir und Deinen Lieben eine gute, gesegnete Zeit in der neuen Wohnung.
Hast Du denn dort auch einen netten Hausmeister?
Herzlich,
mar.
12. Oktober 2010 um 07:42
Sec
Meine “Lieben” wohnen nicht in dieser meiner Wohnung, sondern in ihrer eigenen, deren Dachboden ich gerade (immer noch) ausbaue. Einen netten Hausmeister
haben wir hier leider nicht, lohnt auch nicht bei 5 Mietparteien. Wir regeln alles, was zu regeln ist, auf kurzem, direkten Wege.
Grüßle, Sec
18. März 2011 um 13:18
Günter J. Matthia
Google weiß fast alles – zumindest das, was die Menschen im Internet so preisgeben. Ich wundere mich nur über manche Zeitgenossen, die wohl gar nicht auf die Idee kommen, dass ein potentieller Arbeitgeber oder Vermieter oder Geschäftspartner sich mal eben im Netz umsieht …
“Unser Dorfbäcker übrigens, hat anscheinend keinen Internetzugang, über den findet sich ja rein gar nichts im Web.” – dann ist er vermutlich ein Terrorist in der Warteschleife.
18. März 2011 um 21:06
SecondAttempt
Ich würde, da ich den Bäcker kenne, vermuten, dass er keinen Internetzugang hat, weil er sich in seinem Alter nicht mehr auf so einen “Schweinkram” einlassen will
30. Januar 2012 um 12:18
klarnebel
Es gehört mittlerweile wirklich zum Alltag alles und jeden zu googlen und in gewissem Sinne ist das auch gar nicht schlecht. Man kann mit Nachbarn, Arbeitskollegen usw. doch auch viel leichter ins Gespräch kommen, wenn man schon etwas über sie weiß. Da jeder selber dafür verantwortlich ist, was er auf facebook & co. angibt, kann man sich auch eigl. nicht darüber beschweren.
Menschen sind nunmal neugierig.
30. Januar 2012 um 14:39
SecondAttempt
Dem kann ich uneingeschränkt zustimmen, klarnebel.